Full text: Hessenland (14.1900)

2 
Die Ergänzung des hessischen Offiziereorps zur Zeit Landgraf 
Friedrichs II. 
Von Dr. W. ©rotefenb. 
c \pon welch' hoher Bedeutung ein tüchtiges 
Ls Offiziercorps für den Werth eines Heeres ist, 
I braucht nicht besonders gesagt zu werden. 
In richtiger Würdigung dieses Umstandes haben 
die hessischen Fürsten es schon zeitig für geboten 
erachtet, für Beschaffung eines Stammes brauch 
barer Führer bei ihren Truppen Sorge zu tragen. 
Einen Markstein in der Geschichte des hessischen 
Heeres bildet daher die Regierung des so viel 
geschmähten Landgrafen Friedrich II., der in 
den Jahren 1777 und 1778 zur Heranbildung 
des Offizierersatzes für seine Truppenmacht das 
Kadettencorps errichtete. (Vgl. B. Polen, Geschichte 
des Militär-Erziehungs- und Bildungswesens in 
den Landen deutscher Zunge. Berlin, Bd. 2, 1891. 
S. 130 ff.) 
Jedoch war Landgraf Friedrich keineswegs der 
erste unter unseren hessischen Fürsten, welcher nach 
der eben erwähnten Richtung hin zweckmäßige 
Maßregeln zu treffen bemüht war. Bereits 
Landgraf Moritz der Gelehrte, dieser so wohl 
wollende, leider in seinen Bestrebungen vom Glück 
wenig begünstigte Herrscher, hatte bei Einrichtung 
seines Collegium Mauritianum im Jahre 1618 
laut seines die Gründung desselben betreffenden 
Ausschreibens vom 12. Januar u. a. im Auge, 
„daß dadurch bevorab rittermäßige Personen, so sich 
mit der Zeit in Kriegssachen üben und gebrauchen 
lassen wollen, merkliche große Anleitung und Vor 
theil in Belagerungen befestigter Plätze, wie auch 
Anrichtung und Beschütznng deroselben, sodann 
Ausstellung rechtschaffener Schlacht und anderer 
Ordnungen erlangen, sich auch desto besser in die 
Dinge schicken und zu ihrem löblichen Jntent ge 
reichen mögen". (Sammlung fürstlich-hessischer 
Landesordnungen I, S. 603.) Es war „auch 
gebührliche Anordnung verschaffet, daß . . . allerhand 
gute gewünschte Exercitia beide des Leibes und 
Gemüths, mit Reiten, Ritterspielen, Fechten, 
Tanzen, Roßspringen, Ballspielen, Uebung der 
Waffen und Kriegsordnnng" getrieben werden 
könnten, und „haben von derowegen wir wohl er 
fahrene Personen zu Exercitiis dieses Collegii 
beneben andern, nämlich einen Bereiter, einen 
Fechter, einen Tanzmeister und Roßspringer und 
dann einen wohlgeübten Kriegsmann zu solcher 
Institution anserwählet und bestellen lassen“. 
(S. 604.) 
Die Ungunst der Zeiten verhinderte das Auf 
blühen der Anstalt. Immerhin verdient der Ver 
such des Landgrafen besonders hervorgehoben zu 
werden. Seit der 1506 zu Venedig vollzogenen 
Errichtung der ersten Artillerieschule waren wohl 
auch sonst solche Schulen, in denen wir die ältesten 
militärischen Bildnngsanstalten vor uns haben/ge 
gründet, es waren aber bereits mehr als 100 Jahre 
vergangen, ohne daß man daran gedacht hätte, 
zur Ergänzung des rein praktischen Zweckes dieser 
Schulen noch andere Zweige der Kriegskunst ans 
Schulen zu lehren. Daß dies nöthig sei, hatte 
zuerst der Franzose de la None ausgesprochen 
und zwar im Jahre 1587. Die ersten aber, 
welche dessen Gedanken in die Wirklichkeit zu 
übersetzen bemüht waren, waren fast gleichzeitig 
Gras I o h n n n v v n N a s s a u in Siegen und 
Landgraf Moritz, denen sich einige Jahre später 
kein Geringerer als Wall enstein anschloß. 
(Poten I, S. 3 f.) Der nächstfolgende unter Deutsch 
lands Fürsten, welcher das durch die Ungunst der 
Zeiten vereitelte Werk von Neuem förderte, war 
Friedrich Wilhelm, Brandenburgs großer 
Kurfürst. 
In Hessen war es wieder Landgraf Friedrich II., 
der zu der Erkenntniß gekommen war, daß aus 
diesem Gebiete etwas geschehen müsse, um dem 
vorhandenen Bedürfnisse zu genügen. Er ließ zu 
diesem Zwecke auf dem im Jahre 1710 von 
seinem Großvater Landgraf Karl errichteten 
C o 11 e g i u m Carolinum seit dem Jahre 1764 
auch kriegswissenschaftliche Vorlesungen halten 
(durch den Premierleutnant Pi stör von der 
Artillerie). Laut Pistor's Zeugniß nahmen im 
Jahre 17.70 neun Offiziere, Fähnriche, Frei- 
kvrporale und Pagen au seinem Unterrichte, 
speziell überFeldverschanzungTheil. Im Jahre 1771 
wurde der Ingenieur Mauvillvn behufs Er-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.