Full text: Hessenland (14.1900)

62 
Zusammenkunft mit dem Landgrafen Wilhelm IV. 
von Hessen. Als einem Anstifter der Bartholomäus 
nacht kam die evangelische Bevölkerung dem fran 
zösischen Prinzen sehr wenig freundlich entgegen, 
in Frankfurt wäre es beinahe sogar zum Blut 
vergießen gekommen. In recht anschaulicher und 
lebhafter Weise erzählte Dr. med. Schwarzkvpf 
aus seiner Jugendzeit über ein Zusammentreffen 
mit dem heimischen, begabten Dichter Ernst Koch 
im Hotel Schirmer. Die liebenswürdige Erzählung 
des allgemein verehrten Redners, die durch humo 
ristisch gehaltene Erinnerungen an einige würdige 
Kasseler Pädagogen der 50 er Jahre noch besonders 
gewürzt wurde, ist im Kasseler Tageblatt wörtlich 
abgedruckt. Für den abwesenden Bibliothekar Dr. 
Scherer, der unter allgemeinem Bedauern sein 
Schriftsühreramt im Geschichtsverein zur Entlastung 
seiner angegriffenen Gesundheit bis ans Weiteres 
niederlegen mußte (vergl. „Hessenland" Nr. 4, S. 51) 
übernahm Direktorialassistent vom Museum zu Kassel 
Dr. Böhlau die Verlesung eines Manuskripts 
über am Hofe des Landgrafen Wilhelm IV. be 
schäftigte Bildhauer. Die fesselnden Darlegungen 
Dr. Scherer's bezogen sich hauptsächlich aus Werke 
des Bildhauers Wilhelm Vernuckeu in den 
vorn Landgrafen Wilhelm erbauten Schlössern, so 
der Wilhelms bürg bei Schmalkalden und 
dem Rotenburger Schloß, ferner aus ein von dem 
genannten Bildhauer verfertigtes Grabdenkmal für 
Landgraf Philipp in St. Goar, von dem von 
Herrn Vizebürgermeister Meyer in St. Goar 
gütigst zur Verfügung gestellte Photographien, die 
zur Vorlage gelangten, einen höchst erfreulichen 
Eindruck gewinnen ließen. Auch die aus dem 
Prachtwerke von Otto Gerland und Laske 
über die Wilhelmsburg vorgelegten Tafeln mit 
Abbildungen bewiesen die künstlerische Tüchtigkeit 
des Bildhauers. Die Arbeit Dr. Scherer's wird 
demnächst erweitert und ergänzt in der Zeitschrift 
des Vereins zum Abdruck gelangen. Ter zur Zeit 
in Kassel weilende Herausgeber des „Burgwarts", 
Herr Krollmann, erläuterte im Anschluß an 
eine im Jahre 1683 erschienene Schrift zu 
Ehren der Freifrau Amalie vvnLandas-Degen- 
seld, die unter den Anwesenden zirkulirte, in ge 
drängten Zügen die Geschichte der Herrschaft 
Ramholz im Kreise Schlüchtern. Schließlich 
gedachte Oberlehrer a. D. Grebe unter Hin 
weis auf den am 17. Februar 1500, also vor 
400 Jahren ^erfolgten Tod des Landgrafen 
Wilhelm III. dessen Grabdenkmals in der 
Elisabethkirche zu Marburg. Der aus 
führliche Vortrag ist in der Kasseler Allgemeinen 
Zeitung vom 17. Februar im Wortlaut wieder 
gegeben. 
Am 26. Februar fand zu Kassel die Monats - 
Versammlung statt und zwar in Verhinderung 
der beiden Vorsitzenden Bibliothekar Di-. Brunner 
und Landesrath Dr. Knorz unter dem Vorsitz von 
Dr. med. Schwarzkopf, welcher nach Erstattung 
der geschäftlichen Mittheilungen über den 1415 
erbauten Druselthurm zu Kassel in seinem 
früheren Zustande sprach. Nach den überzeugenden 
Darlegungen des Herrn Redners, der sich auf die 
bildlichen Darstellungen im Plan von Kassel von 
1547, den Nitterspielen von Dilich aus dem 
Jahre 1602 und dem Merian'schen Stadtplan aus 
der Zeit des 30 jährigen Krieges stützte, auch selbst 
ein Modell des Thurmes vorzeigte und an der 
Tafel konstruktive Zeichnungen entworfen hatte, war 
derselbe, oben mit vier Erkern und vermuthlich einem 
Rundgang versehen, unmittelbar in der alten Stadt- 
mauer angelegt und wurde zu Gesüngnißzwecken 
benutzt. Näheres ist nicht mit Sicherheit zu er 
mitteln. Der anwesende Stadtrath Schmidt 
konnte aus den Akten des Verschönerungsvereins 
berichten, daß derselbe schon früher die Wieder 
herstellung des Druselthurms in alter Gestalt be 
absichtigt habe, daß aber ein daraufhin von 
sachverständiger Seite ausgearbeitetes Projekt der 
historischen Wahrscheinlichkeit zu wenig entsprochen 
habe und infolgedessen unausgeführt geblieben sei. 
Später habe eine für sehr sachverständig gehaltene 
Persönlichkeit die Ansicht aufgestellt und zu be 
gründen versucht, daß der Druselthurm garnicht 
in der alten Besestigungslinw gestanden habe, 
sondern außerhalb derselben zu Gefängniß 
zwecken besonders angelegt sei. Ans dieses Gut 
achten hin habe man die Absicht der Wieder 
herstellung völlig fallen lassen. Dann wurde dieser 
Gegenstand verlassen und Oberlehrer a. D. Grebe 
hielt den angekündigten Vortrag über die Mytho 
logie der alten Chatten, der von der zahl 
reichen Versammlung beifälligst aufgenommen wurde. 
Denkmalspflege in Hessen. Der preußische 
Staatshaushaltsplan für 1900 sieht im Etat des 
Kultusministeriums für die Denkmalspflege u. a. 
vor: 1. zum Ankauf von Grundstücken in der Um 
gebung der Elisabethkirche in Marburg behufs 
Erhaltung der noch vorhandenen Baulichkeiten des 
Deutsch Herrenordens 22 500 Mark, 2. zum 
Wiederaufbau der P r a e t o r i u m s der S a a l b u r g 
bei Homburg v. d. Höhe 200 000 Mark. 
Universitätsnachrichten. Der ordentliche 
Professor des Strafrechts Dr. B e l i n g zu Breslau 
hat einen Ruf nach Marburg in gleicher Eigen 
schaft angenommen. — Die seit der Berufung von 
Professor Dr. Küste r nach Leipzig erledigte außer-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.