Full text: Hessenland (14.1900)

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Airs al'icr un6 neuer Zeit. 
Landgraf Karl und die Höhe der Ge 
richt sk osten seiner Zeit. Im November des 
Jahres 1720 erließ Landgraf Karl eine Verordnung, 
in welcher er gebot, in Strafsachen für Verringerung 
der Gerichtskosten Sorge zu tragen, deren Höhe „zur 
merklichen Bedrückung feiner Unterthanen gereiche", 
besonders überstiegen die Gebühren, welche die Amts 
ankläger und Vertheidiger beanspruchten, insgemein 
die Geldstrafen, zu welchen die Vernrtheilung erfolgt 
wäre, weitaus und ständen zu denselben in 
gar keinem Verhältniß. Diese Verordnung 
hatte für die Gerichte der mit der peinlichen Ge 
richtsbarkeit belehnten Vasallen zunächst keine Gültig 
keit erlangt, war also vorläufig nur zum Theil 
zur Durchführung gekommen. 
Um nun aus besagtem Gebiete „seine Intention 
zur Wirklichkeit zu bringen", befahl der Landgraf 
unter dem 22. Oktober 1722 seiner Regierung zu 
Kassel zu überlegen und ihm Vorschläge zu machen, 
1) welcher Gestalt dnrchgehends in seinen Landen 
die Gerichtskosten in peinlichen Sachen aus einen 
gleichförmigen, sicheren und zugleich leidlichen Fuß 
zu setzen, sodann 2) ob und welcher Gestalt die 
insgemein langwierigen peinlichen -Prozesse zu | 
abbreviiren wären; 3) solle die Regierung sich 
darüber äußern, ob sie es für durchführbar hielte, 
wenn der Landgraf verfüge, daß alle Inhaber der 
peinlichen Gerichtsbarkeit ohne Ausnahme vor Be 
ginn eines Kriminalprozesses der Regierung die 
Untersuchungsakten zur Prüfung zu übersenden 
hätten, um festzustellen, ob der betr. Fall geeignet 
sei dem Strafrichter unterbreitet zu werden. Schließ 
lich wünschte er die Ansicht der Regierung darüber 
zu hören, wie sie darüber denke, wenn der Fürst 
anordnen würde, daß alle gefällten Urtheile in 
Strafsachen ihr zur Bestätigung, bezw. zur Prüfung 
eingeschickt werden müßten, gleichzeitig aber auch 
eine genaue Aufstellung der aus den Einzelurtheilen 
erwachsenen Gerichtskosten beizufügen wäre. 
So sehen wir den Landgrafen bedacht, ans einem 
höchst wichtigen Gebiete Verbesserungen einzuführen, 
die für den gemeinen Mann von großem Belang 
waren. Er war bemüht damit Klagen abzustellen, 
die noch heute, wenn auch vorzüglich in Betreff des 
Zivilprozesses, nicht verhallen wollen. (Vgl. Samm 
lung fürstlich hessischer Landesordnnngen, Bd. 3, 
bezw. Originalurkunde im Besitz der Ständischen 
Landesbibliothek.) 
Aus Aernrath unö Aremöe. 
Verein für hessische Geschichte und 
Landeskunde. In Marburg sprach am 16. 
Februar Pfarrer Heldmann - Michelbach über 
die Freigrasschast Düdinghausen in ihren Be 
ziehungen zu Waldeck und Hessen und ihre Reli- 
gionsverhältnisse. 
In Kassel fand am 12. Februar wiederum 
ein Unterhaltn n g s a b e n d des Geschichtsvereins 
statt, an welchem den zahlreichen Anwesenden 
abermals mannigfaltiger Stoss unterbreitet wurde. 
Zunächst nahm der Vorsitzende des Vereins, 
Bibliothekar Dr. Brunner, das Wort, um zwei 
überwiesene Geschenke vorzulegen, die von Herrn 
Eckardt geschenkte Abschiedsurkunde der Bürger 
garde für Justus Wiederhold und eine Aquarell- 
skizze, welche eine Gruppe von dem ain 31. Ja 
nuar 1822 im Stadtbau abgehaltenen Masken 
ball darstellt, auf welchem der niemals aufgeklärte 
Vergistungsversuch gegen den Kurprinzen Fried 
rich Wilhelm gemacht wurde, dessen Opfer der 
Kammerdiener des Kurprinzen, Bechstädt, wurde. 
Besitzer des Bildes war Major a. T. Spangen 
berg. Aus städtischen Akten machte der Vor 
sitzende alsdann Mittheilungen über die Ban 
geschichte des Palais an der Ecke des Friedrichsplatzes 
und der Königsstraße. Der Erbauer, Geueral- 
adjutant Oberst, später Generalleutnant von 
Jungten, wandte für das in den 60er Jahren 
des 18. Jahrhunderts begonnene und im Jahre 
1771 noch nicht fertige Haus so große Summen 
auf, daß er in Geldnoth gerieth. Später ging 
dasselbe in den Besitz der Landstände über, von 
denen es Kurfürst Wilhelm II. ankaufte. Das 
daneben stehende sogen, rothe Palais ließ dieser 
erst später errichten. Wie Obervorsteher von 
Baumbach mittheilen konnte, stand an dessen 
Stelle früher ein dem Hofzimmermeister Braun 
gehöriges Haus, welches nach seinem Abbruch in 
der Wilhelmshöher Allee wieder ausgebaut wurde 
(jetzt Kasseler Pädagogium). Major a. D. von 
Stamford berichtete weiter an der Hand eines 
französischen Memoirenwerkes des 16. Jahrhunderts 
eingehende und interessante Einzelheiten über die 
Oieife des zum König von Polen erwählten Prinzen 
Heinrich von Anjou durch Süd- und Mittel 
deutschland im Anfang des Jahres 1574, namentlich 
über dessen Erlebnisse in Frankfurt, der Grafschaft 
Hanau und im Lande zu Hessen, auch über seine
	        

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