Full text: Hessenland (14.1900)

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bereit Thürme als einfache, rundbogig überwölbte 
Fenster ohne Maaßwerk dargestellt. Auch im 
Holzschnitt kommen nur einfache, rundbogig über 
wölbte Fenster ohne Maaßwerk vor. Es ist 
dieser Umstand von Einfluß auf die Beurtheilung 
des Alters der Schiffe der alten Stiftskirche. 
(Die Fenster mit Maaßwerk sind einer späteren, 
der gothischen Zeit, eigenthümlich.) 
In den folgenden Jahrhunderten wurde der 
alte Dom wiederholt und wie es scheint nicht 
unbedeutend beschädigt, und zwar theils durch 
Brand, theils durch Einsturz einzelner Theile. 
Es nahmen daher einzelne Schriftsteller drei, 
andere sogar vier Hauptkirchen an. Da jedoch 
die alten Abbildungen dafür bürgen, daß das 
Aeußere des Baues unverändert geblieben ist, so 
kann als sicher angenommen werden, daß die zer 
störten Bautheile im Ganzen wieder in den alten 
Formen erneuert und auch im Innern große Verände 
rungen nicht vorgenommen worden sind. Nament 
lich ist als sicher anzunehmen, daß, wie ich später 
ausführen werde, alle Schisse flach gedeckt waren. 
Jedoch scheint es, als ob hei den Wiederher 
stellungsbauten auch edele, aus der Ferne be 
zogene Materialien verwendet worden wären, wie 
solche bei Gründungs-Arbeiten in der Nähe des 
Priesterseminars gefunden worden sind und un 
zweifelhaft vom alten Dome herrühren. Es ist 
dieses ein aus Granit bestehendes Stück eines 
Säulenschaftes, welches seinem Durchmesser nach 
einer Arkadensäule des Langhauses angehört haben 
kann, sowie viele Stücke verschiedener Marmor- 
arten, darunter ein Stück des werthvollen grünen 
vsrcks antieo. 
Die folgenden Perioden des späteren roma 
nischen, des Uebergangs- und des gothischen Stiles, 
welches in folgenden Jahrhunderten bedeutende 
Kirchenbauten in entwickelteren Formen geschaffen 
haben — ich erwähne nur die um 1170 erbaute 
Stiftskirche zu Fritzlar und die noch später er 
baute St. Elisabethkirche zu Marburg — sind am 
alten Dom zu Fulda spurlos vorübergegangen; 
nur an den zahlreichen später errichteten Kapellen 
und sonstigen Anbauten werden diese Stile An 
wendung gefunden haben. 
Im Laufe der Zeiten waren die aus Schiefern 
bestehenden Bedachungen des alten Dornes so 
schlecht geworden, daß gegen Ende des 17. Jahr 
hunderts eine umfassende Herstellung derselben 
erforderlich geworden war. Da die hierzu er 
forderlichen Materialien nicht von hier aus ohne 
Weiteres beschafft werden konnten, so reiste 1670 
der Kammerrath Auth im Aufträge des Fürst 
abtes nach Cronach in Oberfranken und kaufte 
daselbst Schiesersteine und Tannenbretter; auf 
letztere werden bekanntlich die Schiefern genagelt. 
Auch später wurden wiederholt derartige Mate 
rialien bezogen. Zu Ende des 17. Jahrhunderts 
wurden dann mit diesen Baumaterialien die Be 
dachungen des alten Domes und der drei Thürme 
desselben gründlich hergestellt. 
Wir schließen unsere Betrachtungen über den 
alten Dom, der nicht wie aus einem Gusse her 
gestellt, sondern nach und nach entstanden war, 
und im Ganzen als der frühromanischen Zeit 
angehörig zu betrachten ist, und kommen nun zu 
dem eigentlichen Thema, dem jetzigen Dome. 
Obwohl, wie wir gesehen haben, der alte Dom 
kurz vor dem 1700 erfolgten Tode des Fürst 
abtes Placidus von Droste in guten baulichen 
Zustand versetzt worden war, so genügte er nicht 
seinem Nachfolger, dem Fürstabt Adalbert I. 
von Schleisras. Die Formen des alten 
Domes waren schlicht und einfach und eine dem 
inzwischen herrschend gewordenen neuen Geschmacke 
vollständig entsprechende Aenderung des alten 
Baues, welche auch eine Ueberwölbung der bisher 
glatt gedeckten Räume erfordert haben würde, war 
nicht durch einen Umbau, sondern nur durch 
einen Neubau zu erreichen. 
Die neue Geschmacksrichtung, welche man die 
neu römische oder die Renaissance nennt, 
ging von Italien aus. Sie gestattete eine weitere 
reiche Ausgestaltung der Grundform. Sie ver 
fügte über ein vollständig ausgebildetes Konstruk 
tionssystem, welches die Ueberwölbung größerer 
Räume zuließ, und über hochentwickelte Einzel- 
formen, die sie den in Italien und namentlich 
in Rom aus der Kaiserzeit noch vielfach vor 
handenen Bauten entlehnt hatte. Der neue Stil 
gestattete daher die Herstellung eines prunkvollen 
Aeußeren, sowie von prachtvollen Jnnenräumen, 
wozu der schlichte, alte Stil nicht geeignet war. 
Der neue Stil wurde namentlich in Rom aus 
gebildet, wo St. Peter, der größte und prächtigste 
Tempel der Christenheit, im Jahre 1669, nach einer 
Banzeit von fast 200 Jahren, vollendet worden war. 
Durch italienische Baumeister wurde der neue 
Baustil auch nach Deutschland übertragen, zu 
nächst in die österreichischen Lande, wo u. A. in 
Salzburg der Dom (1614—1675) nach den 
Plänen des Solari erbaut wurde. Dieser Dom, 
welcher dem hiesigen als Vorbild gedient hat, be 
sitzt eine zweithürmige Front, wie Langhaus in 
Verbindung mit einem Querschiff, in einzelne 
Kapellen aufgelöste Seitenschiffe und eine Tam- 
bourkuppel über der Vierung. Der über der 
Vierung befindliche senkrechte Theil von kreis 
förmigem Grundriß heißt der Tambour; er trägt 
die Kuppel. (Schluß folgt.)
	        

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