Full text: Hessenland (14.1900)

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Der frühere und fetzige Dom in Fulda. 
Vortrag des Herrn Geh. Bauraths Hoffmann, gehalten im Fuldaer Geschichtsverein 
am 17. Januar 1900. 
bekanntlich wurde der jetzige Dom ans der 
selben Stelle errichtet, wo bereits seit etwa 
neunhundert Jahren ein weiträumiges, hoch 
ehrwürdiges Gotteshaus gestaudeu hat. Sind 
auch über deu früheren Bau nur spärliche Nach 
richten und dürftige Abbildungen vorhanden, so 
dürfte es doch nicht ohne Interesse sein, diesem 
Bau näher zu treten und seine Schicksale kurz 
zu betrachten. 
Wahrscheinlich hatte dieser Bau anfänglich unr 
ein einfaches, flach gedecktes Langhaus. Zu Ende 
des achten Jahrhunderts wurde er durch die 
Klebte Bauguls und Radgar in eine dreischisfige 
Basilika verwandelt; er bekam demnach ein er 
höhtes Mittelschiff und zwei niedrigere Seiten 
schiffe. Diese Kirche erhielt ferner eine östliche 
Apsis, d. i. einen besonderen Ausbau oder Chor- 
für einen Altar. Auch wurde sie versehen mit 
einem Querschiff und einer zweiten, der westlichen 
Apsis. Eigil vollendete den Bau dadurch, daß 
er unter jedem der beiden Chöre eine Krypta, 
eine Gruftkirche, anlegte. Sie war die erste 
zweichörige Basilika in Deutschland. Etwa 300 
Jahre später ließ Abt Marquard die ersten 
Glockenthürme erbauen. 
Die hiesige Basilika war eine Kirche des 
Benediktinerordens; eine andere Basilika desselben 
Ordens war in dem nahen Hersfeld bis zum 
Jahre 1761, wo sie von den Franzosen durch 
Brandstiftung sehr stark beschädigt wurde, noch 
ganz erhalten, und sichere Zeichen deuten daraus 
hin, daß die Hersfelder Basilika nach dem Muster 
der hiesigen, der Eigil'schen, erbaut worden ist. 
Auch die Abteikirche zu Hersfeld, von der die 
meisten Mauern noch ausrecht stehen, war eine 
großartige Anlage, deren Hauptabmessungen etwa 
denen des jetzigen hiesigen Domes entsprechen. 
Sie hatte, wie die hiesige alte Stiftskirche, ein 
Langhaus mit hohem Mittelschiff und niedrigeren 
Seitenschiffen. Vor den Seitenschiffen beider 
Kirchen standen zwei hohe Glockenthürme. Auch in 
Hersfeld waren, wie hier, zwischen Langhaus und 
Seitenschiffen freistehende Säulen; beiden Kirchen 
gemeinsam war endlich die Anlage eines Ost- 
und eines Westchores. In Hersfeld.waren nur 
die beiden Chöre und die östliche Krypta sowie 
die westliche Vorhalle überwölbt. Mit geraden 
Decken versehen und nicht gewölbt waren in 
Hersfeld alle Schiffe des Langhauses und das 
Querschiff; wir werden sehen, daß auch diese 
Theile des alten Domes zu Fulda nicht gewölbt 
waren, wie es scheint, weil zur Zeit der Erbau 
ung dieser Kirchen in hiesiger Gegend das Ueber- 
wölben solcher weit gespannten Räume noch nicht 
bekannt war. 
Giebt uns nun Hersseld einen Anhalt für 
die innere Ausgestaltung der hiesigen ehemaligen 
Stiftskirche, so geben uns ein Holzschnitt und 
ein Oelgemälde über das äußere Ansehen der 
selben Aufschluß. (Diese beiden Bilder wurden 
vom Vortragenden vorgezeigt und erläutert.) 
Der Holzschnitt entstammt einem zu Ende 
des 16. Jahrhunderts erschienenen Werke mit 
Abbildungen von Städten. Er stellt dar die 
Ostseite der ganzen Stadt Fulda mit der Ost 
seite des alten Domes und den derselben vorge 
lagerten Anbauten. Es waren dieses das sogen. 
Paradies, nämlich die dem heiligen Johannes 
dein Täufer geweihte Tauskapelle und die zwei 
stöckigen Säulenhallen, welche das Paradies mit 
dem Dom verbanden. Jedoch läßt der Holz 
schnitt diese Nebeubauwerke, welche sich östlich 
vom Dome auf dem jetzigen Domplatze befanden, 
nicht deutlich erkennen. Der Holzschnitt giebt je 
doch deutlich wieder die beiden hohen Glvcken- 
thürme von runder Grundform und das Ouer- 
schifs mit dem Dachreiter, das ist einem aus 
Holz konstruirteu kleineren Thurm, aus der 
Vierung. Vierung nennt man den durch die 
Durchschneidung des Langhauses und des Qner- 
schiffes entstehenden Bautheil. 
Das Oelbild zeigt uns das Aeußere des 
Domes von der Südostseite mit der damals 
offenen und noch nicht überwölbten Weides im 
Vordergründe. Wir erkennen genau die östlichen 
Vorbauten, die beiden hohen, runden Glvckeu- 
thürme und dazwischen das Dach des in dem 
Grundplane halbkreisförmigen Ostchores. Das 
Oelgemälde zeigt ferner das südliche Seitenschiff, 
die Südseite des höheren Mittelschiffes vom 
Langhause, sowie ferner das südliche Ouerschiff 
und deu Dachreiter auf der Vierung. Von dem 
Oelbild existircn mehrere zu Anfang des vorigen 
Jahrhunderts als Aquarelle gefertigte Kopieen, 
auf denen alle Fenster, auch die der hohen 
Thürme, als gothische spitzbogige mit Maaßwerk 
versehene Fenster dargestellt sind. Diese Zeich 
nung der Fenster ist indessen eine willkürliche 
Abweichung des Kopisten vom Originale, denn 
aus diesem sind die Fenster der Stiftskirche und
	        

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