Full text: Hessenland (14.1900)

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nur ein paar Aecker.*) Und diese Viehhändel 
führten, wie es scheint, auch schon früh die Juden 
nach Waldensberg, die in der Umgegend zahlreich 
wohnen und über viele Familien herrschen, weil 
ihnen das Vieh gehört. Schon im Jahre 1726 
wandte sich der Pfarrer an den Rath Schmidt, 
das „Noth- und Hülssbüchlein" für alles, er 
möge doch dem Fillhol zu 35 Gulden helfen, 
denn „der Jud' drückt den Fillhol hart darum".**) 
Einer verstieg sich 1725 sogar schon zu einem 
Pferd, freilich um bald unter den Hund zu 
kommen. 
Von dem Ackerbau und der Viehzucht allein 
konnten die Kolonisten nicht leben, sie nahmen 
daher bald ihr altes Gewerbe wieder auf: das 
Hecheln. Schon 1702 erbaten Pfarrer und 
Aelteste der Gemeinde einen Paß für Etienne 
Chiout, Jean Guillanmon, und Etienne Oreellet, 
die einige Monate m's Hanfhecheln gehn wollten, si) 
Und bald zogen im Herbst fast alle Männer in 
die Fremde, sich in die ganze Umgegend zer 
streuend, ja bis in die Pfalz wanderten manche.chsi) 
Sie brachten Geld mit nach Hause, aber leider 
auch manches Böse, das sie unterwegs aufgelesen 
hatten; wie auch die lange Entfernung von ihren 
Familien für diese nachtheilig war. Sowohl die 
ausziehenden Männer, als die zurückbleibenden 
Frauen waren mancherlei sittlichen Gefahren aus 
gesetzt. Manche wurden auch unterwegs krank 
und starben selbst in der Fremde, so z. B. Andre 
Joffroy. den der Tod 1704 in Bockenheim ereilte. 
Handwerker waren sehr wenig unter den An 
gekommenen außer denen, die man überhaupt 
aus den Dörfern findet; es werden erwähnt ein 
Schmied Martin, später (1717) ein Schmied 
Colombier, und ein Schreiner Vinson. Schuster 
und Schneider hatten sie nicht unter sich. Da 
gegen war ein Hutmacher bei ihnen: der Aelteste 
Laurans Blanc, der sein Geschäft aber nicht stark 
betrieben zu haben scheint; und auch der Cha- 
moisseur (Weißgerber oder Seidensärber?) Piston 
hatte in Waldensberg wohl keine Gelegenheit, 
seine Beschäftigung fortzusetzen. Der schon er 
wähnte Andre Joffroy, der aus Misoye in der 
Dauphine stammte und im März 1701 in 
Waldensberg aufgenommen wurde, wollte zwar 
neben dem Feldbau sein Handwerk treiben sisisi), 
*) Brief des Bürgermeisters (Consul) Jullien an den 
Rath Schmidt vom 18. April 1724. C. A. 
**) Brief vom 5. September 1726. C. A. 
t) Brief an Rath Schmidt vom 17. September 1702. R. A. 
1t) z. B. Jean Joffroy im Jahre 1718. Lentenee 
Oe la justice vom 18. Mürz 1718. R. A. 
111) Bittschrift desselben an den Grafen v. 1. Mürz 1701. 
R. A. 
war aber sehr arm und schwach und ist wohl nicht 
dazu gekommen. Es waren noch im Herbst 1700 
ein Weber Pierre Larde und ein Seidenweber 
Paul Bonin zugezogen, aber sie scheinen ihr Ge 
werbe gar nicht angesangeit zu haben und ver 
ließen Waldensberg wieder nach einigen Jahren; 
der 1701 aus Schwabendorfzugekommene Jullien 
war ein etwas wohlhabenderer waldensischer Bauers 
mann. Im Jahre 1710 aber fingen Etienne 
NevacheundJeanNerjacdieStru mp f Weberei 
an*) uild betrieben sie auch ziemlich flott, hielten 
Gesellen und schickten Leute mit der fertigen 
Waare im Herbst aus, die im Frühjahr, wenn 
die Feldarbeit anging, wiederkamen.**) Diese 
beiden legten also den Grund zu dem Erwerbs 
zweig, der später fast ganz Waldensberg, Groß 
und Klein, beschäftigte und ernährte. Im Jahre 
1730 trieb schon die Hälfte der Einwohner diese 
Industrie. 
Das Land war nicht, wie ursprünglich beab 
sichtigt war, in gleiche Theile zu je 25 Morgen 
getheilt worden, sondern jeder Familie war nach 
der Anzahl ihrer Köpfe ihr Theil zugeloost 
worden, wobei auf jeden Kopf drei oder Vier- 
Morgen entfielen. (Bestimmte Angaben gerade 
über die Vertheilung fehle», es läßt sich nur 
durch verschiedene Anzeichen vermuthen, jedenfalls 
aber waren es nicht weniger als drei und nicht 
mehr als vier Morgen, die für den Kopf ge 
rechnet wurden.) Im Jahre 1718, aus dem eine 
Steuerliste vorhanden ist, war der Besitzstand 
schon sehr verschieden. Jean Talmon hatte mit 
36 Morgen den größten Besitz, in den 30 
Morgen haben noch drei andere, zwischen 20 bis 
30 Morgen 6, zwischen 10 bis 20 Morgen 15, 
zwischen 1 bis 10 Morgen 9. 
Am 30. September 1717 wurden die Grenzen 
der Gemarkung von Waldensberg abgeritten und 
vom Graf Befehl ertheilt, die Gegend im Ganzen 
und die Stücke im Einzelnen abzumessen. Die 
Waldensberger Terminei enthielt in Summa 
701 Morgen, 2 Viertel, 25^4 Ruthen. Ursprüng 
lich hatte der Graf 80 Familien ansiedeln wollen, 
ja er ließ sogar für 112 Familien im Ansang 
Bauplätze abmessen, für jede Familie HU Morgen, 
8 Ruthen lang und 5 Ruthen breit. Das Dorf 
sollte eine Hauptstraße haben in der Richtung 
von Süd nach Nord, vom Weiherhos nach Leisen 
wald hin, die von vier Gassen gekreuzt würde, 
also wesentlich so gebaut sein, wie jetzt Waldens 
*) Brief der Gräfin an den Gemeindevorstand v. 4. Skt. 
1710. 
**) Presbyterialprotokoll v. 9. Skt. 1719, Vergleichsver 
handlung zwischen Nevache und seiner Schwägerin Berjac.
	        

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