Full text: Hessenland (14.1900)

500 Pferden, fiel in die feindliche Nachhut, 
brachte ihr großen Verlust bei und nahm ihr 
zahlreiche Gefangene ab. 
So war also hier der erste Schlag gegen des 
Königs Heere durch die Hessen glücklich und 
rasch geführt, die nach der schmählichen Ueber- 
rumpelung von Mainz hochwichtige Festung Koblenz 
dem Reiche bewahrt, und der hessische General 
konnte sich nun zur Rettung des großen, reichen 
Frankfurt dorthin wenden. Der Landgraf hatte 
seinen Obersten usm Keller mit dessen Re 
gimenté zu Fuß marschiren lassen, der zeitig 
Frankfurt erreichte und der dort herrschenden großen 
Besorgniß wegen der drohenden Schrecknisse ein 
Ende machte. Graf Lippe war an Mainz vorbei 
gezogen und traf Höchst am Main von 400 Fran 
zosen beseht; er warf sie hinaus, legte deutsche 
Besatzung in den Ort, die als Vorposten gegen 
Mainz stehen blieb. 
Frankfurt war von 1000 Hessen zu Fuß, 
einigen Kompagnien Hessen und Hannoveranern 
zu Pferd und der eigenen Besatzung der Reichs 
stadt gesichert; den Befehl führte der General 
Gras zur Lippe. . 
Die französischen Generale und Befehlshaber 
sicherten stets bei ihrem Erscheinen vor Festungen 
oder anderen Orten mit der Aufforderung zur 
Uebergabe und Huldigung für den König von 
Frankreich inübe Behandlung zu — aber niemals 
hielten sie die Bedingungen inne, unter denen 
sich die Besatzungen oder die Orte übergeben 
hatten, sondern ließen ihre Soldateska roh und 
gewaltthätig hausen. Sie schrieben Kriegskon 
tributionen und große Lieferungen von Bedürf 
nissen jeglicher Art aus; mit Brand und Mord 
wollten sie die Bevölkerung dafür stimmen, das 
Unerschwingliche herbei zu schaffen. Und doch 
nahmen sie die Pfalz als ihrem Könige ge 
bührendes Land in Anspruch. 
Trotzdem daß Frankfurt selbst gesichert war, 
bedrängten die französischen Schaaren doch dessen 
nächste Umgebung; in der Sylvesternacht des 
Jahres 1688 alten Stiles leuchtete den Ein 
wohnern der Stadt der südliche Himmel blutig 
roth von dem Brande des Dorfes Oberrad, der 
das anbrechende Jahr schrecklich verkündigte. 
Schreckliches brachte dies Jahr mit sich. Ju 
dem Hirne des französischen Machthabers war 
ein unerhörter Gedanke gekeimt, ein Gedanke als 
Plan, wie ihn die Menschheitsgeißeln, ein Attila, 
Dschingischan, nicht einmal gefaßt gehabt hatten; 
diese furchtbaren Dränger, deren Weg über die 
Erde blutgedüngte Leichenfelder und rauchende 
Brandstätten zurückließ, waren bei dem in ihnen 
lind ihren Völkern wohnenden Blutdurste, als 
Barbaren, in deren Augen Menschenleben und 
Menschenwohl schlechthin werthlos waren, es sich 
gar nicht anders bewußt, als daß sie selbst oder 
die ihnen widerstehenden Völker vernichtet werden 
müßten. 
Was aber sah das Jahr 1689! Der König, 
der sich als auf dem Gipfel der feineren Bildung 
seines Zeitalters stehend ansah und erscheinen 
wollte, der den Titel des Allerchristlichsten führte, 
beschloß im Kabinet, daß die Rheinpsalz und an 
grenzende deutsche Lande verwüstet werden sollten, 
um Deutschlands Heeren die Existenz in diesen 
Landen unmöglich zu machen, er wollte sein 
Reich mit einer Oede und Wildniß umgeben und 
schützen. Während Attila, Dschingischan u. A. 
der Art sich selbst inmitten ihrer Horden den 
Gefahren des Krieges aussetzten, verblieb jener 
Elende, dazu Frömmler, daheim in seines Hofes 
Genüssen und Ueppigkeit, indessen die von ihm 
entsandten Mörder und Brandstifter Hunderte, 
ja Tausende deutscher Städte und Ortschaften in 
Trümmer stürzten, ungezählte Tausende ihrer 
Bewohner mordeten oder mit entsetzlichen Martern 
quälten und in das Elend trieben. Das Schick 
sal von Heidelberg und seinem herrlichen Schlosse 
in dieser Zeit kennzeichnet das Schicksal weiter 
Landschaften. 
So lange Deutschland seiner Vergangenheit 
gedenkt, soll es der Verruchtheit dieser Zeit uicht 
vergessen, — nicht daß es jemals mit ähnlichen 
Schandthaten sich bestecken sollte, — sondern es soll 
im Auge behalten, was der westliche Nachbar uns 
zugefügt hat und was in einer etwa unglücklichen 
Zukunft noch nicht als unmöglich angesehen werden 
kann, wenn wir uns der im Schoße der fran 
zösischen Nation selbst glimmenden Brandstoffe 
erinnern, die 1871 in der Commune so furchtbar 
hervorbrachen. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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