Full text: Hessenland (14.1900)

XIV. Jahrgang. 
Kassel, 2. Zaimar 1900. 
M 1. 
Wrrarbliche Sehnsucht. 
könnt' ich nur ein einzig' Mal 
Der Parze Spindel rückwärts drehen 
Und wie als Kind im Abendstrahl 
Beglückt zum vaterhause gehen! 
In's Zimmer mit den Wangen heiß 
Flink treten bei des Lämpchens Blitzen, 
Dann in der Meinen trautem Areis 
Den langen Abend plaudernd sitzen. 
© dürft' — vom Traume ausgeschreckt — 
Zur Bachtzeit ich dein ©dem lauschen 
Der Schläfer, die kein Tag mehr weckt, 
Aein Wintersturm, kein Frühlingsrauschen. 
War auch der Kindheit grünes Thal 
Richt frei von Dornen und von Resseln, 
Wie gern ertrüg' ich Iugendqual 
Roch einmal sammt den alten Kesseln! 
vorbei — dahin I Der schöne Traum 
Liegt tief versunken im Gemüthe, 
Rie wieder treibt der Lebensbaum 
Der Kindheit wunderbare Blüthe. ' 
© könnt' ich nur ein einzig' Mal 
Der Parze Spindel rückwärts drehen 
Und wie als Kind im Abendstrahl 
Beglückt zum Vaterhause gehen! 
Zrvti Fknlkkrlrin. 
wci Fensterlein, umrankt von Grün, 
Mit Scheiben, die nichts taugen, 
Mir oftmals froh entgegenglüh'n 
Wie liebe Menschenaugen. 
Seh' ich durch Blüthen, leicht Gewind' 
pinein in's traute Stübchen, 
Dann bin ich wieder ganz ein Kind 
Mit Locken, Wangengrübchen. 
Dort steht das Bett so schneeig weiß, 
viel alte Bilder blitzen, 
Die Wanduhr tickt zu Müh' und Fleiß, 
Es lebt in allen Ritzen. 
Und puldgestalten, längst entrückt, 
Mir treten froh entgegen, 
Großmutter liest, auf's Buch gebückt, 
voll Ernst den Abendsegen. 
Im kleinen Bettchen ruht sich's gut, 
Bald wird das perz mir weiter, 
Manch' holder Traum mit keckem Muth 
Besteigt die Pimmelsleiter. 
Zwei Fensterlein, zwei Fensterlein 
Mit Scheiben, die nichts taugen, 
Seh'n oft mir tief in's perz hinein 
Wie liebe Menschenaugen. 
L-. Wentzek.
	        

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