Full text: Hessenland (14.1900)

54 
Das stehende hessische Acer von 1670—1866.*) 
Ein Abriß seiner Geschichte. Von Earl von Stamford. 
(Fortsetzung.) 
Ter Krieg gegen Frankreich. 1688—1697. 
Unversehens, wie es in einer Nachricht ans ; 
jener Zeit heißt, erschien am 15./25. September j 
1688 der französische Generallieutenant Marquis 
de Boufflers vor Kaiserslautern, verlangte Auf 
nahme französischer Besatzung und Huldigung 
sur den König von Frankreich. Die schwache 
pfälzische Besatzung vermochte dem Heere Boufflers' 
nicht zu widerstehen, da sie, wie die befestigte 
Stadt selbst, gänzlich unvorbereitet war; die 
Truppe zog nach geschlossenein Akkord am 19./29. 
September aus. Die Franzosen besetzten Kaisers 
lautern und breiteten sich sturmesgleich in beut 
überraschten Lande aus. Bald standen sie vor 
Mainz, das die Hanptfestnng am Rheinstrom 
vorstellte, nachdem Straßburg 1681 dem Reiche 
geraubt war. Aber in dem Bewußtsein der 
Sicherheit durch den im Jahre 1684 zwischen 
dem Reiche und Ludwig XIV. abgeschlossenen 
zwanzigjährigen Waffenstillstand war auch Mainz 
nicht gegen einen Angriff in Stand gesetzt, die 
Besatzung des großen Platzes noch nicht 800 Mann 
stark. Man kann heutzutage nur mit tiefem 
Schamgefühle solcher Zustände gedenken, die für 
sich allein die Erbärmlichkeit des damaligen 
„heiligen römischen Reiches deutscher Nation" 
kennzeichnen. Der Kursürst-Erzbischof Anselm 
Franz bemühte sich die französischen Forderungen 
abzuwehren, allein in seiner Hilflosigkeit blieb 
ihm nur übrig zu kapituliren, am 7./17. Oktober. 
Doch wurden auch damals in der allgemeinen 
Erbitterung in Deutschland über den schändlichen 
Ueberfall und die Wehrlosigkeit der Grenzlande 
Stimmen laut, die den mainzischen Obersten 
verurtheilten, weil er nicht seine Truppe alsbald 
in die Citadelle zurückgezogen und diese einige 
Zeit gehalten habe, bis Entsatz gekommen sei. 
Man muß hierbei bedenken, daß sein Landesherr 
sich in der Stadt befand und der Oberst von 
ihm abhängig war. 
Die Franzosen rückten in Mainz ein, und 
sofort begann eifrige Arbeit an den Festungs 
werken und Instandsetzung für Vertheidigung, 
da wenigstens zu erwarten war, daß das Reich 
nicht auch diese Gewaltthat so hinnehmen würde, 
wie die an Straßburg verübte. Der französische 
König ließ beim deutschen Reichstage zu Regens 
burg durch seinen Gesandten Versus am 23. Sep 
tember (3. Oktober) eine Deklaration überreichen, 
durch die er.seine Berechtigung, die Waffen von 
neuem zu erheben, darlegen wollte, ein heuchle 
risches Schriftstück voller Unwahrheit, das dem 
Reichstage acht Tage später übergeben wurde, 
als die sra zösischen Heere auf des Reiches Boden 
standen. 
Der Landgraf Karl von Hessen war Kreis 
oberst des oberrheinischen Kreises; bei seiner hohen 
Auffassung dieses Amtes und seiner Pflichten als 
Fürst des Reiches mußte er Ludwig's XIV. Ge 
waltthaten mit Zorn und Scham empfinden. 
Aber er handelte auch baldigst nach Kräften: 
ein hessisches und ein Unionsregiment zu Fuß 
unter dem Obersten Grafen Christian Ludwig 
zu Sayn und Wittgenstein kamen durch Be 
setzung von Koblenz am 18./28. Oktober dem Griffe 
des Räubers zuvor, dessen Reiter sich am fol 
genden Tage bei der Karthause daselbst zeigten. 
Der hessische Generallieutenant Gras zur Lippe 
rückte anl 21./31. Oktober mit noch zwei hes 
sischen Regimentern in Koblenz ein, sodaß dieses 
nun von 5000 Mann Miliz und Ausschuß besetzt 
war. Graf Nassau-Weilburg mit seinen 
Dragonern gewährte das Mittel, die weitere Um 
gegend der Festung zu überwachen. Graf Lippe 
erkundete am 23. Oktober (2. November) das 
Lager des Feindes bei Güls, wurde aber von 
einer weit überlegenen Abtheilung angegriffen 
und mußte schleunigst sich zurückziehen. Die 
Stadt wurde seit dem 25. Oktober (4. November) 
heftig beschossen und großer Schaden in ihr an 
gerichtet. 
Das französische Corps fühlte sich aber nicht 
stark genug, Koblenz zu belagern, und zog am 
Tage darauf rheinanfwärts ab, Lippe folgte mit 
'■) Vgl. „Hessenland" 1899, Nr. 20—22.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.