Full text: Hessenland (14.1900)

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Hieran schließe ich nach den Auszug ans einein 
Briefe der Frau von M. an Hades: 
„Veste Spangenberg, den 12. Juni. 
Werthgeschätzter Herr Hades! 
Mit welchen seligen Gefühlen ergreife ich die 
Feder, um Ihnen die frohe Botschaft 511 bringen, 
daß M. frei ist! — es ist ein köstliches Wart, 
wenn man sieben Jahre davon beraubt war. Sie 
kennen diese Empfindungen besser, als ich im Stande 
bin, sie zu beschreiben. Ich war gerade zur Kaffee- 
stunde bei Schmidts, als E. plötzlich eintrat, um 
mir zu sagen, es sei Besuch aus Kassel da, so viel 
ich auch fragte wer es sei, gab mir E. keine genügende 
Antwort. Wie erstaunte ich aber, als ich F. sah, 
der mir voll Freuden in die Arme fiel, und mir 
dann sagte: Der Vater ist frei!!! — Wer uns in 
diesem Augenblick gesehen hätte, hätte wohl glauben 
können, es sei uns etwas sehr Trauriges begegnet, 
so vergossen wir Thränen des Dankes zum All 
gütigen, liebevollen Erretter! — Am 2. Juni 
kam der Beschluß vom Kurfürsten nach Kassel, 
den 4. wurde es meinem Mann vom Obergerichts- 
Senat bekannt gemacht; heute den 12. bekam erst 
der Herr Oberstleutnant die Ordre der Entlassung. 
Er klopfte um 5 V2 Uhr an die Saalthür mit den 
Worten: ,Jhre Wünsche sind erfüllt!‘ Ich wünschte. 
Schmidts könnten auch erst abziehen, ich bedanre sie 
von Herzen. Mein Mann, der auf's herzlichste 
grüßen läßt, trügt mir ans. Ihnen zu sagen, daß 
er vorläufig noch nicht an Sie schreiben würde, 
weil er fürchtete, man zähle ihn zu den Demagogen, 
besonders da wir um die Erlaubniß nachgesucht 
haben, in Marburg wohnen zu dürfen re. 
H. von M." 
Nur wenige Wochen noch blieb Fran von M. 
mit ihren Töchtern auf der Veste, so lange nur, 
bis die definitive Erlaubniß betreffs ihres neuen 
Wohnortes ans Kassel einlief. Zur allseitigen Freude 
der Familie ward es Herrn von M. gestattet, in 
Marburg, der schönen alten Mnsenstadt, wohnen zu 
dürfen, was allen noch ganz besonders angenehm 
war, da F. von M. die Universität beziehen sollte, 
und nun mit Eltern und Geschwistern vereinigt 
war. Sv verließen denn die Damen von M. schon 
Ende Juli die alte Burg, um sich zum Ordnen 
ihrer Sachen nach Kassel zu begeben. Während 
Herr von M., dem der Aufenthalt in Kassel peinlich 
war, so lange aus Spangenberg verblieb, bis der 
Umzug nach der neuen Heimath bewerkstelligt werden 
konnte. Am 14. September verließ auch er die 
alte Veste und traf mit seiner ganzen Familie 
wohlbehalten in der alten Mnsenstadt ein. 
Arrs Keimcrth und Adernde. 
Hessischer Geschichtsverein. Aus dem 
Monat Januar ist noch über zwei Versammlungen 
des Vereins für hessische Geschichte zu be 
richten und. zwar über solche in Kassel und 
Marburg. In Kassel sprach unser langjähriger 
verehrter Mitarbeiter Kanzleirath Neuber, der 
zur Entlastung des bisherigen Schriftführers. 
Bibliothekar Dr. Scherer, auf Wunsch des Vor 
standes bis aus Weiteres die Geschäfte des ersteren 
freundlichst übernommen hat, über „den Heiligen- 
berg bei Gensungen und die Karthanse, 
sowie beider Beziehungen zu Kassel". Der 
gehaltreiche und fesselnde Vortrag, für den der 
erste Vorsitzende des Vereins, Bibliothekar Dr. 
Brunner, dem Redner besondere Anerkennung 
und warmen Dank zollte, zumal derselbe schnell 
bereit in die Lücke getreten war, ist in Nr. 31, 
Blatt 2 der Kasseler Allgemeineil Zeitung vom 
1. Februar in ausführlichem Auszuge wiedergegeben, 
sodaß hier auf diesen verwiesen sei. 
In Marburg sprach am gleichen Tage 
Professor Dr. von Dr ach über „an der 
Stadtkirche zu Friedberg nachweisbare 
7T 
1 Trinngnlatnren". Zur Erläuterung des 
Vortrages ist aus das im Jahre 1897 erschienene 
Werk des Redners „Das Hüttengeheimniß vom 
gerechten Steinmetzengrnnd in seiner Entwickelung 
und Bedeutung für die kirchliche Baukunst des 
Mittelalters" zu verweisen. Er lies ans Führung 
des Nachweises hinaus, daß der Grundriß ge 
nannter Kirche, welche zu der Gruppe frühgothischer 
Bauwerke in Oberhessen gehört, die durch das 
Vorbild der St. Elisabethkirche in Marburg be 
einflußt sind, genau in Befolgung der dort dar 
gelegten Prinzipien veranlagt ist. Es sind nämlich 
JT 
alle Abmessungen einem — Dreieck und seinen 
Hilfslinien entnommen, welches in engster Beziehung 
zu dem Grundmaß des Baues steht. Es wurde 
dann weiter erwiesen, daß auch für die Einzel 
heiten des Baues die in der genannten Schrift 
niedergelegten Gesetze zur Anwendung gelangt sind. 
Weiter machte Rittmeister a. D. Freiherr Rabe
	        

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