Full text: Hessenland (14.1900)

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Erinnerungen an die Weste Spangenöerg. 
Bon Anna Bölke, geb. Gissot. 
J s^or mir liegt ein alter Kalender, vergilbt nnd 
' zerdrückt, er trägt die Jahreszahl 1828 und er 
regt mein Interesse in hohem Grade. Eng beschrieben 
ist jedes sreie Blatt; ich versuche die feinen Schrist- 
züge zn entziffern, iinb immer größer wird mein 
Interesse; denn Derjenige, dessen Hand die Auf 
zeichnungen niederschrieb, war damals unfreiwilliger 
Bewohner meiner spätern lieben Heimath, „der Veste 
Spangenberg". Schwer leserlich sind die vergilbten 
Schriftzüge, und nur mit Hülfe der Lupe gelingt 
es mir, dies und jenes zu entziffern. Aber dies 
Wenige zeugt von einem reichen Geistesleben, von 
einer Feuerseele nnd Begeisterung für alles Hohe 
nnd Edle von Seiten des Mannes, der diese Schrift 
züge niederschrieb. Es sei mir deshalb gestattet 
ein kurzes Lebensbild desselben zu geben; beseelte 
ihn doch bei allen andern edlen Charakter-Eigen 
schaften auch eine glühende Vaterlandsliebe; sollte 
er doch auch in seinem spätern Leben in weiten 
Kreisen bekannt werden. Dieser Mann war der 
damalige Student Martin Hodes. Er entstammte 
einer einfachen Bürgersamilie aus Fulda; hatte 
zunächst aus den Universitäten Bonn, Basel, Jena 
nnd Erlangen studirt nnd war dann wegen Theil 
nahme an einer verbotenen Jenenser Verbindung, 
„dem Bunde der Jugend", eines Tages in Erlangen 
verhaftet und nach Kassel iws Kastell gebracht 
worden, wo er zwei Jahre in Voruntersuchung 
sitzen mußte, bis im Jahre 1828 seine Verurteilung 
zu 6 Jahren Hast erfolgte, die er auf der Festung 
Spangenberg zu verbüßen hatte. Deren damaliger 
Kommandant war der wackere, menschenfreundliche ; 
Oberstleutnant von Schmidt, der im Verein > 
mit seiner wahrhaft edlen und guten Gattin, Amalie, 
den politischen Gefangenen jener „Sturm- nnd 
Drangperiode" die Haft ans der alten Felsenburg 
so angenehm gestaltete, daß ihnen später nach Ver 
büßung ihrer Strafe der Abschied förmlich schwer 
wurde. — 
In den in Kassel abgehaltenen Verhandlungen in 
derartigen Prozessen war der dortige Ober-Polizei 
direktor von M. von großem Einfluß. Doch auch 
ihm nahte das Verhängniß. Zur selben Zeit, als 
Martin Hodes seine Vergehen auf der alten Veste 
büßeu mußte, erschien auch Al. eines Tages ebenwohl 
als Gefangener ans derselben. Wunderbare Fügung 
des Schicksals! Herrn von M. war es gestattet, 
seine Familie mit nach Spangenberg bringen zu 
dürfen, und es begleiteten ihn seine treue, edle 
Gattin, ein Sohn und zwei reizende Töchter, die 
denn auch bald eine Brücke zur Versöhnung und 
Annäherung der sich bis dahin feindlich Gegenüber 
stehenden bildeten. Ein reizender Verkehr entwickelte 
sich zwischen den Bewohnern der alten Burg, 
dessen Mittelpunkt der alte biedere Oberstleutnant 
von Schmidt nnd seine vortreffliche Frau bildeten. 
Alan sprach von der Veste Spangenberg unter 
Oberstleutnant von Schmidt wohl als von einem 
„fidelen Gefängniß", weil zu jener Zeit die In 
struktionen noch milder waren als später. So auch 
mein guter Vater, der hernach selbst Kommandant 
wurde, aber mit weit strengeren Instruktionen. 
Er selbst hatte nämlich unter dem Herrn von Schmidt 
als junger Offizier einige Monate Festungshaft 
nnd zwar vom 12. Januar bis 12. März 1888 
zn verbüßen gehabt. Er wußte reizende Züge von 
der Gemüthlichkeit nnd der Toleranz des alten 
Haudegens sowie von der herzensguten Frau von 
Schmidt zn erzählen. Damals ahnte mein lieber 
Vater noch nicht, daß er einst selbst als Komman 
dant ans Spangenberg einziehen würde. — 
Doch kehren wir wieder zn den Jahren 1828 bis 
1880 zurück und verfolgen die weitern Lebensschick 
sale unseres jugendlichen Helden, des schönen, geist 
reichen und hochgebildeten Studenten Martin Hodes, 
den bald ein zartes, poetisches Liebesband mit der 
holden K. von M. verknüpfte. Gegenseitige, innige, 
doch wohl nnansgesprochene Liebe trugen die beiden 
jungen Menschenkinder zu einander im Herzen. 
Das alte romantische Schloß mit seinen vielen, ent 
zückend schönen, lauschigen Plätzchen, vor allen 
Dingen dem neu angelegten „M'schen Garten", 
war vermuthlich oft Zeuge ihrer stillen Liebe und 
Glückseligkeit. 
Im Frühjahr 1830 schlug nach zweijähriger 
Haft die Stunde der Freiheit für Martin Hodes, 
die übrigen vier Jahre waren ihm durch den Kur 
fürsten in Gnaden erlassen worden. So schied er 
l denn von der alten Bergveste, in deren Mauern 
ihm Freud und Leid beschieden war, begleitet von 
den Glück- nnd Segenswünschen der Familien von 
Schmidt und von M. und versehen mit einem vor 
züglichen Attest, welches ihm sein ganz besonderer 
Freund und Gönner, der alte Kommandant, ausgestellt 
hatte, und dessen Wortlaut ich mir nicht versagen 
kann hier mitzutheilen: 
„Der Studiosus Herr Martin Hodes aus Fulda, 
welcher wegen Theilnahme an einer geheimen Ver 
bindung einen zweijährigen Festungs-Arrest dahier 
verbüßt hat, hat diese Zeit über sich als ein sehr 
gebildeter und solider junger Mann, auch in jeder 
Hinsicht so gut betragen, daß ich demselben hierüber
	        

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