Full text: Hessenland (14.1900)

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Recht der Auslegung» machte thuen Sorge. — 
Der Rath Schmidt redete mit den Leuten, 
wobei Jean Bartelot als Dolmetscher diente, 
und versicherte, der Graf würde alle Versprechungen 
halten, er würde einen Weiher machen lassen, 
wolle auch die Aecker zweimal ackern und das 
Holz zum Bauen anfahren lassen; er „stellte 
ihnen Alles weitlesftig vor", aber sie blieben 
dabei, daß sie abziehen wollten. 
Der Graf schrieb folgende „Reflexiones (Ge 
danken) über der Waldenser raisons (Gründe)": 
Das hat man den Waldensern nicht verschwiegen, 
daß kein Wasser da wäre; aber sie Hütten zum 
Leisenwälder Born nicht weiter als die Leisen- 
wülder selbst, und ehe sie die beiden Brunnen 
gegraben hätten, hätten sie sich erst mit des Orts 
verständigen Leuten berathen müssen. Ane Bnben- 
rain sei noch ein näherer Quell. Und es gäbe 
viele Dörfer, welche keine Quellen haben und 
Brunnen graben müßten. Was die drei Schul 
theißen wegen des Landes sagten, ginge sie nichts 
an, aber sie könnten nicht beanspruchen, was 
andere Leute besessen haben. Den Wald wolle 
man ihnen nicht abschlagen, aber sie sollten doch 
erst einmal den übrigen Acker bauen, damit 
hätten sie vorerst genug zu thun. Vor dem 
Frühjahr hätten sie überhaupt nichts am Land 
thun können, da sie im Herbst mit dem Bau 
ihrer Baracken zu thun gehabt hätten. Es gäbe 
Leute, die mit 25 Morgen sich wohl ständen, 
also könnten sie auch wohl durchkommen, wenn 
sie dabei Viehzucht und Handwerk trieben. 
„Wenn der Acker wohl gebaut wird, bringt er 
nicht allein Korn, sondern es halten hiesige 
Unterthanen was daneben herauswächst vor eine 
Zugabe." 
Die Mehrzahl ließ sich durch alle Einreden 
nicht von ihrem Willen abbringen, sie überreichten 
eine Liste, aus der 204 Personen erklärten, sie 
wollten fort und dahin gehen, wohin sie die 
göttliche Vorsehung führen würde. Eine andere 
Liste wurde noch überreicht von den Familien, 
die erklärten zu bleiben, wenn eine Anzahl bliebe, 
die genüge, um eine Gemeinde zu bilden und 
einen Pfarrer anzustellen, und wenn der Herr- 
Gras die im Vertrag versprochenen Ländereien 
liefere. Es waren zuerst 98, dann 157 Personen, 
die diese Erklärung abgaben. Abwesend waren 
am 28. April 47 Personen, darunter 20 mit 
Erlaubniß des Grasen, sie mögen sich wohl in 
die Umgegend zerstreut haben, um Arbeit oder 
Almosen zu suchen; etliche Männer lagen auch 
krank in anderen Dörfern. 
Der Graf war unwillig über die Leute, die 
immer Land forderten und ihr Weniges noch 
nicht einmal bearbeiteten, immer räsonnirten 
und selbst doch nichts thaten, um ihre Lage zu 
verbessern. Andererseits muß man sagen, daß 
es schwer für die Ansiedler war, sich in die ganz 
anderen Verhältnisse zu finden, Mittel waren 
nicht vorhanden, die Gegend rauh, die Aussichten 
für die Zukunft sehr dunkel. Und in der That 
war die Zahl der Angekommenen für die in 
Aussicht genommene Flüche zu groß, wenn sie 
sich von der Landwirthschast ernähren wollten. 
Valkenier schrieb begütigend an den Grasen und 
versprach dahin zu wirken, daß der Sohn des 
Grasen bei der ersten eintretenden Vakanz die 
Koinpagnie Infanterie erhalte; der Graf möge 
doch nur die nächsten und bequemsten Ländereien 
den Waldensern gleich anweisen, damit das 
Faulenzerleben aufhöre. Er ließ die Waldenser 
auch noch besonders durch Pfarrer Archer er 
mahnen, doch in Waldensberg zu bleiben, die 
Dableibenden sollten der Kollekten theilhaftig, die 
Wegziehenden aber ganz verlassen werden; er 
erließ auch ein besonderes Schreiben an alle 
Franzosen und Waldenser, die unter seiner Leitung 
standen, in dem er auf's eindringlichste vor dem 
Verlassen der Kolonien und dem Umherlaufen, 
besonders aber vor der Rückkehr in die Heimath 
warnt, wo sie von den Päpstlichen gezwungen 
würden, ihre Religion abzuschwören, ihre Vor 
fahren als ewig verdammt zu betrachten, stets 
im Land zu bleiben, vor den päpstlichen Kirchen 
Buße zu thun, im Hemd, barfuß und barhäuptig, 
den Strick um den Hals und eine Kerze in der 
Hand. Daher erläßt er den Befehl an alle 
Bürgermeister und Schössen, keinem Menschen 
etwas von den Kollekten zu geben, der nicht 
feierlich geschworen hat, fern ganzes Leben Gott 
und unserer heiligen Religion und auch der 
Herrschaft treu zu sein, ohne Genehmigung nicht 
die Kolonie zu verlassen, geschweige denn nach 
Frankreich oder Piemont zurückzukehren. 
Pfarrer Archer verlas das Schreiben und 
knüpfte kräftige Ermahnungen daran, aber die 
in der Liste Eingezeichneten erklärten, in Waldens 
berg nicht bleiben zu können. Die dazubleiben 
willens waren, leisteten am 22. Mai 1700 dem 
Gras den Eid der Treue; es waren 144 Per 
sonen (28 Familien und 4 einzelne Personen), 
lauter Waldenser, außer einem Franzosen. Zn 
ihnen kamen noch im Oktober lind folgenden 
Mai 4 französische Familien. So war das Zu- 
standekonnnen der Kolonie gesichert. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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