Full text: Hessenland (14.1900)

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mit aller möglichen Geschwindigkeit schöpften, iu 
57 Gefäßen voll allerhand Größe, nur ein ver- 
hältnißmäßig kleines Quantum (nur 7 Schuhe) 
wegbringen konnte, und die Gewalt der Quelle 
sehr stark war, daß sie mit Getöse in die Höhe 
brodelte und gleich so viel wiedergab, als man 
wegschöpfte. Ein Fahrenheitisches Thermometer 
stand in freier Lust auf 64 Grad lind fiel im 
Wasser auf 52 Grad, also um 12 Grad. 
Der Dunst war so stark, daß der mit einer 
Leiter hinabgestiegene Mann etliche Mal heraus 
steigen mußte, um nicht zu ersticken. Als der 
Brunnen wieder voll war, sehte man einen Frosch 
auf das Wasser, der in M/s Minuten starb und 
auch zu Boden sank. Auf Personen, die nach 
diesen Bersuchen das Wasser bei der Quelle 
tranken, übte dasselbe stark abführende Wirkung 
aus. 
4)r. Cuntz empfiehlt den Gebrauch der Quelle 
wegen ihrer auflösenden und reinigenden Eigenschaft 
für Hartleibigkeit, Mattigkeit, Schwerfälligkeit, 
Mutterbeschwerung, - Kolik, bösartige Geschwüre 
und noch eine ganze Reihe von Leiden, warnt aber 
besonders schwache Personen vor dem unmäßigen 
Trinken, giebt für die Zeit der Benutzung eine 
genaue Speiseordnung und führt mehrere Beispiele 
der erfolgreichen Anwendung an. 
^ Zuerst benutzte den Brunnen Hauptmann 
Singe vom Leibdragonerregiment zu Kassel, so 
dann Metropolitan Rausch zu Gudensberg in 
Gesellschaft des Oberrentmeisters Köhler zu Kassel. 
Unter den von Cuntz mitgetheilten Füllen ans 
seiner ärztlichen Behandlung ist hier einer her 
vorzuheben : 
„N. R., 40 Jahre alt, Einwohner desselbigen 
Ortes (Geismar), hatte die Rothernhr gehabt, 
und sich dieselbe, wie es leyder so oft zu geschehen 
pflegt, durch heftige zusammenziehende Mittel 
ohne alle Vorsicht gestopfet. Hierauf bemerkte er 
nach und nach in dem linken Bein eine Läh 
mung und beständige Kälte. Als ich den Atonal 
Julius des folgenden Jahres 1765 mich ieinige 
Tage in dem Orte aufhielt, kam dieser Kranke 
zu mir, klagte neben den schon erzählten Zu- ! 
fällen, daß er nun seit 14 Tagen große Schmerzen 
in dem nämlichen Bein erlitte, sodaß er weder 
Tag noch Nacht Ruhe hätte und nicht das Ge- j 
ringste vornehmen könnte. Aeußerlich war nichts ! 
daran zu sehen, als daß es wie todt aussah und 
ganz kalt war. Ich rieth ihm den Brunnen zu 
trinken und alle Abend Stunde das Bein 
mit dem Mineralwasser zu waschen. Als ich 
nach einigen Wochen wieder an den Ort kam 
und mich nach dem Patienten erkundigte, kam 
derselbe mit großer Freude zu mir und berichtete, 
daß Ü)ii schon den dritten Tag nach dem Gebrauch 
des Brunnens die Schmerzen größtentheils ver 
lassen und da er noch ferner zu brauchen fort 
gefahren, völlig verschwunden wären; zugleich 
Hütte sich auch die natürliche Wärme und leben 
dige Farbe, bis über die Hülste des Fußes, wieder 
eingefnnden. Einige Wochen nachher war der 
Kranke völlig wieder hergestellt." 
Andere Aerzte sind Dr. Cuntz mit Empfehlung 
gefolgt und der Dorf Geismarische Gesundbrunnen 
ist als stärkender Sauerbrunnen bis etwa 
in die Mitte dieses Jahrhunderts benutzt worden, 
indem derselbe nicht nur dort getrunken, wodurch 
seine Stätte zugleich Vergnügungsort für die 
Umgegend wurde, sondern auch in eigens dazu 
gemachten, mit seinem Namen bezeichneten und 
verpichten Steinkrügen an andere Orte versandt 
worden ist. Zum Baden scheint er weniger ge 
braucht worden zu sein. 
Der Ort Geismar, zu dessen Gemarkung 
der beschriebene Sauerbrunnen gehört, ein Kirch 
dorf an dem südlichen Abhange des Frischbergs, 
zählte im Jahre 1842 7 ) 108 Häuser, 822 Ein 
wohner und 3770 Acker (2161 Acker Land), sowie 
zwei Mahlmühlen und eine Papiermühle, von 
der Elbe getrieben, dagegen nach dem Staats- 
Handbuch von 1878: 122 Häuser mit 637 Ein 
wohnern , einer Mahl- und einer Papiermühle; 
1896: 125 Häuser mit 652 Einwohnern, einer 
Mahl- und einer Papiermühle. 
Tie Kirche, in der ersten Hälfte des 18. Jahr 
hunderts (1743) erbaut, ist klein und unan 
sehnlich. 8 ) 
Erst in den letzten Jahrzehnten hat die Be- 
nutzung dieser einst gerühmten Quelle allmäh 
lich aufgehört. Aber noch steht dieselbe in ihrer 
Einfassung unter einem nach allen Seiten hin 
angelegten und einem chinesischen Tempel nicht 
unähnlichen Holzbau, und ein in der Nähe 
wohnender Landmann hat auf Grund staatlicher 
Verpachtung ein geräumiges Haus mit Sälen 
und Wohnräumen und zugehörigen Oekonomie- 
gebäuden in Benutzung, in welchem Brunnengäste 
untergebracht werden können. Es bedarf daher 
zur Belebung und Unterstützung dieses, den be 
rühmt gewordenen waldeckischen Quellen gleich 
kommenden und ebenfalls in reizendem Thalgrunde 
gelegenen Gesundbrunnens vor allem der wirk 
samen Empfehlung, damit derselbe nicht gleich 
dem Hofgeismarischen der Vergessenheit anheim 
falle und sich nicht auch hier bewahrheite der * 4 
4 Landau, Beschreibung des Kurfürstenthums Hessen 
(2. Ausg. Kassel, 1867), S. 237. 
4 Vergl. Hvchhnth, Statistik der evangl. Kirche im 
Reg.-Bez. Kassel (Kassel, 1872), S. 12s>,
	        

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