Full text: Hessenland (14.1900)

Oberlehrer a. D. Grebe bezeichnete eine Neubear 
beitung der hessischen Chronik von Otto Vilmar 
als wünschenswerth, stieß dabei aber auf den 
Widerspruch des Vorsitzenden Bibliothekars Dr. 
Brunner, der hervorhob, daß die hessische Ge 
schichtsschreibung zur Zeit anderen wichtigeren 
Ausgaben gegenüberstünde, die dank der jetzt in's 
Leben tretenden Quelleneditionen der historischen 
Kommission zu Marburg sich immer umfangreicher 
gestalten würden, aber andererseits die Anfertigung 
eines sorgfältig ausgearbeiteten Repertoriums der 
zahlreichen Bünde der Zeitschrift des Vereins für 
wünschenswerth erklärte. Zum Schluß erläuterte 
Landesbauinspektor Rose einen im Besitz der 
Landesbibliothek befindlichen Stich aus den 20 er 
Jahren des 19. Jahrhunderts, welcher das Innere 
der Klosterkirche zu Breitenau vor dem Umbau 
zeigt. 
Am 22. Januar hielt in der Monatsversammlung 
des Vereins für hessische Geschichte zu 
Hanau Akademielehrer Zimmermann Vortrag 
über „die Gründung Neu-Hanaus in ihren 
politischen Folgen". 
In dem 4. Abonnementskonzert des 
kgl. Theaters in Kassel brachte Kapellmeister 
Dr. Beier u. a. eine neue symphonische Dichtung 
„Fata morgana“ von unserem hessischen Lands 
mann Karl Gleitz aus Hitzerode, die ihm dieser 
gewidmet hat, zu einer vollendeten Ausführung. 
Wie die symphonische Dichtung „Jost Fritz", 
der Kapellmeister Beier vor zwei Jahren zur Aus 
führung im Abonnemetskonzert verhals, verräth 
auch die neue Tondichtung hohe Begabung, wenn 
gleich die hochmodernen realistischen, bizarren 
Klangeffekten huldigende Richtung des Komponisten 
nicht jedem nach dem Sinne ist. Am Dirigenten 
pult stand letzterer selbst, was für Viele hier den 
Eindruck noch verstärkte. 
8 0. Geburtstag. Am 2. Februar begeht 
der Senior der Familie von Bischoffshausen, Ge 
heimer Regiernngsrath a. D. Freiherr William 
Mordian von Bischossshausen zu Kassel, 
Bruder des im Jahre 1884 verstorbenen Landes 
direktors Edwin von B., seinen 80. Geburtstag 
in großer Frische und Rüstigkeit. 
Todesfall. Am 13. Januar verschied zu 
Hanau der Musiklehrer und Organist der Walloni 
schen Gemeinde Anton Appunn im 61. Lebens 
jahre, welcher seit Jahren aus die Entwickelung des 
Hanauer Musiklebens hervorragenden Einfluß geübt 
hat und zwar theils als Privatlehrer, theils als 
Dirigent des Vereins Frohsinn und des Oratorien 
vereins. Der Verstorbene, ein hochbegabter fein 
fühliger Musiker und liebenswürdiger Mensch, 
widmete sich in den letzten Jahren hauptsächlich 
der Anfertigung akustischer Apparate, zum Theil 
nach eigener Erfindung, infolgedessen war sein 
Name an beu Universitäten und in sonstigen fach 
männischen Kreisen bekannt und geschäht. 
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Kessilche ^üd)ersci>ait. 
Der Sänger. Roman von Adolf Wilbrandt. > 
Stuttgart (Cotta) 1899. 
Der Roman spielt größtentheils aus hessischem 
Boden, in der Alma mater Philippina, und hat 
deshalb für alle, die Marburg kennen und lieben, 
ein besonderes Interesse. Das Motiv ist ähnlich 
wie in einem der letzten Romane WilbrandPs 
„Hildegard Mahlmann" 1897. Wie dort um 
die Gestalt einer Naturdichterin — der unver 
kennbar gezeichneten Johanna Ambrosius —, schlingt 
sich hier die Erzählung um die eines Natursängers, 
des Schlossergesellen Ernst Prinzinger in Mainz. 
Sein sehnlichster Wunsch, ein berühmter Sänger 
zu werden, geht in Erfüllung. Man entdeckt seine 
vorzügliche Baßstimme, er wird Mitglied des 
Stadttheaters zu Mainz. Bei einem Gastspiel 
der Theatergesellschast in Marburg gewinnt er 
durch seinen bestrickenden Gesang die besondere 
Gunst des Marburger Prosessors Kirchheim und 
seiner jungen Tochter Elsbeth. Was leicht zu er 
rathen ist, tritt ein: Prinzinger wird Kirchheim's 
Schwiegersohn, nachdem er von seiner infolge Ueber- 
austrengung eingetretenen Geisteskrankheit glücklich 
wieder genesen. Er ist ein Sänger von bedeuten 
dem Ruf geworden, die Theater reißen sich um 
ihn, und er hat sein Hauptquartier in dem Hause 
seines Schwiegervaters in der Ritterstraße — dem 
unschwer zu erkennenden „Forsthof" — ausge 
schlagen. 
So sehr unser Lokalpatriotismus uns sür das 
Werk begeistern läßt, so müssen wir, wenn wir 
ehrliche Kritik üben, doch auch -eins zugestehen: 
Wilbrandt steht mit dieser Arbeit nicht ganz aus 
der Höhe seines künstlerischen Schaffens. Der 
Roman leidet an einem großen Fehler: an Un 
wahrscheinlich keilen. Das Bekanntwerden Prin- 
zinger's mit Kirchheim und seiner Tochter am 
Abend nach der ersten Vorstellung, die Persönlich
	        

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