Full text: Hessenland (14.1900)

Chirurgen unb Bader. In der Zeit der 
alten Innungen und Zünfte waren Streitigkeiten 
zwischen verwandten Gewerben über die Grenzen 
ihrer Befugnisse keinerlei seltene Erscheinungen, 
da jede Körperschaft mit großer Eifersucht darüber 
wachte, daß ihr das ihrer Ansicht nach gebührende 
Gebiet gewahrt bliebe und feilte Eingriffe von 
Nichtzunftgenossen geduldet wurden. Häufig wurden 
infolge derartiger Erscheinungen sogar landesherr 
liche Verordnungen erwirkt. 
So erließ Landgraf Karl von Hessen 
unter dem 22. Februar 1716 aus Ersuchen 
des Kasseler Collegium chirurgicum gegen die 
Bader des Landes ein Ausschreiben, in welchem 
den Letzteren untersagt wurde, „ob sich gleich einer 
oder ander der Chirurgie einigermaßen beflissen 
haben möchte", den Chirurgen Eintrag zu thun 
oder sich Chirurgen zu nennen, es habe ein jeder 
bei seiner erlernten Profession zu verbleiben. Die 
Regierung zu Kassel hatte selbiges Reskript am 
2. März gleichen Jahres in Wirksamkeit zu setzen 
besohlen. Den Badern half es nichts, daß sie 
bei dein Landgrafen die Zurücknahme der Ver- 
ordnung beantragten. Vielmehr erfolgte bereits 
am 23. März der Bescheid, daß es bei dem den 
Chirurgen zu Kassel gegen die Bader ertheilten 
Reskript bewenden müsse. Auch dabei beruhigten 
sich die Bader noch nicht, vermuthlich wohl, weil 
es ihnen bei Beschränkung ihrer Thätigkeit aus 
die eigeutlichen Befugnisse des Baders nicht mög 
lich war, ihren Lebensunterhalt in auskömmlicher 
Weise zu sichern. 
Auf eine nochmalige Eingabe, die den Chirurgen 
„grob und unverschämt" vorkam, erhielten sie 
dann am 9. März 1719 zur Antwort, es habe 
bei der vhulängst wegen der zwischen den Chirurgen 
und den Badern gehabten Streitigkeiten gethanen 
fürstlichen Verordnungen zu verbleiben. Weiter 
wurden die fürstlichen Beamten wie auch Bürger 
meister und Rath der Residenz angewiesen, die 
Bader bei Vermeidung von Strafen ernstlich zu 
bedeuten, daß sie sich der Verordnung gemäß ver 
halten, also dem Kuriren durchaus entsagen sollten. 
Der wohllöbliche Stadtrath aber ist für Be 
folgung dieser wiederholten landgrüflichen Ver 
ordnung nicht eingetreten; denn das Collegium 
chirurgicum wendete sich unter dem 3. Oktober 
1719 an Bürgermeister und Rath mit dem dring 
lichen Ersuchen, der fürstlichen und Regierungs 
verfügung Nachachtung zu verschaffen und von 
seiner bisherigen widerhaarigen Haltung abzu 
lassen. 
Das Stadtgericht hatte nämlich im Widerspruch 
mit der obrigkeitlichen Verfügung am 6. August 
1718 sich geweigert, entgegen dem Antrag der 
Chirurgen erneut Bader Namens Ronnewald einen 
bei ihm in der Kur besindlichen Patienten abzunehmen, 
bezw. ihm das Recht abzusprechen, kuriren zu 
dürfen. Gegen dieses Urtheil des Stadtgerichts 
hatten die Chirurgen bei fürstlicher Regierung Be 
rufung eingelegt, die den Spruch aufgehoben und 
die Angelegenheit unter dem 26. August an das 
Stadtgericht zurückgewiesen hatte. Von der auf 
der Landesbibliothek im Original aufbewahrten 
Oktober-Eingabe der Chirurgen, der alles oben 
Mitgetheilte entnommen ist, läßt sich gerade nicht 
behaupten, daß sie von allzugroßem Respekt vor 
dem hohen Rath durchdrungen war, wurde in ihr 
auch äußerlich die übliche Form der Ehrerbietung 
nicht verletzt, so sagten die Beschwerdeführer doch 
unverblümt ihre Meinung, wie es überhaupt irrig 
ist von den früheren Zeiten anzunehmen, daß sie 
lediglich die des beschränkten UnterthanenverstandcS 
gewesen seien. 
In der beim Stadtgericht anhängigen Sache 
selbst erfahren wir nichts Weiteres. Zu vermuthen 
ist ja. daß dasselbe zum zweiten Mal zu einem 
andern Spruch gelangt ist, fest steht es aber nicht. 
Aus aller* und neuere Keit. 
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Aus Keirnath und gtremde. 
Hessischer Geschichtsverein. Der Ver 
ein sür hessische Geschichte in S chmal- 
kalden hielt am 9. Januar unter dem Vorsitz 
des Metropolitans Vilmar daselbst seine Jahres 
versammlung ab. 
Am 15. Januar fand im Kasseler Geschichts 
verein der erste Unterhaltungsabend im neuen Jahre 
statt, an welchem wieder eine reichhaltige Tages 
ordnung zur Erledigung kam; so diskutirten Oberst 
leutnant a. D. von S t a m s o r d und Direktorial- 
assistent am Museum I)r. Bühlau über die Bedeu 
tung der halbvollzogenen Verbrennung der Leiche des 
römischen Feldherrn Varus, Direktor Henkel sprach 
über die Erbfolge in Heffen-Darmstadt nach etwaigem 
Aussterben des dort regierenden Mannesstammes, 
wozu Obervorsteher von Baumbach noch nähere 
Erläuterungen gab, ferner machte Herr Henkel 
interessante Ausführungen über die Familie Briede, 
deren Angehörige Katharina ein Kapital zur 
Gründung der Garnisonkirche in Kassel stiftete.
	        

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