Full text: Hessenland (14.1900)

das; dies nicht der Fall war. Schon am 1. April 
hatte Knhphausen von einem vom General on chef 
prvklamirten General-Pardon für alle diejenigen 
Deserteure, „die sich vor dem 1. Mai bei der 
königlichen Armee sistiren" würden, berichtet nnd 
hinzugefügt, daß auch er sich zwar angeschlossen 
habe, jedoch mit der ausdrücklichen Beschränkung 
desselben auf „desertirte Unterofficiers nnd Ge- 
meine". Letzteres aus dem Grunde, „weilen 
bevor Ew. Hochs. Durchlaucht höchste Entschließung 
intb Befehle wegen derer desertirten Fähnriche 
F. und Kl?) auf seinen unterthänigsten Rapport 
vom 23. August lind 24. September vergangenen 
Jahres daselbst anlangten, diesen von ihm kein 
Pardon zugestanden werden könne", mit andern 
Worten, weil in dem gegen jene schwebenden 
Prozeßverfahren die allerhöchste Entscheidung noch 
ausstand. 
In feinem Rapport vom 3. Mai giebt nun 
Knhphausen die Gründe an, weshalb er dem 
allerhöchsten Befehl zur Eröffnung des Prozesses 
und Citation der Angeklagten noch nicht Folge 
geleistet unb bittet im Anschluß daran um Auf 
schub der Citation „bis zu Ablauf des (bis zum 
1. Juni) verlängerten Generalpardons". 
Bon den vier Gründen, die Knhphausen zu 
seiner Entschuldigung anführt, seien als die beiden 
bemerkenswerthesten hier mitgetheilt einmal die 
Befürchtung, daß „die Feinde, obgleich durch den 
von ihm erlassenen Generalpardon denen beiden 
desertirten Fähnrichs kein Pardon versprochen 
worden, dennoch von der gegen sie zu erlassen 
befohlenen Citation Anlaß nehmen möchten, durch 
erdichtete wahrheitswidrige Verdrehungen nnd deren 
Bekanntmachung Leute von der Armee, die sich 
sonst etwa von ihrer Desertion wieder hergestellt 
haben würden, hiervon abwendig zu machen", so 
dann die Möglichkeit, daß „vielleicht inzwischen 
auf seinen Bericht vom 14. Februar die weiteren 
Befehle Sr. hochfürstl. Durchlaucht einlaufen 
könnten, ob selbige nicht auch wegeil des zugleich 
begangenen 6riniini8 perduellionis **) Rede und 
Antwort geben sollten".st) 
Deni Landgrafen leuchteten diese Gründe denn 
auch ein. Wenigstens genehmigte er den erbetenen 
Aufschub in seinem Schreiben vom 28. Juli, fügte 
aber hinzu, daß der Prozeß „hernach ohngesäumt 
*) Dies waren demnach die einzigen desertirten Offiziere. 
**) Weil sie nicht nur desertirt, sondern auch in feind 
liche Dienste getreten waren. 
t) Wir müssen bedenken, daß die vom 22. April datirte 
Antwort des Landgrafen auf den die Rechtfertigungsschrift 
enthaltenden Bericht von -llnhphausen's damals (tun 8. Mai) 
noch nicht in dessen Hände gelangt sein konnte. 
mit öffentlicher Citation uud äußerster Strenge 
der Kriegsgesetze gemacht" werden solle. Trotzdem 
aber scheint, ob mit oder ohne Schuld des Kriegs 
gerichts, vermögen wir nicht zu entscheiden, auch 
nach Ablauf des Generalpardons die Sache noch 
nicht gleich in rechten Fluß gekommen zu fein. 
Depn ant 22. November läßt der Landgraf ein 
abermaliges dringendes Schreiben los, in dem er 
die Erwartung ausspricht, daß der Prozeß „un 
verzüglich betrieben nnd beendigt" werde, nnd 
wenn er hinzufügt „nach nunmehr eessirenden 
Ursachen zu dessen bisherigen Aussetzung", so 
kann sich das kaum noch auf den am 1. Juni 
bereits abgelaufenen Generalpardon beziehen. Es 
muß vielmehr noch ein weiteres Hinderniß ein 
getreten sein, das sich unserer Kenntniß nnd Be- 
urtheilung entzieht. Seinen Abschluß fand der 
Prozeß erst gegen Ende des folgenden Jahres, 
wie aus dem Schreiben des Landgrafen vom 
20. November 1780 hervorgeht: 
„Vom Kriegscollegio", heißt es da, „wird dem 
Herrn Generallientenant das Nöthige wegen dem, 
aber dessen (?) nnd des Lieutenant (?) F. erfolgte 
Desertion nunmehr gesprochenen und von mir 
eonfirmirten Urtheil fordersamst zugehen." 
Ueber den Verlauf des Prozesses selbst, ans beit 
übrigens das Begnadigungsgesuch des Fähnrichs 
Kl. fördernd nnd beschleunigend eingewirkt zu 
haben scheint, da die Urtheilsbestütigung des Laud- 
grafen verhültnißmäßig bald aus den jenes 
Schreiben enthaltenden Bericht des Generals von 
Knhphausen erfolgte, sowie über den Ausfall des 
kriegsgerichtlichen Urtheils erfahren wir leider 
nichts. Von den beiden Deserteuren begegnen 
wir Kl. überhaupt nicht wieder. C. F. taucht 
dagegen neun Jahre später noch einmal in den Akten 
des „Generalkriegsprotokoll" von 1789 auf, wo 
„die weiblichen Geschwister der F'scheu Erben 
zu F. demüthigst bitten, demnächst die dem Amte 
Bielsungen aufgetragene Confiscation des Ver 
mögens ihres in Amerika gebliebenen Bruders 
wieder aufzuheben", worauf dann in dem „Bericht 
vom Kriegscollegio über das Gesuch der Geschwister 
des desertirten Fähndrich F. um Schenkung 
dessen confiscablen Vermögens" verfügt wird, daß 
„zuvörderst die an diesem Vermögen gemachten 
Ansprüche näher untersucht werden sollen". 
Außerdem aber wissen wir noch aus sicherer 
Quelle, daß F. nicht nur seinen Gläubigern in 
der „alten Welt" entgangen, sondern in der 
„neuen" obendrein noch Schätze gesammelt bezw. 
als Lohn für seine Desertion geerntet hat und 
im Jahre 1794 in Virginien gestorben ist.
	        

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