Full text: Hessenland (14.1900)

34 
Reichs- und Kreissteuern bezahlt werden). Das 
waren die hauptsächlichsten Bestimmungen, die 
übrigens nach dem Muster der Württemberger 
und Darmstädter Verträge gearbeitet waren. 
So war die Heimath bereitet, und die „armen 
Waldenser" konnten einziehen. Es geschah zwischen 
dem 23. und 30. August 1699, etwa am 27. des 
Monats?) Der Zug konnte nur langsam voran 
gehen. Viel hatten die armen Leute nicht aus 
der Heimath mit wegnehmen können, der Weg 
über die Alpen war zu weit und zu beschwerlich, 
um noch eine größere Belastung zu gestatten. 
Einige Bündel und Zwerchsäcke**) mögen sie gehabt 
haben. Zur Zeit von Pfarrer Schmidt (1825) 
erzählten noch manche, daß sie eine Hechel hätten 
oder doch bei ihren Vätern noch gesehen hätten, 
die die Altvordern „mit aus Frankreich gebracht" 
hätten. Jetzt findet man nichts mehr, was aus 
der Vorzeit stammt. An Geld hatten sie sicher 
sehr wenig in Besitz, denn das, was sie hatten 
an Vieh und anderem Besitzthum, war ihnen 
zum Theil durch die französischen Mordschaaren 
zerstört und geraubt worden, zum Theil hatten 
sie es, da so Viele auf einmal verkaufen und 
auf baare Bezahlung dringen mußten, für ein 
Spottgeld hergeben müssen. So kamen sie an, 
hilf- und mittellos, um ihres Glaubens willen 
zu heimathlosen Armen geworden. 
Wir wissen aus anderen Nachrichten, und es 
läßt sich leicht denken, daß auch der Gesund 
heitszustand der Flüchtlinge ein trauriger war. 
Nach solchen Kämpfen, Mühen und Entbehrungen 
mußten Krankheiten kommen. Vom Juli 1699 
bis zum Schluß des Jahres, also in einem halben 
Jahre, starben von den etwa 380 Personen, die 
wie wir annehmen, der Hausen stark war, 
23 Personen, darunter 5 Ehemänner, 3 Ehefrauen, 
3 Wittwen, 3 ledige Personen, 9 Kinder. Im 
Jahre 1700, nachdem sich freilich die Gemeinde 
auf etwa 170 Personen verringert hatte,-starben 10, 
1701: 14, 1702: 5 Personen, in den darauf 
folgenden Jahren bis 1719: 7, 6, 3, 9, 7, 5, 
4, 8, 4, 9, 2, 20, 7, 1, 1, 1 Personen, also 
immerhin zuerst hohe Zahlen für eine so kleine 
Gemeinde; es sind 3, 4, 6, 8 Prozent der Be 
völkerung. 
In den ersten Wochen nahmen die umliegenden 
Dörfer die armen Flüchtlinge auf: Spielberg, 
*) Ich schließe dies aus einem Brief des Grafen an 
seinen Vetter Karl August vom 28. August, in dem er 
die Ankunft der Waldenser meldet. 
**) In diesen tragen jetzt noch die Waldensberger alles, 
sie haben weder Kotze, noch Reuse, noch Reff, noch Mahnen, 
wie die Leute in der Obergrafschaft Hanau, im Spessart 
und in der Wetterau. Die drei ersten werden ans dem 
Rücken, die letzten auf dem Kopf getragen. 
Streitberg, Wittgenborn und gewiß auch das 
ganz nahe Leisenwald. Die Kranken mußten ein 
Unterkommen haben, aber einige unter ihnen 
sahen kaum die neue Heimath, am 30. August 
starb eine Person in Spielberg, am 1. September 
wieder zwei daselbst, am selben Tage eine in 
Streitberg, am 2. September wieder eine; und 
so geht es fort. Ihren Gottesdienst durften die 
Waldenser in den Kirchen zu Spielberg oder 
Wittgenborn * **) ) halten (nach Art. 2), auch im 
Freien unter Buchen kamen sie der Sage nach 
zum Gottesdienst zusammen. 
Man „besah sich nun die Gelegenheit" und 
berieth, wo man am bestell die Kolonie hinbaute. 
Die Sage berichtet, ursprünglich hätten sich die 
Vorfahren an der Wäschbach niederlassen sollen, 
da wo jetzt der Weg von Waldensberg nach der 
Resser Straße jenes Gründchen durchschneidet. 
Diese Stelle liegt geschützt und hat Wasser, und 
aus den ersten Augenblick erscheint es in der That 
der geeignetste Platz für eine Niederlassung zu 
sein, jedenfalls hat der später gewählte Ort den 
großen Nachtheil, daß er ohne Wasser war und 
ferner allen Winden ausgesetzt ist, die voll dem 
Vogelsberg, der Rhön, dem Spessart oder Taunus 
her über die Hochebene mit durchdringender Ge 
walt dahinfegen. Warum wühlte man doch diese 
Stelle grade auf der Spitze des Hügels? Darauf 
gibt es mancherlei Antworten. Die Sage berichtet: 
Da die Wäschbach die Grenze zwischen dem Wächters 
bacher und dem Büdinger Gebiet bildet, Hütten 
sich die Leute dort nicht auf beideil Seiten an 
bauen wollen, um nicht getrennt zu werden. 
Dieser Grund ist kaum richtig, da es sich ja nur 
um eine Aufnahme im Wächtersbacher Gebiet 
handelte. Ich habe anderwärts, wenn ich mich 
recht entsinne: von Sr. Durchlaucht dem Fürsten, 
gehört, die Büdinger Herrschaft habe nicht zuge 
geben, daß die Kolonisten so nah an die Grenze 
und den Wald sich anbauten. Das mag eher 
richtig sein. Auch ist das Land oben viel besser, 
als ill dem.Grund, wo Lett und Sumpf vor 
herrschen. 
Schon im Herbst und Winter machte man sich 
daran, Wohnstätten zu bauen, aber Häuser wurden 
es nicht, sondern nur Baracken, Hütten ein 
facher Art ohne steinernes Fundament, die Schwellen 
waren nach 20 Jahren schon halb verfault; oben 
*) Spielberg und Wittgenborn waren erst wenige Jahre 
zuvor zu eignen Pfarreien erhoben worden, vordem mußten 
alle Dörfer, die zum Gericht Spielberg gehörten, zur Kirche 
nach Hellstein gehen. Die jetzigen Kirchen in Spiel- 
berg und Wittgenborn sind von Graf Ferdinand 
Maximilian II., der von 1703—1755 regierte, gebaut 
worden. Wittgenborn hat später wieder seinen eigenen 
Pfarrer verloren.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.