Full text: Hessenland (14.1900)

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Geistlichen von dem gräflichen Konsistorium be 
dungen war. Der Graf wollte Plätze, Bau- und 
Brennholz geben; erst sollten sie die ledigen Bau 
plätze zu Spielberg und Wittgenborn bebauen und 
die ungebauten Aecker in Bau bringen u. s. w.*) 
Zeigte sich also bei den Fürsten eine günstige 
Stimmung für die Aufnahme der Flüchtlinge, 
fo sorgte für die Waldenser in wahrhaft väter 
licher Weife der holländische Gesandte und Be 
vollmächtigte Peter V alkenier in Frankfurt 
am Main. Die Generalstaaten der Niederlande, 
die sich selbst die bürgerliche und religiöse Freiheit 
in langem, heißem Kampf erstritten hatten, waren 
die mächtigsten und hilfreichsten Beschützer der 
Waldenser. Das kleine Holland brachte im 
Jahr 1699 325 002 Gulden 13 Stück 2 Kreuzer 
für die verfolgten Glaubensgenossen aus, und zwar 
sollten davon zwei Drittel an die Waldenser aus 
Piemont, ein Drittel an die Reformirten aus 
Frankreich gegeben werden?*) Valkenier war eigens 
zu dem Zweck nach Deutschland gesandt worden, 
um den Waldensern zu helfen ; und er war un 
ermüdlich in seiner Fürsorge. Alle Fäden hatte 
er in seiner Hand, er reiste, er schrieb, unter 
handelte vhne Unterlaß für seine „armen Wal 
denser". 
Aus seine Veranlassung gingen in den ersten 
Julitagen vier Waldenser nach Wächtersbach, um 
sich das Land zu besehen. Leider war der Graf 
verreist, und so konnten sie über einen Aufnahme 
vertrag nichts verabredenß); doch hatten sie „ziem 
lichen Lüsten" zu der Gegend und meinten, es 
könnten 70 Familien hinkommen.ßß) Sie sandten 
denn auch einen Brief an den Grafen, worin sie 
baten: 1) sie in gedeckte Häuser einzuquartieren, 
bis sie sich Baracken gebaut hätten, 2) um ein 
Schulhaus für den Winter, 3) zur Beförderung 
ihrer Sachen und der kleinen Kinder um acht 
Wagen, die sie aber bezahlen wollten. 
Doch währte es noch etliche Wochen, bis die 
Aufnahme-Verhandlungen beendet waren. Der 
Graf verlangte für seinen Sohn eine Besehls- 
haberftelle in dem niederländischen Heer; Valkenier 
verlangte gänzliche Unabhängigkeit in kirchlicher 
Hinsicht, und ferner war ihm besonders der Ar 
tikel wegen der Frohnden anstößig; 25 Tage * **) 
**) Rößger (Herkunft der Waldenser, Seite 271) schreibt: 
am 23. Mai 1699 habe Graf Ferdinand Maximilian 
die Waldenser vorläufig in W o l f e n b o r n , Louisen- 
w a l d (muß heißen Leisenwald) und S p i e l b e r g 
angesiedelt. Das kann aber damals nur angeboten, nicht 
ausgeführt worden sein. 
**) Marburger Staatsarchiv, Franz. Col. I, IO. 
t) Brief von Valkenier an den Grasen vom 5. Juli 1699. 
tt) Brief des gräflich Wüchtersbacher Raths Schmidt 
an Valkenier vom 12. Juli 1699. 
jährlich sollten die Waldenser der Herrschaft 
Frohndienste leisten — nach des Raths Schmidt 
Meinung war das nicht zu viel, da die anderen 
Unterthanen wenigstens 50 Tage frohnden 
müßten —; aber Valkenier kam dies Frohnden 
wie eine Art Sklaverei vor; er wollte, daß die 
Waldenser dafür eine Geldabgabe zahlen sollten. 
Darüber verging die Zeit, während die armen 
Leute sehnsüchtig aus endliches zur Ruhe kommen 
hofften. Am 7. August ließ Valkenier die Häupter 
der noch nicht angesiedelten Waldenser zu sich 
kommen und besprach mit ihnen die vom Graf 
vorgelegten Artikel, sandte dann noch einmal den 
Herrn de Montaigne zu denk Grasen, und dieser 
ging schließlich aus die dringenden Bitten Val- 
kenier's wegen Freijahre, Frohnde u. s. w. ein, 
jedoch nur unter der Bedingung, daß die Herrn 
Generalstaaten (die Regierung der Niederlande) 
den König von England dahin brächten, seinem 
Sohn eine Kompagnie in seiner Garde zu geben, 
deren Befehlshaber der Herzog von Württemberg 
sei*); wenn sein Sohn auch erst acht Jahre alt 
sei, so werde er sich's zur Ehre anrechnen, den 
Staaten von Holland zu dienen. 
Endlich wurden am 11./21. August 1699 die 
Aufnahme-Urkunde und die Artikel von 
beiden Seiten unterzeichnet. Sie waren zunächst 
deutsch ausgesetzt und wurden dann in's Französische 
übertragen. 
Der Graf sagt zum Eingang: „Bewogen durch 
ein sonderbares Mitleid und die inständigen Bitten 
des außerordentlichen Gesandten der hochmögenden 
Generalstaaten Herrn Peter Valkenier habe er 
sich entschlossen, einige der armen Waldenser in 
sein Land und unter seinen Schutz zu nehmen, 
und nachdem diese mit unterthänigster Dankbarkeit 
die Erklärung des Grasen angenommen hätten, 
so verspräche er ihnen alles, was in den folgen 
den Artikeln stehe: freie Religionsübung, freie 
Wahl der Pfarrer, Lehrer und Aeltesten unter 
Bestätigung des Grafen, ungehinderte Ausübung 
der Kirchenzncht, eignes Ortsgericht, jeder Familie 
25 Morgen Eigenthum, freies Holz und Steine 
aus dem Büdinger Wald, Beholzungs- und Weide 
recht daselbst, Schlacht- und Braurecht, freien 
Handel, Zunstsreiheit, 10 Jahre Befreiung von 
Einquartierung, persönliche Freiheit, 10 Jahre 
Steuerfreiheit (später sollten der Zehnte und die 
Diese Stellung hatte der Herzog von Württemberg 
gleichfalls der Aufnahme der Waldenser zu danken. Holland 
war damals die beste Kriegsschule der Welt; und es war 
eine große Empfehlung, in holländischen Diensten gestanden 
zu haben; darneben war es Vortheilhaft. Der König 
Wilhelm III. von England war zugleich Statthalter der 
Niederlande.
	        

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