Full text: Hessenland (14.1900)

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Herrn, wohin sein Dienst ihn rief. Er war einer 
der Vertrauten des Fürsten, und schon manche ver 
wickelte Angelegenheit hatte durch sein menschen 
freundliches Dazwischentreten eine befriedigende 
Lösung gesunden. Er hätte auch Heinrich gern ge 
holfen, aber wie —? Gegen die bei den Buch 
händlern üblichen Bestimmungen, welche einen vor 
schriftsmäßigen Bildungsgang fordern, sowie gegen 
die Rechte der Stadt ließ sich schwerlich etwas 
machen, trotzdem hielt er es für angebracht, die 
mißliche Lage Heinrichs dem Kurfürsten bei Tafel 
zu erzählen. Ter Kurfürst aber schien sich für den 
Heinrich'schen Fall gar nicht zu interessiren, sagte 
nur „dummes Zeug" und sprach sodann von etwas 
Anderem. 
Nach einigen Tagen kam Heinrich wieder zu dem 
Oberstallmeister, und da dieser ihm keine günstige 
Mittheilung zu machen vermochte, so sah er sich vor 
seinem Ruin. Ter Verzweiflung nahe, ging Hein 
rich ans der Wohnung des Oberstallmeisters, die 
vor dem Wilhelmshöhcr Thore lag, die dortige 
Allee entlang und überlegte, ob er nicht den Mendel 
Gottschalck um seinen Tod iin Atlantischen Ozean 
beneiden sollte, denn durste er das gekaufte Geschäft 
nicht betreiben, konnte er all sein sauer erspartes 
und an diesen Kauf gehängtes Geld für verloren 
rechnen. In Gedanken versunken schritt er weiter 
und immer weiter, sodaß er sich schon in der Nähe 
des Wilhelmshöher Schlosses befand, als er erst an 
den Rückweg dachte, der damals noch durch 
keine elektrische Bahn erleichtert wurde. Ta be 
merkte er plötzlich einen sechsspännigen Hofwagen, 
der ihm langsam entgegen kam, und eine Strecke 
vor demselben einen Offizier in Garde-Uniform mit 
einer Dame spazierend. Er wußte wohl, wer das 
war, denn das wußte jedes Kind — der Kurfürst 
und seine Gemahlin. Heinrich blieb stehen, wie 
es sich für einen wvhlzugerittenen Staatsbürger 
ziemte, um seinen Landesherrn zu grüßen,' obwohl 
derselbe nichts von seinem Handel wissen wollte und 
ihn „dummes Zeug" genannt hatte — aber deshalb 
war er seinem obersten Kriegsherrn doch nicht gram. 
Wie der Kurfürst nun in seine Nähe kam, und er 
den Hut abnahm, erhob sich plötzlich ein Wirbel 
wind und entriß die Angströhre, die er wegen des 
Besuchs bei dem Oberstallmeister an diesem denk 
würdigen Nachmittag trug, seinen vor Aufregung 
zitternden Fingern. Heinrich machte einen langen 
Satz hinter ihr her, aber vergebens, sie kollerte 
lustig den Staub m der Allee aufwirbelnd gerade 
auf Serenissimus los und wäre Allerhöchstdemselben 
jedenfalls zwischen die Füße gerathen, wenn Hein 
rich sie nicht durch einen gewagten Sprung noch 
im letzten Moment erwischt hätte. Nun stand er 
lies gesenkten Hauptes, mit dem wiedergewonnenen 
Cylinder fast die Erde berührend, da und wußte 
gar nicht, wie seine Jagd nach dem „Bibi" so 
überaus komisch gewirkt hatte. Er verharrte, einem 
seltsamen indischen Heiligen gleich, noch eine Weile 
in seiner außerordentlichen Haltung, bis ein Lakai 
ihn ausstörte und nach seinem Namen fragte, da 
Seine Königliche Hoheit wissen wolle, wer der ge 
wandte Hutjongleur gewesen sei. 
„Nun ist alles aus," dachte Heinrich, als der 
Bediente sich entfernt hatte, „nun ist alles aus, 
denn nachdem mein Cylinder dem Kurfürsten fast 
zum Stolpern gebracht hat, wird er mir erst recht 
nicht auf die Beine helfen wollen. O, ich Unglücks 
exemplar !" 
In seinem Ingrimm wollte er den Cylinder ans 
die Erde schlendern, aber er besann sich noch zur 
rechten Zeit. daß eine Angströhre ein sehr zarter 
Gegenstand ist, und strich ihr die Physiognomie 
wieder glatt, die bei der Jagd sehr struppig ge 
worden war. — 
In der Nacht hatte Heinrich die schrecklichsten 
Träume. Bald drückte ihn der Alp in Gestalt von 
sämmtlichen Kasseler Buchhändlern, bald segelte er 
mit dem Mendel Gottschalck auf der Austria über's 
ÜJJieer, aber statt daß der unglückselige Postdampfer 
in Flammen aufging, ward er zum Todtenschiff und 
der Mendel selbst zum fliegenden Holländer. 
Schaudernd wachte Heinrich ans, und als er wieder 
einschlief, träumte ihm gar, er stehe in der Wil 
helmshöher Allee und statt seines Hutes kollere sein 
Kops dem Kurfürsten vor die Füße . . . Erst mit 
dem Morgengrauen entschwanden diese gräßlichen 
Bilder, und Heinrich schickte sich an, den Tag über 
wiederum Trübsal nach Noten zu blasen. In dieser 
melancholischen Beschäftigung wurde er Nachmittags 
durch den Eintritt eines Dieners in Livree unter 
brochen. bei dessen Anblick ihn ein gelindes Frösteln 
überschlich, denn er glaubte, es sei der Lakai von 
gestern, der ihn nach seinem Namen gefragt hatte, 
aber es war der Tiener des Oberstallmeisters, der 
ihn zu seinem Gebieter beschied. 
Heinrich kleidete sich an und begab sich dann 
sofort zu seinem Gönner. Lachend trat ihm dieser 
entgegen. 
„Nun, Heinrich, wie wür's, wollen Sie Hofbuch 
händler werden?" 
Heinrich konnte nur Mund und Nase aufsperren. 
„Wa — as? Ich — Hofbnch — Buch — 
Hos — Hofbuchhündler?" stotterte er, den Würden 
träger halb blödsinnig anstarrend. 
„Jawohl, und kurfürstlicher dazu?" 
Heinrich siel aus die Knie und rang die Hände. 
„Wie komm' ich dazu? Wie komm' ich so 
plötzlich dazu?! Eben noch — Austria — Gott 
schalck — Tod im Wasser. — Ich wollte in die
	        

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