Full text: Hessenland (14.1900)

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Behüt' dich Gort, viel holdes Noseiikind, 
So will ich — wieder scheidend — zu dir sprechen — 
Bor jäher Sonne und vor kaltem Wind. — 
Und wollte je nnwürd'ge Hand dich brechen, 
So brauche — die ja Rosen eigen sind — 
Tie Dörnleiu mnthig, welche blutig stechen! 
Ein wundervolles, lebensgroßes Bildnis;, das 
Tamina Rösing in ihrer ganzen Anmuth und 
reinen Schönheit darstellt, heute ein Juwel im 
Hanse ihres einzigen Bruders, war zu jener Zeit 
im Kasseler Kunstverein ansgestellt. 
Tie viel gefeierte holde Rose jenes schön 
geistige», dem Idealen zugewandten Kreises hatte 
nur ein kurzes Erdenwallen. Nach wenig mehr 
als einjähriger Ehe schloß sie, als Gattin des 
Majors von Heusinger-Waldegge, ihre Augen für 
immer dem irdischen Lichte, noch prangend in 
voller Jugendblüthe. — 
Oer fiofbuchhänöler des letzten Kurfürsten 
Humoristisches Erinnerungsblatt von W. Ben necke. 
In den sechziger Jahren befand sich zu Kassel 
■ in dem Eckhaus der Königs- unb Amattenstraße*), 
welches in früheren Zeiten ein angesehener Gast 
hof gewesen war und noch heute „der schwarze 
Adler" heißt, eine Buchhandlung, über deren Schan- 
senstcr das kurfürstlich hessische Wappen prangte. 
Der Inhaber dieser Buchhandlung war Heinrich I., 
der durch bemerkenswerthe Verhältnisse zu dieser 
Lebensstellung gelangte. Wer den Laden J.'s häufig 
besuchte, dem mußte es auffallen, daß neben der 
Thüre aus einem Stuhle stets ein Cylinder stand, 
wenn auch niemand sichtbar war, der diese Kopf 
bedeckung beim Eintritt dort hingestellt haben mochte. 
Dieser Cylinder gehörte nämlich Herrn I. selbst 
und konnte als ein historisches Denkmal betrachtet 
werden, denn kein Hut in ganz Hessen hatte den 
Kurfürsten so oft gegrüßt als dieser J.'sche „Bibi", 
da Seine Königliche Hoheit Tag für Tag an dem 
Hanse vorüber fuhr, und dann Herr I. mit dem 
Cylinder ans dem Laden vor die Hausthür stürzte, 
um dem Fürsten seine Berehrnng zu bezeigen. 
Damit er aber nie um die passende Kopfbedeckung 
in Verlegenheit sei, stand ans dem Stuhl stets der 
Cylinder bereit, den er bei seiner tiefen Reverenz 
für unumgänglich nothwendig hielt. Daß I. dem 
Kurfürsten aber in solcher Weise huldigte, kam so: 
I. hatte bei der kurfürstlichen Leibgarde seiner 
Militärpflicht genügt und war dann in die Dienste 
eines Kasseler Buchhändlers getreten, wo er sich 
sehr brauchbar bewies und längere Zeit thätig war. 
Es wächst der Mensch aber nicht allein mit seinen 
höheren Zwecken, sondern auch mit seinen höheren 
Ersparnissen, und so geschah es, daß unser Hein 
rich I. nicht länger mehr den dienstbaren Geist 
spielen, sondern als Herr aus dem runden Leder- 
schemel im Kontor vor dem dicken Hauptbuch 
sitzen wollte. Er sah sich deshalb um, nicht unter 
*) Jetzt Wilhelmstrnße. 
den Töchtern des Landes, sondern unter den Buch 
händlern der Stadt, und fand auch alsbald einen 
sichern Mendel Gottschalck. Leihbibliothekbesitzer und 
Inhaber eines Antiquariats, welcher Lust hatte, 
in der neuen Welt sein Glück zu versuchen, in 
Folge dessen er sein Geschäftchen zu verkaufen 
trachtete. Heinrich, denn ich will den I. der besseren 
Erzählung wegen ferner nur bei seinem Vornamen 
nennen, kaufte ihm Leihbibliothek und Antiquariat 
ab und Gottschalck segelte ans dem eisernen Schrauben- 
dampser „Austria" 1858 nach Amerika, um mit 
diesem Schiff leider zu Grunde zu gehen, denn am 
13. September verbrannte die „Austria" aus offener 
See und von den 542 Menschen, die sich aus ihr 
befanden, wurden nur 80 gerettet, unter welchen 
Mendel aber nicht namhaft gemacht wurde. 
Eine Buchhandlung hatte nun Heinrich zwar, 
ohne jedoch Buchhändler zu sein, denn dazu gehörte 
in den Augen der Kasseler Hoffman» und Campes 
ein größeres Maß von Wissen, als er sein eigen 
nannte. Tie Buchhändler der knrhessischen Residenz 
wollten demzufolge den kühnen Mann, der sich zu 
ihnen aus eigener Machtvollkommenheit emporge 
schwungen, in seiner neuen Stellung nicht anerkennen 
und wandten sich deshalb an den Magistrat. 
Dieser war nun ganz ihrer Meinung und machte 
Heinrich Schwierigkeiten, die auf gänzliches Unter 
sagen des Geschäftsbetriebs hinausliefen. In dieser 
Roth ging Heinrich zu dem Oberstallmeister des 
Kurfürsten, den er von seiner Dienstzeit bei der 
Leibgarde her kannte und stellte ihm seine Verlegen 
heit vor. Der Oberstallmeister, der weder auf die 
Buchhändler noch aus die Stadt Einfluß auszuüben 
vermochte, zuckte die Achseln und konnte dem ehemaligen 
Leibgardisten keinen sonderlichen Trost ertheilen. — 
„Doch," sagte er schließlich, „lassen Sie den Muth 
nicht sinken und kommen Sie in ein paar Tagen 
wieder." Betrübt ging Heinrich davon, und nach- 
j deutlich der Oberstallmeister in das Palais seines
	        

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