Full text: Hessenland (14.1900)

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stillen Waldeinsamkeit auf, legte aber die Ver 
waltung seines Gutes, mit der Besuguiß, dort 
nach Belieben zu wohnen, in die Hand eines geist 
vollen Mannes und anerkannten Juristen, des 
weiland Obergerichtsanwaltes Rösing zu Kassel. 
Wenn irgend Menschen hierher auf den von Ro 
mantik und dem poetischen Hauche liebreizender 
Landschaft umwebten Besitz gehörten, sich ihm 
harmonisch anpaßten, so war es die Familie 
Rösings und der Kranz auserlesener Freunde, der 
sie umgab! In dem schlichten, gemüthlichen Kassel 
der dreißiger und vierziger Jahre war der Salon 
der Gattin des Obergerichtsanwalts Rösing der j 
Krystallisationspunkt dieses ausgewählten Kreises. : 
Von höchster Anmuth der Erscheinung, talentvoll 
den schönen Künsten ergeben, war die geistreiche 
Frau eine vollendet ebenbürtige Gefährtin ihres ! 
geistig so hochstehenden Mannes. Reben der stolzen 
Rose blühte in unvergleichlicher Lieblichkeit des 
Hauses älteste Tochter, Ta in in a. Keiner aus dem 
erlesenen Kreise Terer, die zu den Freunden des ; 
Hauses Rösing gehörten, konnte sich dem Zauber 
entziehen, der von Tamina ausging; so auch der 
ernste Friedrich O e t k e r, so auch der geniale Poet 
D i n g e l st e d t nicht. Wurde während des Winters 
in dem stattlichen Hause an der Ecke des Meßplatzes 
und der Karlstraße schräg gegenüber dem Rathhaus, 
welches Rösing's als Eigenthum bewohnten,im heiteren, 
geistig angeregten Kreise den Musen gehuldigt, wobei 
kaum eine vernachlässigt wurde, und in ernsten Ge 
sprächen mancher große, kühne Gedanke auch vor das 
Urtheil der anwesenden Frauen gestellt, so vereinte an 
manchem Sommer- und klaren Herbsttage das 
reizende Schlößchen Windhausen die auserlesene 
Gesellschaft von Männern und Frauen. Ter Wald 
rauschte über den fröhlichen Spielen dort aus dem 
grünen Plan, der sich vor der weit geöffneten 
Glasthüre des Gartensaales ausdehnt, und ländliche 
Feste, bei denen die lichte Gestalt Tamina's, mit 
den Sonnenaugen und den braunen Locken, wie 
die verkörperte Muse der lyrischen Poesie, als 
Königin waltete, erhoben den Jugendmuth und 
Frohsinn der jüngeren und verjüngten die älteren 
Theilnehmcr an dem reizenden Idyll „Windhansen". 
Es ist zu verstehen, daß die Familienfeste jenes 
Mittelpunktes begabter Menschen in ihrer Eigenart 
entsprechender Weise gefeiert wurden, Musik, Poesie 
und Malerei die Feste in edler Weise verschönen 
mußten. — Ein sicherlich noch ungedrncktes Gedicht 
Fr. Oetker' s möge hier seine Stelle finden; der 
Dichter widmete es Tamina Rösing im Jahre 1842 
zum Geburtstage: 
»Grüßend nah' ich deinem Feste, 
Liebes Kind, und bring das Beste, 
Was ich Aermster geben mag. 
Eine Blüthe von der Blume, 
Die in meinem Hciligthnme 
Einsam blühet Rächt und Tag. 
Brächte gern dir eine Rose, 
Frisches, heißes Lenzgekose — 
Und ein Sinnbild heit'rer Lust! 
Aber, Kind, so lang ich lebte. 
Ach. ich hab' das Hcißerstrebtc 
Nimmer zu erspäh'n gewußt! 
Keine Freude wollte blühen. 
Keine Rose duftend glühen 
An dem Pfade, wo ich ging. 
Träumte ich von Rosenkränzen. 
War es nur ein fernes Glänzen. 
Das an fremdem Himmel hing! 
Auch ein Veilchen brächt' ich gerne, 
Stille Grüße, ahnungsferne 
Seligkeit; doch, liebes Kind, 
Veilchen find nur Frühlingskinder, 
Ach, und sterben nur geschwinder, 
Wie ein Jugendtraum zerrinnt! 
And're Blumen? welche wählte 
Ich nicht freudig und beseelte 
Sie mit Sinn und Gruß für dich? 
Aber, Kind, das arme Leben 
Hat mir keine noch gegeben. 
Die nicht trüg'risch bald verblich! 
Nur die eine, die ich hüte 
Wie ein Kleinod — die erblühte 
Nicht bei Nacht und Sturmes-Graus! 
Still und innig voller Liebe, 
Daß doch eine Tröstung bliebe. 
Hält sie treulich bei mir aus! 
Wenn ich oft in müß'gen Stunden 
Keine Tröstung mehr gefunden 
Und geflucht zur Nacht hinein. 
Wenn die Menschen mich verließen. 
Hüllte sie in ihren süßen, 
Weichen Duft mich liebend ein! 
Darum. Kind. zu deinem Feste 
Bring' ich grüßend dir das Beste, 
Was ich Aermster geben mag: 
Eine Blüthe von der Blume. 
Die in meinem Heiligthume. 
Ewig duftet Nacht und Tag! 
Als Franz Tingelstedt nach längerer Abwesen 
heit von Kassel in den Rösing'schen Freundeskreis 
zurückkehrte, widmete er der holden Tochter des 
Hauses ein Sonett, das Tamina als Rose feiert: 
Z u m 2 8. Oktober 1846! 
Als Knospe hab' ich, scheidend, dich gekannt 
Im Blättergrün der Kindheit noch befangen. 
Und finde nun dich herrlich aufgegangen! 
Ter Rose Bild — nach Rosen auch benannt! 
Fürwahr, du bist der Pathin wohl verwandt! 
' Ich sehe ihren Schmelz dir um die Wangen. 
Dir auf den Lippen ihre Frische prangen, 
Im Auge ihres Thaues Diamant.
	        

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