Full text: Hessenland (14.1900)

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ist, manches Werthvolle zur Ortsnamenerklärung 
an der Hand von urkundlichen Belegen bringt. 
15 Jahre später trat er dann mit einem größeren 
Versuche auf diesem Gebiete hervor: „Die Ent 
stehung und Bedeutung der deutschen Familien 
namen", einer Reihe von Aufsätzen, die zuerst im 
„Hessischen Volksfreund" von 1852 erschienen und 
der belehrenden Unterhaltung des Leserkreises dienen 
sollten, für welchen jene Zeitschrift bestimmt war. 
1855 gab er sie unter dem nämlichen Titel als Buch 
und 13 Jahre später in bedeutend erweiterter Gestalt 
unter dem Titel „DeutschesNamenbüchlein" 
heraus, das bis zum Jahre 1898 sechs Auflagen 
erlebt hat. Vilmar's Arbeit ist das erste deutsche 
Namenbuch (soweit es die Familiennamen betrifft), 
auf dem alle späteren ähnlichen Erscheinungen, 
wie die Arbeiten Hoffmann's von Fallersleben 
(„Kasseler Namenbüchlein", „Breslauer Namen- 
büchlein") u. A. fußen. Als Verdienst ist an 
dem Buch anzuerkennen, daß es seine Angaben 
unmittelbar aus dem Leben und alten Urkunden 
schöpft, wenn auch das Meiste nach dem heutigen 
Standpunkt der Namenforschung als veraltet 
gilt und einer durchgreifenden Verbesserung 
nach dem gegenwärtigen Standpunkt bedarf. 
Immerhin nimmt Vilmar auch hier auf dem 
bisher reich, aber mit wenig Glück bebauten Ge 
biet der deutschen Namenkunde eine bemerkens 
werte Stelle ein. Wie er schon in dieser Schrift 
den streng philologischen Standpunkt aufgab und 
mehr den der Unterhaltungslektüre einnahm, ge 
schah dies noch mehr in seinem zwei Jahre später 
erschienenen „Handbüchlein für Freunde 
des deutschen Volkslieds", das gleich seiner 
Literaturgeschichte aus Vortrügen erwachsen war, 
die er vor einem Kreis unbefangener Zuhörer 
gehalten hatte. Angeregt durch das Erscheinen 
der Uhlaud'schen Volksliedersammlung und später 
der von Simrock und Mittler, suchte er den 
wesentlichen Charakter des volksmüßigen Liedes 
an dessen älteren Erscheinungen, die geschichtliche 
Entwickelung und Umgestaltung sowie den Zu 
sammenhang des Volksliedes mit der modernen 
Kunstdichtung nachzuweisen. Der mehrfach ge 
wünschte Druck dieser Vorträge wurde lauge durch 
die anderweitigen Berussgeschäfte Vilmar's ver 
hindert, und erst nach der Katastrophe von 1866 
konnte er, ähnlich wie Arnim einst in der Zeit 
des tiefsten Elends Deutschlands seine Zeitschrift 
„Trösteinsamkeit" veröffentlichte, an die Heraus 
gabe seines Büchleins denken. „Das entsetzliche 
Unglück meines angestammten Fürsten", sagt er 
im Vorwort, „und meines Vaterlandes ließ mich 
nach einer Beschäftigung greifen, in welcher ich 
den Zorn über den ungeheuern Abfall von dem 
Worte Gottes und den Abscheu vor den Ab 
gefallenen wenn auch nicht überwinden, doch zeitweise 
vergessen konnte." Derselbe Wunsch, den Schmerz 
über den Untergang seiner hessischen Heimath zu 
betäuben, ließ ihn an seinem Lebensabend an die 
Ausgabe seines „Kurhessischen Idiotikons" 
gehen, für das er über ein Menschenalter gesammelt 
und von dem er schon im vierten Bande der 
Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte aus 
führliche Proben gegeben hatte. Leider ist dieses 
letzte germanistische Werk Vilmar's, bei dem das 
Vorbild von Schmeller's Bairischem Wörter 
buch deutlich hervortritt, in der Anlage verfehlt 
lind in der Ausarbeitung unvollständig zu nennen 
und hat erst durch die Ergänzungen Pfister's 
und Bech's die wünschenswertheVervollkommnung 
erhalten, um als unentbehrliche Quelle für 
Dialektforschungen sich bewähren zu können. 
Die Liebe Vilmar's zu seiner engeren Heimath 
tritt nirgends so bewußt hervor wie in diesem 
Sprachdenkmal, das er seinem Volke errichtet 
hat. Mit Recht hat man Vilmar des Hessen 
landes ersten Kenner und Vorfechter aller seiner 
Alterthümer genannt (Augsb. Allg. Zeit. 1868, 
Beilage 222). Am Eingänge wie am Ende 
seiner germanistischen Studien steht die Vor 
liebe für Forschungen seiner engeren Heimath. 
Die Bestrebungen des Vereins für hessische 
Geschichte hat er, auch durch eigene Arbeiten, 
von Ansang an auf's eifrigste unterstützt und 
gefördert. Wohl gab es kaum einen gründ- 
licherern Kenner hessischer Geschichte als ihn: ein 
Beweis dafür ist die „hessische Chronik" (1855). 
Auch sein „hessisches Historienbüchlein" (1842), 
das anonym erschien, legt Zeugniß davon 
ab. Es ist uns nicht möglich, in dem engen 
vorgeschriebenen Nahmen ein erschöpfendes Bild 
seiner germanistischen Thätigkeit zu liefern. Auf 
seine zahlreichen kleineren Arbeiten wie seine 
geistvollen Vorträge über Goethe's Tasso, seine 
Ausgabe des Alsfelder Passionsspiels (Zeitschr. 
für deutsches Alterthum, 111. 477—518), dessen 
Handschrift im Jahre 1842 bei dem Umban des 
Alsfelder Rathhauses durch Verkauf von Trödlern 
in seinen Besitz gelangte, seine mannigfachen Auf 
sätze für Ersch und Grnber's Encyklopädie, 
Wagener's Staats- und Gelehrtenlexikon, für den 
„hessischen Volksfreund", für die Zeitschrift des 
Vereins für hessische Geschichte, seine Rezensionen 
in den verschiedensten Zeitschriften u. a. m. kaun 
nicht einzeln eingegangen werden. Wir über 
lassen dies der eingehenden Betrachtung einer 
berufeneren Feder. 
Für uns konnte es lediglich darauf ankommen, 
einen ungefähren Begriff von der umfassenden
	        

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