Full text: Hessenland (14.1900)

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August Friedrich Chr. Dilmar als Germanist 
Zum Gedächtniß seines 100. Geburtstages. 
Von Dr. Wilhelm Schoos. 
(Schluß.) 
V ilmar theilt seine Literaturgeschichte in drei 
große Abschnitte: die älteste Zeit (bis 1150), 
die alte Zeit (1150—1624) und die neue Zeit 
(1624-1832), wobei er dem Ausdruck Mittel 
alter absichtlich ausweicht. Bon der ältesten Zeit 
sind am lesenswerthesten seine Schilderungen über 
das alte Volksepos (Sänger, Allitteration, Hilde 
brandslied) und die geistliche Poesie, besonders den 
„Heliand", ein Lieblingsgebiet seiner Forschungen. 
Aus dem zweiten Abschnitt ist vor allem die 
klassische Wiedergabe des Nibelungenliedes zu er 
wähnen, die bis heute unbestritten als das Schönste 
gilt, was je über dies Gebiet geschrieben worden 
ist und mit Recht als Muster einer meisterhaften 
Darstellung Aufnahme in verschiedene deutsche ! 
Lesebücher gefunden hat. Auch die Schilderungen 
über das Kunstepos, das Volks- und Kirchenlied 
und die Charakterenschilderung von Fischart, 
Murner, Braut, Hutten verdienen besondere An 
erkennung, während andere Abschnitte wie z. B. 
die über Grimmelshausen, Moscherosch, Schnppius 
etwas dürftig ausgefallen sind. In dem letzten 
Abschnitt haben die sechs Dichterfürsten Klopstock, 
Lessing, Wieland, Herder, Schiller und besonders 
Goethe eine eingehende und schöne Würdigung 
gesunden. 
Streng genommen ist Vilmar's Buch keine 
Geschichte, sondern mehr eine beschreibende Dar 
stellung der Literatur in historischer Folge. Aber 
er wollte auch nicht für historisch geschulte Fach 
gelehrte schreiben, sondern für unbefangene Ge 
müther, die „die Gegenstände selbst in ihrer 
Wahrheit und Eiusachbeit" zu sich reden lassen. 
So ist denn dieses Buch geworden, was es hat 
sein wollen, ein wahres Volksbuch, ein deutsches 
Kulturbuch für alle Zeiten. Vilmar wollte einen 
jugendfrischen Standpunkt in seinem Buche ein 
nehmen, und diese Jugendfrische und ausübende 
Kraft, „an den Dingen der Welt seine un 
befangene, volle und ganze Freude zu haben", 
hat es sich bis heutigen Tages trotz seiner 
55 Jahre zu bewahren gewußt. Es war, wie 
Jakob Grimm richtig betonte, „kein ausgeschrie 
benes, also auch kein überflüssiges Werk, das 
wie es schon auf Ihre Zuhörer fruchtbar ein 
gewirkt haben muß, auch einen weiteren Kreis 
von Zuhörern befriedigen muß". 
Mit seiner Literaturgeschichte hatte Vilmar den 
Höhepunkt seiner germanistischen Schassensthütig- 
keit erreicht. Er hatte sich als Textkritiker, Lexiko 
graph , Grammatiker und Literarhistoriker um 
diesen Zweig der Wissenschaft verdient gemacht. 
Von jetzt an war ihm nur noch wenig Frist ver 
gönnt, um auf diesem Gebiet in der gleichen Weise 
weiterzuarbeiten. Das Programm vom Jahre 
1846 brachte zunächst wieder eine literarhistorische 
Studie, seine vortreffliche Abhandlung „Zur 
Literatur Johann Fischart's" (2. Ausg. 
1865), die eine werthvolle Ergänzung zu den 
Ausführungen in seiner Literaturgeschichte bilden. 
Wie man aus den späteren Bearbeitungen ersehen 
kann, ist Fischart, ebenso wie der Heliand, ein 
Lieblingsgebiet seiner Forschung gewesen, zu dem 
er immer gern wieder zurückkehrte. 
Hiermit haben die bedeutendsten germanistischen 
Arbeiten Vilmar's ihren Abschluß gefunden. Durch 
seine Berufung nach Kassel im Jahre 1850 und 
später nach Marburg als Professor der Theologie 
wurde er aus diesem ihm lieb gewordenen Arbeits 
feld fast ganz herausgerissen. Von da ist er 
nur noch in Stunden der Erholung zu diesen 
Studien zurückgekehrt. Es blieb ihm keine Zeit 
mehr, sich tiefer in die Gegenstände seiner Unter 
suchungen zu versenken und sie in Ruhe aus 
zuarbeiten. So macht Vieles der noch folgenden 
Arbeiten den Eindruck des Fragmentarischen, 
Unausgereisten und wenig Abgeklärten. 
Ein Zweig der Grammatik, den er mit besonderer 
Vorliebe pflegte, war das Gebiet der ^Namen 
kunde. Schon im Jahre 1830 war er mit 
einem kleinen, unbedeutenden Versuch über die 
deutschen Vornamen hervorgetreten, sieben Jahre 
später lieferte er für den ersten Jahrgang der 
Zeitschrift für hessische Geschichte eine Studie 
über „Die Ortsnamen in Kurhessen", die 
trotz Vielem, was heute veraltet und unhaltbar
	        

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