Full text: Hessenland (14.1900)

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Aus alter und neuer Zeit. 
Zwei alte Znnftbriefe. Vor uns liegt 
eine alte Pergamenturkunde vom 28. Juni 1708, 
in welcher Landgraf Karl unter Hinweis auf 
seine Generalzunftordnung von 1693 die alten 
Privilegien der B ö t t ch e r i n n u n g feiner Residenz 
Kassel bestätigt, wie sie Landgraf Ludwig I. 
der Friedfertige am 23. September 1423 erlassen 
und Landgraf Wilhelm V. im Jahre 1628 
erneuert hatte. Auch später noch, am 11. Januar 
1754, verlieh Landgraf Wilhelm VIII. diesem 
Zunftbrief in ebenfalls vorliegender Pergament 
urkunde neues Leben unter Hinzufügung einzelner 
ergänzender Bestimmungen und eines Verweises 
auf sein erneutes Zunftreglement sowie die kaiser 
liche Verordnung gegen die Mißbräuche der Hand 
werker. Die heutige Bewegung im Handwerker 
stande auf Wiederbelebung des alten Gemeinsinnes 
der Handwerker, wennauch im Geiste der Neuzeit, 
bietet Anlaß, jener Ordnungen wieder zu gedenken 
und sie uns in's Gedächtniß zurückzurufen, bezw. zu 
prüfen, inwieweit ihnen etwa Anregungen im Sinne 
der erwähnten Bestrebungen zu entnehmen wären. 
Landgraf Ludwig also hatte feinen Kasseler 
Böttchern unter folgenden Bedingungen eine Brüder 
schaft und Zunft gegeben: 
1. Wer darein kommen will, soll fein ein frommer 
Mann und ein recht Ehekind und soll feine Ehre 
bewahret haben und soll Bürger zu Kassel sein 
oder zur Stund Bürger dort werden, das Hand 
werk wohl können, nämlich ein Faß und eine 
Budde machen, also sein Meisterstück, das die 
Meister besehen sollen, und anders kein Handwerk 
treiben oder üben dann das Böttcherhandwerk und 
soll den Meistern zu ihrer Brüderschaft geben 
6 Gulden und solch Geld soll dem Landesherrn 
halb zufallen und dem Rath zu Kassel zu einem 
Viertel und dem Handwerk zum andern Viertel, 
dem Kirchenkasten aber 2 Pfund Wachs. 
2. Es soll niemand zu Kassel das Handwerk 
treiben, er sei denn in ihrer Brüderschaft und Zunft. 
3. Wer das Handwerk lernen will und ein 
Lehrknecht sein, der soll den Meistern in der 
Brüderschaft geben einen Zober Biers und 2 Pfund 
Wachs zu Kerzen. 
4. Es soll kein Meister binnen einer Meile 
lang gesessen um Kassel das Handwerk üben, er 
sei denn in ihrer Brüderschaft, doch gilt dies nicht 
für Kau fangen, wo die Jungfrauen wohnen, 
wer dort wohnt, mag sein Handwerk auch ohne 
Zugehörigkeit zu der Zunft treiben, ohne daß man 
es ihm wehre. 
5. Wenn ein Meister stirbt, so mag dessen Frau 
einen Knecht in ihrem Hause halten und das Hand 
werk über ein Jahr nach ihres Mannes Tode und 
nicht länger und ihr Holz vertreiben und ver 
machen zu ihrem Nutzen binnen der vorgeschriebenen 
Zeit. 
6. Für den Fall, daß die Frau eines gestorbenen 
Meisters des Handwerks einen andern heirathen 
will, der nicht in der Brüderschaft ist, der soll, 
wenn er das Handwerk üben will, die Brüderschaft 
und Zunft halb kaufen, wie oben angegeben ist, 
die andere Hülste soll er von der Frau haben, 
vorausgesetzt wird aber, daß er das Handwerk 
versteht. Zuwiderhandlung wird mit Erlegung 
einer Buße von 2 Pfund Pfennigen bestraft, die 
zur Hälfte dem Landesherrn, zu einem Viertel 
dem Rath zu Kassel und zum andern Viertel dem 
Handwerk zufällt. 
7. Falls jemand eine Meisterstochter des Böttcher 
handwerks zur Frau nimmt, um dasselbe zu treiben, 
so soll es mit dem Kauf der Zunft entsprechend 
ebenso gehalten werden wie mit dem neuen Gatten 
einer Meisterswittwe. 
8. Festsetzungen, die die Jnnungsmeister der 
Zunft unter sich treffen, mögen sie auf Gewohn 
heitsrecht beruhen oder neu eingeführt sein, die 
sollen, soweit sie sich mit der Unterthanenpflicht 
wider den Landesherrn vertragen, unter ihnen 
verbindliche Kraft haben. Die Bemessung der 
Buße für Zuwiderhandlungen gegen etwaige Ueber- 
tretungen dieses Paragraphen bleibt der Zunft 
überlassen. Die Vertheilung der Einnahme aus 
dieser Quelle hat nach Maßgabe der Bestimmungen 
des Paragraphen 6 zu erfolgen. Zur Beitreibung 
der Bußen wird beide Male die Inanspruchnahme 
der Hülse der Staatsbeamten gewährt, soweit sie 
nöthig erscheint. 
So das ältere Privilegium, das die eigenhändige 
Unterschrift des Landgrafen Karl und das Vidit 
des Kanzlers Nikolaus Wilhelm Goeddaens 
trägt. An beiden befinden sich noch die allerdings 
leeren großen hölzernen runden Siegelkapseln an 
blau-weiß-rothen Schnüren. 
In der jüngeren Urkunde von 1754 wird das 
oben in Paragraph 3 festgesetzte Lehrgeld ander 
weitig aus 1 Thaler 8 Albus und 4 Albus für 
das Einschreiben zu Gunsten der Meisterlade nebst 
den 2 Pfund Wachs für den Kirchenkasten fest 
gesetzt, von dem Zober Bieres ist nicht mehr die 
Rede. 
Dre durch Paragraph 5 oben in Bezug aus 
Haltung eines Knechts wesentlich eingeschränkte 
Freiheit einer Böttcherswittwe wird dahin er 
weitert, daß sie einem solchen die Führung des 
Geschäfts überlassen darf, so lange sie Wittwe
	        

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