Full text: Hessenland (14.1900)

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wir uns quälen, da lehrt man kaum die Ziffern 
zählen." Um bcii schwülen Moderdunst der seit 
herigen Rechenmethode zu verjagen, hat er nun 
selbst sich an die Arbeit gemacht. 
»In langen Nächten — bangen Stunden — 
Hab' ich gesucht und hab' gefunden. 
Was in den Blattern liier geschrieben, — 
Geheimniß ist's bis heut' geblieben. 
Ein Mägdlein nur. mir treu zur Seite, 
Gab Trost und Sporn mir als Geleite. 
Sonst ließ das Werk ich keinen schauen, 
Euch, Herr, will ich es anvertrauen — 
Ein Kleinod ist es mir." 
Was Riese für seinen größten Schatz hält, er 
kennt der Graf geringschätzig als ein Rechenbuch, 
verspricht es aber doch sofort zu lesen und begiebt 
sich zu diesem Zwecke aus den Altan. 
Das Mägdlein, welches Riefe bei seiner Arbeit 
geholfen, ist seine Base Magdalene, die Jugend 
gespielin des Grasen Theobald, welche demselben 
aber seit Jahren aus den Ailgen gekommen ist. 
In Riese's Schulzimmer trifft der Gras nun wieder 
mit ihr zusammen und erführt den Grund, der 
sie aus ihrer Heimath in dies Städtchen getrieben 
hat. Ihre Muhme ist als Hexe verbrannt worden 
und ihr Mütterlein aus Gram darüber gestorben. 
Mit warmen Worten empfiehlt sie das Buch ihres 
Vetters. den der Graf für seinen Nebenbuhler 
halten muß, dem wiedergefundenen mächtigen Jugend 
freund, mehr aber als das Studium der Rechen- 
papiere überzeugt denselben der Unterricht, den 
ihm Magdalene selbst zu Theil werden läßt und 
bei welchem er zum ersten Male das „Einmaleins" 
in Anwendung gebracht sieht. 
„Riese's Büchlein wird es zeigen, 
Wem das Einmaleins ist eigen. 
Kann die Kunst wie ich vollbringen. 
Das geht zu mit rechten Dingen. 
Tie Geschwindigkeit dabei 
Ist noch lang' nicht Hexerei —" 
Ter Hexerei aber ist Vetter Adam Riese durch 
seine algebraischen Zeichen, die er auf der Rückseite 
der Schultafel angebracht, dringend verdächtig ge 
worden. hauptsächlich bei dem Gerichtsfrohn Zacher- 
liug, dessen Lieblingsbuch die Oonstitntio eriminalis 
ist. die er folgendermaßen besingt: 
„Schaut die schöne Bilderzier: 
Folterzeug, zum Zähneklappen. 
Um die Menschen wie 'neu Lappen 
Auszurecken, lang zu strecken. 
Immer länger, immer länger. 
Schrauben pressen, Zangen zwicken, 
Span'sche Stiefeln drücken, knicken. 
Winden binden, Schnüren schinden. 
Immer enger, immer enger. 
Der gespickte Has' läuft munter 
An dem Rücken 'rauf und runter, 
Bis die Hexe will bekennen — . 
Und dann muß sie brennen! — 
Glaubt, in einem Sack ersaufen 
Ist ein Segen, ist 'ne Wohlthat gegen 
Einen Scheiterhaufen!" 
Zacherling hat bei Riese gefunden, daß „Exempel, 
die zu lösen mau braucht eine volle Stnnde. sind 
ein Hui ihm ans dem Munde". Dies kann selbst 
verständlich nicht mit rechten Tingeu zugehen, und 
so hat der auf die schwarze Kunst versessene 
Gerichtsfrohn weiter entdeckt, daß Riese statt mit 
Zahlen mit Buchstaben rechnet: 
„Krickelkrackel, Höllenkrämpel, 
Damit rechnet er Exempel. 
Wie ein Blitz geht das. 
Eine Wurzel ist darunter. 
Diese zaubert ihm das Wunder. 
Wurzeln wachsen jeder Menge 
Alle rundlich, in die Länge — 
Seine, die ist viereckt — denket — 
Ist quadratisch, ihm geschenket 
Von dem Satanas!" 
Tieserhalb hat Zacherling Klage erhoben bei 
„einem edlen, ehrenfest, hochwohlgelahrteu. ehrbar', 
großgünstig', großachtbar', fürsichtig', wohlweisen 
Stadtschultheiß und Rath" und erscheint mit dem 
Rottmeister der Stadtsöldner und dessen Trabanten, 
um Riese Abends auf frischer That zu ertappen. 
Dabei entsteht Feuerlärm, Volk und Rathsherren 
eilen herzu, und Riese soll als Hexenmeister in 
Verwahrung genommen werden. Ta jedoch erhebt 
Gras Schöneborn seine Stimme: 
„Flachköpfe, die Ihr seid. 
Was Thorheit Hexerei hier zeiht. 
Längst kennt es der Gelehrtenstand 
Als „Regel Eoß". die Algebra genannt. 
Dem Meister edler Rechenkunst. 
Dem zollt, Ihr Herren, Eure Gunst. 
Denn was sein hoher Geist hier schuf. 
T'rob klingt Jahrhunderte der Rnf: 
Daß Gutes er der Welt verlieh — 
Und Gutes schafft der Teufel nie!" 
Schließlich ist noch zu bemerken, daß der Gras 
die tugendsame Magdalene zur Hausfrau begehrt, 
nachdem sie ihm gestanden. daß sie ihren Better 
Adam Riese, der ihrer sich so treulich angenommen, 
nur wie einen Bruder liebt, und daß sie nur des 
halb des Grafen und ihre Heimath verlassen hat, 
weil sie sich infolge des Flammentodes ihrer 
Muhme für vervehmt hielt. Tie Wahl des Grafen 
wird demselben voraussichtlich aber zum Guten 
gereichen, denn eine bessere Rechenmeisterin als 
Magdalene findet er nicht. — 
Das kulturhistorische Genrebild Münch's hat 
einen eigenartigen intimen Reiz, welcher dem schein 
bar spröden Stoff, soweit man nach dem Lesen zu 
urtheilen vermag, dramatische Wirkung giebt. Es 
ist eine liebenswürdige Gabe unseres heimischen 
Schriftstellers, welche den Weg auf die Bühne 
finden sollte, da die Musik von G. Rüdiger in 
musikalischen Kreisen ebenfalls günstig beurtheilt
	        

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