Full text: Hessenland (14.1900)

296 
genommen, um seine Absicht zur Ausführung zu 
bringen. Ebensowenig blieb ihm Muße dafür 
übrig, als er im Herbst 1855 als Professor der 
Theologie nach Marburg berufen ward. Die 
Verslehre gab nach seinem Tode sein Landsmann 
und Schüler C. W. M. Grein — der Heraus 
geber des bekannten angelsächsischen Sprach 
schatzes — unter dem Titel: „Die deutsche Vers 
kunst nach ihrer geschichtlichen Entwicklung. Mit 
Benutzung des Nachlasses von Or. A. F. C. 
Vilmar" (Marburg und Leipzig 1870) heraus, 
während die Wortbildungslehre, die unvollendet 
geblieben war, von einem Schüler aus der Hers 
felder Zeit, G. Th. Dithmar, nach dem 
Manuskript Vilmar's bearbeitet und fortgesetzt 
wurde (Marburg, 1871). Eine Syntax dagegen 
ist nie erschienen. Heute sind diese drei Theile 
der früher viel gebrauchten Grammatik längst 
überholt und veraltet. Bücher, wie die von 
Braune, Paul, Sievers und Wilmanns 
haben ihr längst den Rang streitig gemacht, gegen 
die selbst die Kausfmann'sche Neubearbeitung 
der beiden ersten Theile von Vilmar's Grammatik 
schwer aufkommen kann. Das; übrigens Kauff- 
mann in der zweiten Auflage seiner Neubear 
beitung der Laut- und Flexionslehre (Marburg, 
1895) nicht einmal den Namen Vilmar's ans 
dem Titelblatt gelassen hat, dünkt uns wenig 
pietätvoll. 
Während in den nächsten Jahren seit 1840 keine 
nennenswerthe Leistung Vilmar's auf germanisti 
schem Felde bemerkbar ward, trat er 1845 mit 
seinem Meisterwerke, seiner Deutschen National- 
Lit eratur, au die Oeffentlichkeit und erwarb j 
sich damit einen Erfolg in der ganzen gebildeten 
Welt, wie er allen ähnlichen Unternehmungen 
bisher versagt geblieben ist. Die Begeisterung 
welche Vilmar durch seinen literarhistorischen Unter 
richt bei seinen Schülern hervorgerufen hatte, weckte, 
wie leicht begreiflich, in weitern Kreisen Marburgs 
den Wunsch, sich ebenfalls an der Schönheit der 
deutschen Dichtung erfreuen zu dürfen. So hielt 
Dilmar, dem allgemeinen Drängen nachgebend, im 
Winter 1843—1844 die Vorlesungen, welche im 
Großen und Ganzen den Inhalt seiner Literatur 
geschichte bilden. Tie Vortrüge fanden Mittwochs 
und Samstags im Markees'schen Saale in der 
Reitgasse (heute Seebvde) statt und zwar unent 
geltlich. Tie zahlreiche Zuhörerschaft bestand aus 
Männern und Frauen, Professoren aller Fakul- i 
täten, Lehrern, Beamten, gebildeten Bürgern mit 
ihren Angehörigen und besonders aus Studireudcn. 
Nach Beendigung des Vvrtragscyklus sprach man 
den Wunsch aus, die Vorlesungen in einem Buche 
vereinigt zu sehen. Vilmar lehnte anfangs be- ! 
scheiden den Wunsch ab, gab aber zuletzt dem 
Drängen seiner Zuhörer nach, und so erschien 
zum Weihuachtssest 1845 die erste Auslage seiner 
Literaturgeschichte unter dem Titel: „Vor 
lesungen über die Geschichte der deutschen 
National-Literatur", nachdem er das Er 
scheinen derselben vorher von dem Erfolg einer 
Subskription abhängig gemacht hatte. Welcher 
Gesichtspunkt ihn bei der Herausgabe leitete, ersehen 
wir aus dem Vorwort zur 1. Auslage des Buches, 
die später fortblieb und in der 25. Allslage aus 
Wunsch wieder abgedrllckt ist: „Die Kritik war 
ihr erster Gesichtspunkt nicht, sollte llnd durfte 
es nicht sein; es galt mir darum, die Gegenstände 
selbst in ihrer Wahrheit und Einfachheit zu den 
Gemüthern Unbefangener reden zu lassen." Und 
lediglich von diesem Gesichtspunkte aus und von 
keinem andern sonst darf man heute, wenn man 
gerecht verfahren will, über dies Buch urtheilen. 
Gewiß ist Vilmar auch tu seiner Literaturgeschichte 
in manchen Punkten heute durch bessere Leistungen 
überholt worden, aber „veraltet" ist sie darum noch 
ganz und gar nicht. Trotzdem bereits mehr als zwei 
Menschenalter seit dem Erscheinen des Buches 
vorbeigerauscht sind, liest es sich heute noch mit 
einer Frische unb Unmittelbarkeit, als wäre es 
eben erst unter dem Eindruck unserer gegen 
wärtigen Verhältnisse geschrieben. Abgesehen von 
der unvergleichlichen Knust der Darstellung, deren 
Geheimniß in einer wohlüberlegten Abwechselung 
zwischen schlichtem Berichtstil und maßvoll be 
wegter Rhetorik beruht, wächst der Werth des 
Werkes noch mehr, wenn wir uns vergegenwärtigen, 
welche Hülfsmittel und Vorarbeiten damals Vil 
mar zu Gebote standen. Eine lesbare Literatur 
geschichte gab es damals noch nicht. Wohl war 
Gewinns' „Geschichte der deutschen Dichtung" so 
eben in zweiter Auslage herausgekommen, aber 
die Lektüre dieser streng kritischen Literaturgeschichte 
war dem großen Publikum nicht zuznmuthen, 
ebensowenig wie der streng wissenschaftliche Kvber- 
steiu'sche Grundriß mit seiner dürren, oft skelett 
artigen Darstellung. Und was sonst an sogenannten 
Literaturgeschichten vorhanden war, wie Franz 
Horn's „Geschichte und Kritik der deutschen Poesie" 
(Berlin, 1805), Rosenkranz' „Zur Geschichte der 
deutschen Literatur" (Königsberg, 1836), und 
Laube's vierbändige „Geschichte der deutschen Lite 
ratur" (Stuttgart, 1839), konnte unmöglich das 
Interesse für die deutsche Literatur befördern. 
Ta trat Vilmar mit seiner für die damalige 
Zeit bewunderungswürdigen Leistung auf, und 
ihm gebührt das zweifellose Verdienst, zuerst das 
Verständniß für deutsche Literatur in weitere 
Kreise getragen zu haben. Zwar kann ihm der
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.