Full text: Hessenland (14.1900)

295 
die ihm den vollen Beifall Jakob Grimm's 
eintrug. Er schreibt darüber in einem Briefe 
aus Kassel vom 9. April 1839: „Wir sind 
Ihnen alle Dank schuldig für die schöne und 
klare Entwirrung des Verhältnisses zwischen 
Rudolf von Ems' „Weltchronik" und deren Fort 
setzungen und Interpolationen. Ich kann mir 
nicht anders vorstellen, als daß das Ziel Ihrer 
Bemühung eine vollständige, in vielem Betracht 
erwünschte Ausgäbe des echten Werkes sein wird. 
Mein Bruder will das Programm in dem „Gott. 
Anz." beurtheilen." (Vergl. Stengel, I. S. 301.) 
Leider ist Vilmar nie zur Herausgabe der Welt 
chronik gekommen, trotzdem ihn Jakob Grimm 
wiederholt in den Briefen dazu angespornt hat. 
Selbst Haupt's Ausgabe des „Guten Gerhard" 
(Leipzig 1840) vermochte ihn nicht zu ermuntern. 
Nach einem späteren Briefe (Stengel, I. S. 312) 
scheint Vilmar seinen Sohn Otto, Lehrer am 
Gymnasium zu Hanau, damit beauftragt zu 
haben. Aber auch dieser hat sich der Aufgabe 
nicht unterzogen, und wir harren bis heute noch 
immer einer Ausgabe dieses Werkes. Vilmar 
wird es wohl nach der Seite der Textkritik 
gerade so wie seinem großen Landsmann Jakob 
Grimm gegangen sein, der weder eine besondere 
Befähigung dazu noch Freude daran besaß, denn 
„Texte herausgeben," schreibt er einmal, „dazu 
werde ich wohl wenig taugen, ich bin entweder 
zu leicht zufrieden mit den Lesarten, die ich finde, 
oder habe zu wenig Respekt davor". 
Inzwischen (November 1838) hatte Jakob 
Grimm Vilmar auch als Mitarbeiter des Deut 
schen Wörterbuches, von dem 1852 die 
erste Lieferung fertig wurde, gewonnen (vgl. 
Stengel, 1. S. 298). An dem Riesenwerk waren 
83 Gelehrte betheiligt, um Auszüge ans einer- 
großen Menge von Werken der letzten vier Jahr 
hunderte zu liefern; diese Auszüge waren ans 
mehr als 600 000 Sedezblättern enthalten. Vilmar 
hatte nach eigener Wahl Beiträge aus Burkhard 
Waldis, Sebastian Franck, Wolf von Spangenberg, 
Rollenhagen, Filador und Melchior Sebiz zu 
liefern, wofür er ein entsprechendes Honorar vom 
Verleger empfing. Er unterzog sich der Arbeit 
mit solchem Eifer, daß er schon im Mai 1839 
Auszüge aus Rollenhagen Jakob Grimm über 
reichen konnte und dieser ihm dafür mit folgenden 
Worten dankte: „Sie (so. die Auszüge) scheinen 
völlig so beschaffen, wie ich es wünsche, aber auch von 
Ihnen erwarten konnte. Ich habe die drei ersten 
Bogen aus dem „Froschmeuseler" nachverglichen 
und finde kein Wort excerpirt, was ich nicht 
auch mitgenommen hätte, einzelne von minderer 
Bedeutung, hätte ich noch außerdem zugelassen 
u. s. w." Einen weiteren Theil von Excerpten 
(ans Sebastian Franck) scheint Vilmar im Herbst 
fertig gestellt zu haben, denn am 22. September 
1839 schreibt ihm Jakob Grimm: „Sie haben 
mir, Verehrtester Herr, durch Uebersendung Ihrer 
trefflichen und so schnell geförderten Auszüge 
große Freude gemacht. Hielten es alle Mit- 
arbeiter ebenso, so könnte das Werk schneller auf 
wachsen" und am 5. Dezember 1840: „Für das 
„Wörterbuch" haben wir sonsther kaum will 
kommenere Beiträge erhalten als durch Ihre 
! Sorgfalt." 
Zu dieser Thätigkeit auf dem Gebiete der 
Textkritik und Lexikologie kommt nun eine gleiche 
aus dem der historischen Grammatik hinzu. 
| 1840 erschien seine bereits erwähnte „Deutsche 
Grammatik" Theil!, Laut- und Flexionslehre 
nebst gothischen und althochdeutschen Sprach- 
proben, später unter dem Titel: „Anfangsgründe 
der deutschen Grammatik, zunächst für die oberen 
Klassen der Gymnasien", die sechs von Vilmar 
besorgte Ausgaben erlebte. Im Wesentlichen 
bot und wollte dieser erste Theil seiner Gram 
matik nicht viel mehr als einen Auszug aus 
Jakob Grimm's zweiter Auflage der deutschen 
, Grammatik bieten, und er sagt darüber selbst 
im Vorwort: „Daß wir von Jakob Grimm 
nur lernen und in der deutschen Grammatik 
allein von ihm lernen können, das wünsche 
ich nicht allein allen Lehrern, sondern auch den 
Schülern der Gymnasien ernstlich an's Herz zu 
legen, zumal in einer Zeit, in welcher die Meister- 
losigkeit an der Tagesordnung ist und jeder 
lieber mit seinen eigenen halben Gedanken denkt, 
als mit den ganzen eines Meisters."' Daß er 
übrigens mit dem Werk den Beifall Jakob Grimm's 
j fand, der soeben eine dritte umgearbeitete Auflage 
seiner Lautlehre erscheinen ließ, geht aus einem 
! Brief desselben vom 5. Dezember 1840 hervor: 
„Ihre Darstellung erscheint mir der Sache völlig 
angemessen und für den beabsichtigten Zweck sehr- 
brauchbar." Diesem ersten Theil gedachte Vilmar 
eine Verslehre, Wortbildung und Syntax folgen 
zu lassen. In einem späteren Vorwort seiner 
Grammatik, zur dritten Auslage (1849), erfahren 
wir die Gründe, weshalb er die versprochenen 
Fortsetzungen unterließ herauszugeben, weil er 
nämlich glaubte, „daß erst der Unterricht in der 
Formenlehre und Flexionslehre sicheren Boden 
gewonnen haben müßte, ehe an Wortbildung und 
Syntax gedacht werden dürfe". Dagegen hatte 
er die Absicht, die Verslehre in Kürze heraus 
zugeben, da wurde er im März 1850 als Referent 
für Kirchen- und Schulwesen in's Ministerium 
I nach Kassel berufen und zu sehr in Anspruch
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.