Full text: Hessenland (14.1900)

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August Friedrich Ehr. Vilmar als Germanist. 
Zlliil Gedächtnis; seines 100. Geburtstages. 
Von Di-. Wilhelm Schoos. 
(Fortsetzung.) 
Harmonia Evniiffeliorum saxonico dialecto se- 
V ilmnr war ein Schulmann ersten Ranges. Er 
besaß vermöge der ihm innewohnenden starten 
Autorität Gewalt über die Geister. Hub die 
Schüler hingen mit Verehrung imb Liebe an 
ihrem Direktor, wie sie dies mchrnials — zuletzt 
in dem stürmischen Jahr 1848 — zu beweisen 
Gelegenheit hatten. Es war eine Lust für sie 
— man kann das noch heute von Schülern 
Vilmar's hören — dem Unterricht dieses Mannes 
zu folgen. Seine besondere Sorgfalt lvandte er 
setzt dem Deutschen zu. Während seines Aufent 
haltes in Kassel hatte er durch deil Umgang mit 
den Brüdern Grimm segensreichste Förderung 
und nachhaltigen Antrieb zu eignem Schassen auf 
diesem Gebiet erhalten. Jetzt übernahm er, vor 
bereitet durch mehrjährige sorgfältige Studien, selbst 
den Unterricht in diesem Fach. Er wirkte, wie in 
den andern Fächern, auch hier organisatorisch durch 
seine Methode. Er führte seine Primaner in beit 
Urtext der nationalen Dichterschätze des deutschen 
Alterthums ein, lehrte sie die hohen Schönheiten 
der älteren Sprache verstehen und schrieb eigens 
zu diesem Zweck seine „Anfangsgründe der 
deutschen Gr a m matik, zunächst für die 
obersten Klassen der Gymnasien" (Marburg, 1838). 
Ueber den Betrieb des deutschen Unterrichts 
braucht man nur seine vortreffliche Vorrede zu 
der dritten Auflage der ersten Abtheilung des 
deutschen Lesebuchs von Dr. Nikolaus Bach (1848) 
und den von Vilmar selbst entworfenen Lehr 
plan des Gymnasiums, den er den Schnlnach- 
richten von 1846/47 beifügte, endlich auch seine 
trefflichen Schul reden (zweite Auslage 1852) nach 
zulesen, um sich zu überzeugen, wie er den Unter 
richt in diesem Fach auffaßte. 
Sein neues Lehramt in Marburg bot ihm auch 
sonst reichliche Muße zu eigner Arbeit. Mit streng 
philologischen Arbeiten, bei denen das Vorbild 
Lachmann's deutlich hervortritt, trat er alsbald 
auf den Plan. Tie sorgfältige Beschäftigung mit 
dem Helian d erntete zunächst eine kleine syntaktische 
Arbeit im Marbnrgcr Gymnasialprogramm von 
1834: Do genitivi ca.su« syntaxi quam praebeat 
culo IX conscripta, und 11 Jahre später ebenda: 
„Deutsche Alterthümer im Heliand als 
Einkleidung der evangelischen Geschichte", in 2. Anst. 
als Buch erschienen (Marburg, 1862), eine für die 
Knltnrverhältnisse der Germanen werthvolle, aber 
an einseitiger theologischer Auffassung leidende 
Schrift. In dem Bestreben, der Helianddichtnng, 
wie überhaupt der Literatur des Mittelalters, 
christliches Gepräge zu geben, Übersicht er, was 
für ein schroffer Gegensatz zwischen der christlich- 
orthodoxen Lehre und der germanischen Welt- 
anffassnng liegt. Diese einseitige Art der Auf 
fassung, die der wissenschaftlichen Forschung direkt 
widerspricht, ist leider ein Fehler Vilmar's, der 
auch in seinem Hauptwerke, der Literatur 
geschichte, oft genug zu Tage tritt. 
Heute ist übrigens die Vilmar'sche Heliand- 
nntersnchungdurch die neueren Forschungen Sagen 
pusch's*) vielfach überholt und ergänzt worden. 
Das Programm vom Jahre 1835 brachte die 
Ausgabe eines mittelhochdeutschen Lehr- und 
Sprnchgedichts ans dem Anfang des 15. Jahr 
hunderts: „Von der stete ampten und der fürsten 
ratgeben“, dessen Handschrift Vilmar in der 
Landesbibliothek zu Fulda entdeckte. Das Gedicht, 
das in zwei Theile zerfällt (V. 1—677: Von 
der stete ampten, V.678 —1292: Von der fürsten 
ratgeben) und gereimte Regeln über das Ver 
halten von Stadt- und Hofbeamten giebt, hat 
sich später als ein Werk des Eisenacher Stadt 
schreibers I o h a n n e s R o t h e herausgestellt, von 
dem wir auch eine mäßige Reimarbeit über das 
Leben der heiligen Elisabeth aus dem Jahre 1430 
besitzen, die eine Nachahmung der Marburger 
Elisabeth-Dichtung ist. 
Vier Jahre später gelang Vilmar ein guter 
Wnrf in der ausgezeichneten kritischen Unter 
suchung über das verworrene Handschriftenver- 
hältniß der Weltchronik des Rudolf von Ems, 
*) Em. Sagenpusch: Das germ. Recht im Heliand 
(Gierke's Unters, zur deutschen Rechts- und Staalsgeschichte, 
Heft 4V).
	        

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