Full text: Hessenland (14.1900)

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Aus KeimcrtH und Arremöe. 
Hessischer Geschichtsverein zu Marburg. 
Am 9. November Abends hielt der hessische Ge 
schichtsverein zu Marburg seinen ersten Vortrags 
abend für den begonnenen Winter ab. Den 
Hauptvortrag hielt Professor Dr. Wenck über 
Elisabeth von Thüringen, die Gemahlin 
Landgraf Heinrich's II. von Hessen, Tochter 
Landgraf Friedrich's des Freidigen von Thüringen 
(1306—1367), welche im Februar 1318 einem 
Sohne des Landgrafen Otto von Hessen, den er 
nach Belieben auswählen konnte, zur Ehe ver 
sprochen wurde. Die Ehe der Prinzessin mit dem 
älteren der hessischen Prinzen wurde vermuthlich 
im Jahre 1321 vollzogen. Elisabeth war trotz 
ihres jugendlichen Alters bereits zweimal an 
deutsche Fürstensöhne versprochen gewesen, wie ja 
die Hauspolitik des Mittelalters Derartiges nicht 
selten im Gefolge hatte. Die Ehe mit dem Land 
grafen, der sich im übrigen als tüchtiger Regent 
erwies, gestaltete sich durch seine Schuld zu einer 
unglücklichen. Im Jahre 1334 verließ die Fürstin 
ihren Gemahl, weil sie in ihren ehelichen Rechten 
durch ein Hofsräulein beeinträchtigt wurde, und 
begab sich unter dem Schutz ihres Bruders Land 
graf Friedrich zu ihrer Mutter nach Gotha. 
Kaiser Ludwig der Baier gebot dem Landgrafen 
seine Gemahlin wieder zu sich zu nehmen und ihr 
alle schuldigen Ehren zu erzeigen, doch ohne Erfolg. 
Die Gatten blieben getrennt. Nach dem Tode 
ihrer Mutter im Jahre 1359 zog die Fürstin 
von Gotha nach Eisenach, der Begrübnißstätte ihrer 
Eltern, wo sie 1367 starb und fromme Stiftungen 
an die dortigen Kirchen ihr Gedächtniß erhielten. 
Archivrath Dr. Reimer legte den von Professor 
Tschackert in Göttingen herausgegebenen Brief 
wechsel des Antonius Corvinus und die 
Lebensbeschreibung dieses hervorragenden, um die 
Förderung der Reformation in Braunschweig-Kalen- 
berg und Hessen verdienten Theologen, eines Zeit 
genossen Landgraf Philipp's, aus der gleichen Feder 
vor. Corvinus brachte einen erheblichen Theil 
seines Aufenthaltes in Hessen in Marburg zu, 
obgleich er eigentlich Pfarrer zu Witzenhausen war. 
Er stand einigen Marburger Professoren besonders 
nahe. Ein Tschackert unbekannt gebliebener Bries 
des Corvinus gelangte im Original zur Vorlage. 
Archivar Dr. Küch ertheilte der Versammlung 
Auskunft über ein aus dem Ende des 14. oder 
Anfang des folgenden Jahrhunderts stammendes 
und mit Abbildungen versehenes Bruchstück einer 
Niederschrift von Zauberformeln zum „fest machen", 
die er vorzeigte. Dr. Reimer las ferner noch den 
Brief einer Herzogin von Brannschweig an einem 
Herrn von Plesse vom Jahre 1469 vor, der für 
den ungezwungenen Ton höfischer Geselligkeit jener 
Zeit bezeichnend ist. ' 
Geschichtsverein in Kassel. Am 12. No 
vember hielt Kanzleirath Ne über den angekündigten 
Vortrag über: Das Riesenschloß und die 
Herkulesstatue zu Wilhelmshöhe und ihre 
Erbauer in der dazu angesetzten außerordentlichen 
Sitzung des Vereins für hessische Geschichte und 
Landeskunde in Kassel. Den Vorsitz führte der 
stellvertretende Vorsitzende Geheimer Regierungsrath 
Dr. Knorz. Dem Vortragenden ist es gelungen, 
über den behandelten Gegenstand wichtiges bisher 
unbekanntes Quellenmaterial zu beschaffen und mit 
dessen Hilfe die Kenntnisse der Hörer darüber er 
heblich zu bereichern, infolgedessen wurde ihm von 
der zahlreichen Versammlung lauter Beifall ge 
spendet und von dem Vorsitzenden der warme 
Dank des Vereins ausgesprocheu. Wesentlich ge 
klärt wurde durch die trefflicheu Ausführungen des 
Redners die Frage nach dem Antheil des Gold 
schmiedes Antoni, bezw. des Kupferschmiedes 
Küper an der Herkulesstatue. (S. auch Nr. 17 
S. 217.) Er ist aus Grund des vorliegenden Stoffes 
der Ansicht, daß Antoni doch wohl der Haupt 
antheil an der Herkulesstatue gebührt, Küper 
dagegen erst an zweiter Stelle in Betracht kommt. 
Kasseler Grimmgesellschast. Am 2. No 
vember Abends fand nach 2*/s jähriger Pause 
wieder eine Versammlung der Kasseler Grimmgesell 
schast statt, welche deren Vorsitzender Direktor der 
Landesbibliothek Dr. L o h m e y e r leitete. Derselbe 
eröffnete dieselbe mit einer Reihe geschäftlicher 
Mittheilungen, wonach der Gesellschaft u. a. die 
Wittwe des Erbgroßherzogs von Sachsen-Weimar 
und ihr Sohn der jetzige Erbgroßherzog Ernst 
Wilhelm, sowie die einzige, noch lebende Tochter 
Wilhelm Grimm's beigetreten sind. Die in Aussicht 
genommene Erwerbung eines Aktenstücks der hessischen 
Zensurkommission ans den Jahren 1815—1820, 
welches in der Registratur des königlichen Kon 
sistoriums aufbewahrt wurde, ist leider mißglückt. 
Ter Vorstand hat die inneren Interessen des 
Vereins in zehn Dorstandssitzungen nach Kräften 
wahrgenommen. Nach dem dann zum Vortrag ge 
langenden Bericht des Schatzmeisters ist ein Kassen 
bestand von 277,56 Mark vorhanden. Tie 
Rechnung wird von Dr. meck. von Wild geprüft 
und richtig befunden, worauf dem Schatzmeister 
Entlastung ertheilt wird. Tie Gesellschaft zählt 
zur Zeit 75 Mitglieder. In der sich anschließenden
	        

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