Full text: Hessenland (14.1900)

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die alten Gräber unseres Landes wären längst 
um- und umgewühlt — und unschätzbares Material 
zur Erkenntniß unserer Vorzeit wäre unwider 
bringlich verloren. 
Daß es sich beim Ausgraben um die Ge 
winnung so werthvollen Materials für unsere 
Vorgeschichte handelt, das ist den Meisten fremd, 
deren Interesse für Ausgrabungen das lebhafteste 
ist. Nicht Wenige würden sich keines anderen 
Nutzens davon versehen, als daß wir die Vorbilder 
gewinnen, um die Siegfried und Odin unserer 
Bühne „echt" auszustatten. 
Bis wenige Jahrhunderte vor Christi Geburt 
reichen die schriftlichen lleberliesernngen über unsere 
Vorfahren zurück, die wir bei römischen und 
griechischen Schriftstellern finden. Für die Zeit 
vor dem 2. Jahrhundert v. Chr. sind unsere 
beiden großen Archive die Sprache und der Erd 
boden. Jene, indem sie uns durch die Ortsnamen 
über die Nationalität der Bewohner Aufschluß 
giebt, und durch die Uebereinstimmung der Worte 
m den verschiedenen Sprachstümmen uns den 
kulturellen Gemeinbesitz der später getrennten 
Stämme vor ihrer Trennung andeutet. 
Für alles weitere müssen wir uns an den Erd 
boden wenden, der mit fast unverwüstlicher Zähig 
keit die Spuren ältester menschlicher Thätigkeit 
bewahrt hat, von der Zeit an, als die Metalle 
noch ungekannt und ungenutzt waren, taufende 
von Jahren zurück, bis in die Zeiten der vollen 
christlichen Kultur. Er zeigt uns, wo und wie 
die Menschen wohnten und wie sie sich vor Feindes 
noth in festen, wallnmschanzten Zufluchtsorten 
bargen. Wir beobachten die Gebräuche bei der Be 
stattung der Todten und lernen ihre Anschauungen 
vom Jenseits verstehen. Wir erfahren, woher sie 
ihren Lebensunterhalt gewannen, ermessen, wie hoch 
ihre Kunstfertigkeit entwickelt war. Den Verkehr 
mit den Nachbarn kontroliren wir, von denen man 
Material und Formen bezieht, die im Lande 
bisher unbekannt waren. Wir verfolgen den 
fremden Händler, der Geräthe und Schmuck von 
hoher Kunstvollendung aus den südlichen Kultur 
ländern in die Wälder Germaniens hinaufbringt. 
Wir stellen das Eindringen fremder Völker feit, 
die die alteingesessenen vertreiben und eine neue, 
andersartige Kultur an Stelle der alten setzen. 
Man hat den Archäologen wohl einem rück 
wärts gewandten Propheten verglichen, der uns 
mit Seherblick die längst entschwundene Zeit 
zurückzaubert. Zutreffender stellte man ihn dem 
Mosaikarbeiter gleich, der aus Hunderten von 
seinen Steinchen ein reiches Bild zusammenfügt, 
Steinchen, außer dem Zusammenhange unschein 
bar und dem Uneingeweihten in ihrem Werthe 
und ihrer Bedeutung fremd, deren jedes durch 
unendlich mühevolle Arbeit gewonnen worden ist, 
die auch das Kleinste nicht zu gering achtet, um 
nicht die höchste Kraft daran zu setzen. 
Wir sind in Hessen mit der archäologischen 
Forschung noch sehr im Nückstande. In den 
siebziger und achtziger Jahren hat der Museums 
direktor Di-. Pinder mehr rekvgnoszirend wie 
systematisch untersuchend eine große Zahl von 
Gräbern durch ganz Hessen hindurch geöffnet. 
Seitdem hat. die Arbeit ruhen müssen, und Hessen 
ist noch immer ein heller Fleck auf der prä 
historischen Karte Deutschlands, während ringsum 
in den deutschen Landen das Material bereits 
so eifrig und gewissenhaft gefördert ist, daß man 
zu zusammenfassenden Darstellungen ihrer Vor 
geschichte zu schreiten beginnt. Ich erwähne hier 
beispielsweise die vortreffliche und gut orientirende 
„Vorgeschichte von Mecklenburg" von N. Beltz 
(Berlin, Süsserot, 1899). 
Hoffentlich werden bald die Mittel flüssig, um 
bei uns das Versäumte nachzuholen. 
Zwei Aufgaben müssen vor allen Dingen er 
ledigt werden: die Vermessung der vorgeschicht 
lichen Befestigungen und die Untersuchung der 
vorgeschichtlichen Gräber. 
Hand in Hand mit dem Verein für hessische 
Geschichte und Landeskunde ist die Direktion des 
Königlichen Museums zu Kassel bereits deu 
beiden Aufgaben näher getreten; die Kosten hat 
sie zunächst auf ihr eigenes Risiko übernommen. 
Es ist im „Hessenland" früher berichtet 
worden, wie sich eine Kommission gebildet hat, 
die unsere vorgeschichtlichen Wälle und Burgen 
aufsucht, vermißt und Pläne in großem Maß 
stabe von ihnen anfertigt. Sie hat mit den um 
Kassel herumliegenden begonnen und eine stattliche 
Anzahl schon ausgearbeltet. Die Pläne der 
Hunrodsbnrg auf Wilhelmshöhe, der 
Wälle aus dem Hirz st ein, die Herr Dr. Eysell 
entdeckt hat, auf dem Dörnberg, ans der 
Altenburg bei Niedenstein und bei Nieder 
urff, aus der Burg bei Großenritte, aus 
dein Bilstein bei Besse, ans dem Odenberg 
bei Gudensberg liegen nahezu fertig vor, und 
bald wird es an die Wälle in der Allendorser 
und in der Marburger Gegend gehen, beides 
alte Kultnrmittelpunkte in unserem Lande. 
Anfang 1902 hoffen wir das erste Heft eines 
Atlas der vorgeschichtlichen Befestigungen Hessens 
herausgeben zu können. 
Tie Untersuchung der Gräber soll im Fnlbi 
schen beginnen, wo Herr Forstmeister Martin 
durch seine Forstbeamten eine überraschend große 
Anzahl von Hügelgräbern hat feststellen lassen.
	        

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