Full text: Hessenland (14.1900)

kalte Luft, Schneeflocken tanzen vor seinem Gesicht 
auf. Unverdrossen watet er durch den frisch ge 
fallenen Schnee weiter, bis er ans der Hohe an 
gekommen ist. 3u- seinen Füßen unten liegt das 
Kloster im Schnee vergraben, die frommen Gesänge 
der Brüder dringen zu ihm heraus. Er wandert 
weiter, immer weiter, er merkt es nicht, daß er 
an seinem Lieblingsplatz schon vorbei ist. Seine 
Schläfen hämmern und glühen, der eisige Wind 
thut ihm wohl. 
Zu seinen Füßen dehnt sich das Thal im 
bleichen Schneelicht unabsehbar weit . . . tiefschwarz 
heben sich in der Ferne die Umrisse ragender 
Berge ab. Banmgruppen und Sträucher ballen sich 
vor ihm zu dunklen, formlosen Massen. Sonst 
unterscheidet er nichts, nur fern im Westen, dort 
wo die Sonne im Sommer blutroth untergeht, 
blinken rothe Lichter ans, zahllos, eins neben dem 
anderen aufdämmernd . . . Hier hemmt er seinen 
Schritt, sehnsüchtig späht sein Auge nach dieser 
Richtung hin. Er kennt die Lichter, sie haben ja 
auch ihm einst geschienen . . . Erschöpft läßt er 
sich ans einen Baumstumpf nieder, mitten im 
Schnee, er ist müde geworden vom Gehen, die 
langen Kasteiungen haben seinen Körper geschwächt 
und ihn untauglich gemacht zu größeren An 
strengungen. 
Unter ihm jubeln und jauchzen die Glockenstimmen: 
„O dn fröhliche, o dn selige, gnadenbringende 
Weihnachtszeit!" — 
So haben auch ihm die Glocken einst gesungen, 
wenn er als Kind unter dem brennenden Weihnachts- 
baum stand und sich nicht satt sehen konnte an 
der glitzernden Pracht. Die ganze Zeit steht ihm 
wieder lebendig vor Augen. Das erste Aufkeimen 
der Jugendliebe, die Schul- und Universitätsjahre, 
und dann — ein Tag mitten im Winter, als er 
heimkehrte an's Sterbebett seiner Mutter. „Lieber 
Erwin," sagte sie, „ich habe eine letzte Bitte an Dich. 
Jn's Kloster sollst Tu gehen, ich habe Dich einst, 
als Du von einer schweren Krankheit genesen, der 
Mutter Gottes gelobt. Ich kann nicht ruhig 
sterben, als bis ich diesen Wunsch erfüllt sehe." 
Und die Mutterliebe siegte in ihm, denn sie war 
ihm das heiligste aus Erden. So nahm er herz 
zerreißenden Abschied von seiner Jugendgeliebten 
nnb zog hinaus in die ferne Jsarstadt. Sie 
weinte ihm bittere Thränen nach und trauerte 
tief um den Verlorenen, aber schließlich mußte sie 
sich drein ergeben haben, denn heute — — wie 
hatte sich alles verändert seitdem — — gehörte 
sie einem anderen. Sie war gebunden . . . Und 
er . . . er hatte der Welt und ihrer Fleischeslust 
entsagt, er durste nichts mehr von diesem Leben 
erhoffen. 
llnd doch verfolgte ihn heute Abend der Ge 
danke immer wieder: Wenn er frei wäre, los 
von allen Ketten, und sie auch . . . wenn sie zu 
sammen das Weihnachtsfest begingen drunten in 
der alten Bonifatiusstadt, wo die rothen Lichter 
flammten . . . wenn er . . . doch nein, er durste 
den Gedanken nicht zu Ende denken. 
Immer dichter fiel der Schnee. Leichte, seine 
Flocken rieselten unablässig ans ihn nieder und 
bedeckten die dunkle Kutte mit blendendem Weiß. . . . 
Er merkte es nicht. Er fühlte sich müde, unsagbar 
müde . . . Immer stiller wurde es in ihm, je 
heftiger draußen die Flocken ans ihn losstoben. 
Die aufgeregten Wogen seines Innern glätteten 
und klärten sich zu harmonischer Ruhe, es war 
ihm, als legte sich eine warme, weiche Menschen 
hand lindernd aus seine Schmerzen und spräche 
ihm Trost ein. Er fühlte seine Sorgen mehr und 
mehr schwinden, sein Herz immer mehr erleichtert 
und befreit von dem Druck . . . Tie Ketten, die 
ihn so lange gefesselt, fielen von ihm ab, er lies 
frei und ungehindert davon, den Berg hinab in's 
Thal, immer weiter, bis dorthin wo die rothen 
Lichter flammten. Hier, in der Stadt des Boni- 
satius, blieb er vor einem Hanse stehen, das 
er schon von Weitem erkannte, er klopfte an 
die Thür und bat um Einlaß, ein junges 
schönes Weib, festlich geschmückt mit Myrthen und 
Rosen, öffnete ihm, er siel ihr in die Arme und 
schluchzte und ries: „Meine gute, theure Cäcilie, 
nun will ich Dich nie mehr verlassen, nun will 
ich immer bei Dir bleiben, ich bin damals treulos 
von Dir gegangen, nun bin ich reuig wieder 
gekommen, um Dich zu fragen, ob Du mich wieder 
haben willst." Und sie, ausgelöst in Schmerz 
und Freude: „Ist es denn möglich? mein armer, 
vielgeliebter Erwin! Ist es denn wahr? Welche 
Freude, Dil großer Gott, heute am heiligen 
Weihnachtsabend Dich hier wieder zu finden!" Und 
sie herzt und küßt ihn und drückt ihn neben sich 
nieder unter dem brennenden Weihnachtsbaum, 
umschlungen sitzen sie glücklich und zufrieden da. 
und er erzählt ihr aus seinem Leben, von seinen 
Fahrten in der weiten Welt nnb seinen großen, 
großen Leiden.... Ihre schönen dunkelblauen Augen 
hängen gespannt an seinem Munde, ihre blonden, 
ausgelösten Haare fließen über ihre Schultern 
herab, sie sieht so liebreizend aus wie nie zuvor, 
und als er geendet, küßt sie ihn innig aus die 
schmalen eingefallenen Wangen und spricht: „Mein 
theurer Erwin, ich hab' Dich ja immer so sehr 
geliebt, und Du bist immer so gut gegen mich 
gewesen, so gut . . . o welches Glück! daß ich 
Dich endlich wieder habe ..."
	        

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