Full text: Hessenland (14.1900)

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Vaterländisches Bewußtsein zu wecken: die Liebe 
zu dem großen deutschen Vaterland und zur 
engeren hessischen Heimath, die unerschütterliche 
Treue gegen das fürstliche Haus seines Landes 
und die unbedingte Achtung des Rechtes als einer 
göttlichen Lebensordnung. So begann sich schon 
damals unter den obwaltenden Zeitumständen 
in ihm der energische Charakter zu bilden, wegen 
dessen man ihn nachmals so bewunderte und 
durch den er befähigt wurde, so Bedeutendes zu 
leisten, wie er es gethan hat. Im selben Eben 
maße entwickelte sich bei dem Knaben auch eine 
ungewöhnliche Stärke und Klarheit des Verstandes, 
eine nüchterne, realistisch-praktische Lebensanschauung 
und eine Folgerichtigkeit im Denken, die vor den 
letzten Konsequenzen nicht scheute, andererseits aber 
auch unter dem stillen, mildthätigen Einfluß der 
frommen Mutter ein erstaunlicher Reichthum des 
zartesten Empfindungsvermögens, das durch die 
frühzeitig begonnene Lektüre der deutschen Klassiker 
noch genährt wurde. In dieser harmonischen 
Ausbildung seines Denkens und Empfindens liegt 
das Geheimniß begründet, durch das er später 
zum Literarhistoriker wie geboren schien. 
Bis zum 16. Jahre von seinem Vater unterrichtet, 
bezog Vilmar, nachdem er kurz zuvor seine geliebte 
Mutter verloren hatte, das Gymnasium zu Hersfeld, 
um die letzte Ausbildung für die Hochschule zu er 
halten. Doch konnten die damaligen Lehrer dem 
wissensdurstigen Jüngling, der gleich Lessing wie ein 
Pferd war, das doppelte Ration von Futter brauchte, 
wenig bieten. Er vermißte die Frische und geistige 
Anregung des Unterrichts, das Ideal der Methode, 
das ihm schon damals vorschwebte und das er 
später als Marburger Gymnasialdirektor in so aus 
gezeichneter Weise bethätigen sollte. Von dem wohl 
wollenden, aber schwachen Rektor Fab er sagt er, 
daß bei ihm schlechterdings nichts zu lernen ge 
wesen sei, ja daß er im Religionsunterricht, wenn 
auch zum Theil unabsichtlich, zerstörerisch gewirkt 
habe. Dagegen lobt er Schuppius, bei dem 
man guten lateinischen Stil gelernt habe, wie bei 
Kraushaar ein strenges, wenn auch pedantisches 
Denken, und von den später eingetretenen Lehrern 
Piderit undMünscher rühmt er, daß sie ihm 
sogar einen gewissen Geschmack für die Philologie 
beigebracht hätten. Thatsache aber bleibt, daß 
das Gymnasium (ebenso wie die Marburger 
Universität) nur den notdürftigsten Grund zu der 
Gelehrsamkeit gelegt hat, durch die er später bei 
der Mit- und Nachwelt berechtigtes Erstaunen 
erregen sollte. In der Hauptsache ist Vilmar, 
wie wir das auch nachher noch bestätigt finden 
werden, Autodidakt gewesen, und nur sein eiserner 
Fleiß, gestützt durch ein merkwürdig starkes Ge- 
dächtniß und seine bewundernswerthe Liebe zu den 
Studien, haben ihn auf die geistige Höhe gebracht, 
die er einnahm. Es steckte etwas von einem 
Uebermenschen in Vilmar's Natur. 
Auch die alma mater Philippina, die er 
zwei Jahre später bezog, um Theologie und 
Philologie zu studiren, konnte ihm, wie gesagt, nicht 
viel bieten. Die Philologie schreckte ihn in den 
Personen der Professoren Wagner und Börsch 
zurück, denn was diese lehrten, hatte er schon 
bei Münscher und zwar weit besser gelernt. 
Ebenso ließen ihn die Theologen Zimmermann 
und Justi kalt, und nur den Lehren 
Arnoldi's vermochte er einiges Interesse abzu 
gewinnen. Da ihm die Vorlesungen so gut wie 
nichts bieten konnten, so suchte er sich durch eigenes 
Forschen zu vervollkommnen. Die eiserne Ordnung, 
mit der er von Jugend auf seine Lektionen ge 
trieben, behielt er auch für das Studium bei. 
Des Morgens in aller Frühe stand er auf und meist 
erst spät gegen ein Uhr Nachts erlosch seine Lampe. 
In der zweiten Hälfte seines akademischen Studiums 
galt er unter seinen Kommilitonen als der beste 
Theologe auf der Universität. Daneben war er 
ein eifriges und hervorragendes Mitglied der 
alten Marburger Burschenschaft und erstrebte eine 
Zeit lang Deutschlands Freiheit und Einheit mit 
„viel schönen Träumen", „aber", sagt er, „meine 
nüchtern-prosaische Natur bedurfte es nur, einige 
Wochen lang recht mitten in die exaltirten 
Weltverbessererkreise von 1817—1820 hineinge 
stellt zu werden, um sich von diesen Dingen mit 
Widerwi'llen abzuwenden". 
Nach dreijähriger Studienzeit kehrte Vilmar 
in das Philisterthum zurück und übernahm eine 
Hauslehrerstelle in der Familie des Herrn von 
Baumbach in Kirchheim. Zugleich wurde er 
Assistent seines inzwischen nach Oberaula ver 
setzten Vaters und empfing zu diesem Zweck 1821 
die Ordination. Für den inneren Entwicklungs 
gang Vilmar's wurde der nun beginnende Zeit 
abschnitt der wichtigste. Er arbeitete rastlos an 
sich, und einem kaum bezwingbaren Drange 
folgend begann sein Geist sich mit einer wunder 
baren, nie ermüdenden Elastizität in den Dienst 
ernster Forschung zu stellen. Die erste Frucht 
dieses Strebens war eine theologische Abhand 
lung: „Das Sendschreiben an Sartorius", das 
1824 in Zimmermann's „Monatsschrift über 
Predigerwissenschaften" erschien. Neujahr 1824 
übernahm er. da seine Hauslehrerstelle zu Ende 
ging, ein Rektorat an der Stadtschule zu Roten 
burg an der Fulda und begründete hier am 
28. März 1826 einen einfachen, bescheidenen 
Hausstand mit Karoline Elisabeth Wittekindt.
	        

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