Full text: Hessenland (14.1900)

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August Friedrich Chr. Uiimar als Germanist 
Zum Gedächtniß seines 100. Geburtstages. 
Von Dr. Wilhelm Schoos. 
Benutzte Quellen: 
I. H. Leiiilbach, 21. F. C. Vilmar, nach seinem Leben 
und Wirken. Hannover 1875. 
Vilmar's Selbstbiographie in Strieder' s Grundlage rc. 
Bd. XX. S. 119 ff. 
Herzogs Realencyklvpädie, Bd. XVI, S. 477—498 (von 
Hausleiter). 
Allgemeine deutsche Biographie Bd. XXXIX, S. 718—722 
(von Wippermann nnd Edw. Schröder). 
Private und amtliche Beziehungen der Brüder Grimm rc. 
Herausgegeben von E. Stengel. Marburg 1886. 
Bd. I. S. 297—315. Bd. II. S. 294—297. 
I)r. Aug. Fr. Chr. Vilmar. Ein Gedenkblatt rc. 
gewidmet von einem Zeitgenossen. Kassel 1900. 
A. F. C. Vilmar. Von Professor vr. Max Koch. 
Novemberheft der Monatsschrift „Der Türmer", 
III. Jahrg. S. 144 ff. 
D ie deutsche Gelehrtenwelt rüstet sich, am 21. No 
vember dieses Jahres — demselben Tage, an dem 
ihr einst ein Schleiermacher geschenkt wurde — die 
hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages eines 
Hessen, Äug. Friedr. Chr. Vilmar's, zu 
begehen, der als Theologe, Pädagog und Germanist 
gleich Verdienstvolles für die Wissenschaft geleistet 
hat und sich einen Nus weit über die Marken 
unseres deutschen Vaterlandes erworben hat. Es 
muß uns bei dem engbegrenzten Raum versagt 
bleiben — und wir fühlen uns außer Stande 
dazu — hier ein vollständiges Bild von der 
wissenschaftlichen Bedeutung dieses großen Ver 
storbenen zu liefern. Wir beschränken uns darauf, 
diejenige Seite seiner umfassenden wissenschaftlichen 
Thätigkeit herauszugreifen, die ihn am meisten 
in seiner Liebe zum Hessenlande charakterisirt 
und die dem Nahmen dieser Zeitschrift am 
nächsten steht: seine Bedeutung als Germanist. 
August Friedrich Christian Vilmar wurde am 
21. November 1800 als erstes Kind des Pfarrers 
Johann Georg Vilmar*) in dem Dorfe Solz 
zwischen Bebra und Rotenburg geboren und wuchs 
in höchst einfachen Verhältnissen einer ärm 
lichen Laudpfarre auf. Ueber seine Jugend hat- 
*) Ueber die aus Witzenhausen stammenden Vorfahren 
Vilmar's vergl. Strieder Bd. VII, S. 101 und Bd. XVI, 
S. 430. 
er uns ein interessantes Bild in seiner Selbst 
biographie entworfen.*) Der Vater war ein 
Mann von spartanischer Genügsamkeit, dazu von 
äußerst festem, völlig unbeugsamen Willen in 
solchen Dingen, welche mit seinen Erlebnissen und 
Erfahrungen verwachsen waren. „Diese beschränkte 
Einfachheit", sagt Vilmar, „gewährte indeß, trotz 
der Stürme, welche die Welt durchbrausten, einen 
Frieden, den die jetzige Welt kaum noch kennt. 
Tiefer, stiller Frieden herrschte auch im elterlichen 
Hause, und meine frühesten Kindererinnerungen 
sind Erinnerungen dieses stillen irdischen Friedens, 
der indeß, eben weil er ein irdischer war, eine 
leise Wehmuth als Beimischung in sich trug." 
Die früheste Lektüre, die dem Knaben in 
die Hände fiel, bildete das realistische Buch der 
Frau Geueralin von Riedesel: „Die Berufs 
reise nach Amerika", ein heute gänzlich ver 
schollenes**) Werk, das einen „unglaublichen 
Eindruck" auf ihn machte, ferner das bekannte 
Buch Knigge's: „Der Roman meines Lebens", 
ein heute noch hie und da gelesenes, fesselnd 
geschriebenes Werk in Briefform, das ihn in 
manchen Punkten anzog. Zu den frühesten ein- 
drücklichen Ereignisse gehörte für den jungen 
Vilmar der Zusammensturz unserer althessischen 
Verhältnisse am 1. November 1806, die Er 
richtung des Königreichs Westfalen, der Dörn- 
berg'sche Aufstand, dann der Zusammenbruch des 
großen Napoleonischen Reiches mit all dem Jubel 
vaterländischer Begeisterung. „Wer dies nicht er 
lebt hat," sagt Vilmar, „sowie 1815 die Schlacht 
bei Belle-Alliance, der kann sich von dem tiefen 
Dankgefühl gegen den lebendigen Gott, welches 
auf allen Lippen schwebte, nur schwer eine schwache 
Vorstellung machen." Diese Ereignisse waren 
dazu angethan, schon in frühester Kindheit sein 
*) Vergl. auch .Erinnerungen von 50 Jahren her 
aus einem abgelegenen Dorfe". 2lnonym von Vilmar in 
der „Hessenzeitung". Jahrg. 1863, Nr. 8. 9.11—14,83—86. 
**) Das ist zuviel gesagt. Im Jahre 1881 erschien in 
Freiburg i. Br. und Tübingen unter etwas anderem 
Titel eine neue 2lusgabe des trefflichen Buches. D. Red.
	        

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