Full text: Hessenland (14.1900)

mcrft, daß auch wir dies nicht gerade für wahr 
scheinlich halten. 
Somit scheinen wir Denjenigen Recht zu 
geben, welche der Ansicht sind, daß die von Land 
gras Friedrich II. und anderen deutschen Fürsten 
gegen eine bestimmte Entschädigung beliebte Ent 
sendung von Unterthanen zur Theilnahme an 
dem im fernen Westen geführten und die Inter 
essen des eigenen Landes in keinerlei Weise be 
rührenden Kriege, einerlei, ob dieselbe für den 
einzelnen Betheiligten ans gewaltsamem Verkauf 
oder mehr oder weniger freiwilligem Vertrag be 
ruhte, im Großen und Ganzen betrachtet, auch 
in dem Bewußtsein der damaligen Zeit schon 
als etwas Menschenunwürdiges, gewissermaßen 
als ein „Menschenhandel" en gros empfunden" 
und verurtheilt worden sei? Sv war's nun 
doch nicht gerade gemeint. Denn eben das Gegen 
theil wollen wir im Folgenden zum mindesten 
wahrscheinlich zu machen suchen, daß nämlich unsere 
Fähnriche jene in dem Rechtfertigungsartikel ver 
tretene Auffassung von ihrer überseeischen Ver 
schickung nicht schon ans der Heimath mitgebracht, 
sondern erst in der „neuen Welt" sich — sehr 
leicht und gern freilich — unterschieben ließen 
und zu Nutze machten. 
(Schluß folgt.) 
feilt Wequiem. 
Novelle von Wilhelm Schoos. 
(Schluß.) 
itternacht ist's. Die Mönche und die fremden 
Gäste sind zur Ruh' gegangen. Das Kloster 
schläft. Nur Severns kann nicht schlafen. Immer 
tiefer in's Innere hinein zehrt die verderbliche 
Flamme. Kein Schlaf! — Keine Ruhe! — 
Von ihrem Bilde verfolgt, wälzt er sich ans dem 
harten Lager, ruft die Heiligen an, um ihn zu 
retten von dem verführerischen Gaukelbild, das 
ihn umschwebt im Wachen und Träumen, um 
seine Seele zu bewahren vor ewiger Berdammniß. 
Vergebens! — Immer sieht er vor sich den schwer- 
müthigen, kindlich frommen Blick des dunkelblauen 
Auges, die weichgeformten Lippen, die hohe schlanke 
Gestalt im dnnkelrothen Kleid. Welch' ein Tag! 
— welch' eine Nacht! — Cäcilie und immer nur 
Cäcilie — kein anderer Gedanke findet Raum in 
seinem Inneren. Stundenlang liegt er so, von be 
gehrlichen Gedanken umstrickt, strenger asketischer 
Buße unterworfen. Geißelschläge Hallen hinaus 
zu den Zellen der Gäste, hinüber zu den Zellen 
der Brüder, leises Wimmern und Stöhnen, ver 
haltenes Beten . . . 
Und draußen tiefe, schweigende Nacht, ahnungs 
volles Rauschen der wiegenden Bäume, dann und 
wann der schlnmmermüde Laut ferner Thurmuhren. 
Das Christfest ist herbeigekommen. — Die 
Sterne der heiligen Nacht flimmern versöhnend 
über schneeigen Gefilden . . . Eingeschneit, ver 
lassen liegt das Kloster da, kein Wanderer lenkt 
seine Schritte mehr hinaus zum heiligen Berge. — 
Die Klosterkirche ist hell erleuchtet, die Töne der 
Orgel fluthen voll durch das Schiff der Kirche und 
reißen wie zur brausenden Fluth anschwellend die 
andächtigen Brüder zu dem feierlichen Weihnachts- 
Hymnus fort: 
„0 sanctissima o piissima dulcis virgo Maria!“ 
Weihevoll verklingt der Refrain: „Ora, ora pro 
nobis!“ in der heiligen Nacht. . . . Die Mönche 
verlassen die Kirche und versammeln sich im Refek 
torium zu einer kleinen weltlichen Feier. Eine 
lange Tafel ist gedeckt, ein Christbaum, den man 
im Klostergarten gefällt, erstrahlt im Helle» Lichter- 
glanz. Die Brüder nehmen an der Tafel Platz, 
am oberen Ende der Pater Guardian, links und 
rechts reihen sich die übrigen Insassen des Klosters 
an. Bruder Klosterkoch hat für vorzüglich zu 
bereitete, leckere Speisen, Bruder Kellermeister für 
ein gutes Tröpslein Wein gesorgt. Nirgends sieht 
man heute bei den Brüdern Spuren des Mißmnths, 
oder stiller in sich gekehrter Verschlossenheit. In 
gemüthlichem Plaudern und harmlosen Scherzen 
vergeht der Abend . . . 
Nur Bruder Severus fühlt sich nicht glücklich. Er 
hat sich früh zurückgezogen. Gerade heute durchstürmen 
ihn wieder mit verjüngter Kraft tausend Erinnerun 
gen und schmerzliche Gedanken. Seit jenem Tag im 
Kloster ist er noch stiller geworden, noch mehr 
als früher hat er sich von seinen Ordensbrüdern 
abgesondert. Seine Gestalt ist noch hagerer ge 
worden, seine Züge erscheinen durch die langen 
Nachtwachen, die er in strenger asketischer Buße 
und fleißigem Beten vollbracht, noch abgehärmter. 
Vorsichtig tritt er durch die Hinterpforte in 
den kalten Winterabend hinaus. Langsam lenkt 
er seine Schritte den Berg hinauf zu seiner 
Lieblingsstätte. Sausend umweht ihn eine eis-
	        

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