Full text: Hessenland (14.1900)

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drücklichste Strafe zu gewärtigen, auch solches bei 
jeder Gemeinde öffentlich bekannt zu machen und 
dazu unter gleichmäßiger schwerer Strafe die 
Unterthanen anzuweisen." 
Diese Verordnung mag nun wohl von den 
Unterthanen, den Feld- und Waldhütern miß 
verstanden, oder auch in übertriebenem Pflichteifer 
zur Ausführung gelangt sein, — einige Wochen 
später erscheint ein abermaliges Dekret der fürst 
lichen Regierung zu Hanau, in welchem angeordnet 
wird: „Ist denen Wächtern, welche die Geländs- 
wacht halten und die Gewehr, welche sie über 
liefert erhalten, nicht mißbrauchen und sich mit 
Schißen enthalten sollen und zwaren auf die von 
Königlich französischen Truppen unumgänglich sich 
das Schißen durchaus enthalten sollen bei Ver- 
meidung Leib- und Lebensstraf, und soll eine jede 
Wacht das Gewehr sovohl, als die Wacht hüten. 
Soll sich ein Fehler darbei ergeben, werden jedes 
Mahl die Wacht davor sämmtlich hassten." 
Mit dem Beginn des siebenjährigen Krieges 
stand das Fürstenthum Hanau mit Hessen auf 
Seiten des Preußenkönigs, Frankreich hatte sich 
mit Oesterreich gegen diesen verbündet. Die 
Franzosen besetzten 1756 am 1. August Hanau und 
Umgegend und trieben sofort ungeheuere Kon 
tributionen an Geld,Lebensmitteln und Fourage ein. 
Das ganze Hanauer Land blieb in den Händen 
der Franzosen bis zu Ende des Krieges. Auch 
der Herzog von Braunschweig an der Spitze der 
tapfer kämpfenden Hessen vermochte sie nicht dar 
aus zu vertreiben. Infolge des unglücklichen 
Gefechtes bei Bergen (13. April 1759) mußte 
er sich nach schweren Verlusten über Windecken 
nach Hessen zurückziehen und das Hanauer Land 
seinem Schicksal überlassen. Und dieses war 
schlimm genug. Der Wohlstand der Stadt Hanau 
und ihrer Bürger, der Dörfer und ihrer Bauern 
wurde auf's Schwerste geschädigt oder vernichtet. 
Ungeheuere Kontributionen wurden auferlegt und 
die ausgeschriebenen Lieferungen unbarmherzig 
eingetrieben. Die Okkupation des ganzen Hanauer 
Landes durch die französischen Regimenter hatte 
diesem blutige Wunden geschlagen, die nur langsam 
und schwer heilten. 
Die französischen Beamten versprachen zwar 
Bezahlung für die befohlenen Lieferungen und 
Erhebungen, aber ihre Versprechungen haben sie 
nicht gehalten, selbst Empfangsquittungen aus 
zustellen weigerten sie sich hartnäckig. Die Klagen 
darüber treten in den vorliegenden Akten immer 
von Neuem auf. 
In Schloß Philippsruhe war seit 1757 
ein französisches Lazareth und Hospital errichtet, 
dem die Gemeinde Kesselstadt alle möglichen Be 
dürfnisse zu liefern hatte; so u. a. 400 Ctr. 
Stroh auf einmal. Der Direktor des Lazareths 
Mr. Gagneranx versprach die Bezüge zu bezahlen, 
die liefernde Gemeinde hat aber trotz wiederholter 
Erinnerungen nie etwas erhalten. So heißt es 
in unseren Akten: „Der Erinnerung so zu öfteren 
Mahlen der Zahlung halber geschehen ist, wurde 
durch den Schloßverwalter Schellhaß jedes Mahl 
die Antwort, daß die Zahlung geleistet werden 
solle, wohl aber bis àuto nicht geschehen sey." 
So geht es fort und fort mit allen möglichen 
Leistungen und Lieferungen, und dieselben Klagen 
werden erhoben wie gegen den Kriegskommissair 
de la Vallone so gegen den Kriegssekretair Erlau, 
gegen den Direkteur Scharlot u. A. 
Außer den ungeheueren Lasten und Lieferungen 
an Fonrage, Lebensmitteln und Geld rc. mußten 
die Bauern von den Dörfern der Umgegend auch 
schwere Kriegsfnhren leisten, infolge deren sie selbst 
oft Monate lang von der Heimath fern gehalten 
wurden und ihr Vieh und Geschirr dem darnieder 
liegenden Feldbau entzogen blieb. So erfahren 
wir aus einem amtlichen Schreiben vom 30. Juni 
1760: „Nachdem der geschehenen Anzeige zufolge 
aus dem Bücherthal ahnnoch 12 Wagen und zwar 
von Wachenbuchen bei der Königlich französischen 
Armee zurückbehalten worden und die Unther- 
thanen dabey Mangel leiden ohne Lebensmittel, 
so bleibet dem fürftl. Amt Bücherthal ohn- 
verhalten, daß wegen suchender Entlaßung der 
Hanauischen Fuhren der hießige Spcachmeister 
Perol zu besagter Armee abgefertiget und die 
Untherthanen selber im Hauptquartier zu erfragen 
habe, da inmittelst denen bei einem jeglichen Geschirr 
befindlichen Leuten täglich 20 Kreuzer überhaupt aus 
dem Amt bezahlt und im Uebrigen denen selbigen 
von dem Zugvieh so znhauß verbliebener Mit 
nachbarn Ihr Feldbau Hüls geleistet werden soll." 
Bei diesen schlichten, einfachen Mittheilungen 
mag es sein Bewenden haben. Trotz ihrer Ein 
fachheit und Spärlichkeit geben sie uns doch ein 
anschauliches Bild von den unsäglichen Kriegs- 
nvthen und schier unerschwinglichen Lasten und 
Beschwerden, welche die Bewohner unseres Hanauer 
Landes auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahr 
hunderts mehr als zwei Jahrzehnte hindurch in 
folge der Zerrissenheit und Schwäche des deutschen 
Reiches zu ertragen hatten. Mögen solche traurigen 
Zeiten und Zustünde für alle Zukunft unserem 
lieben Vaterlande erspart bleiben!
	        

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