Full text: Hessenland (14.1900)

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Hause auf das grausamste hiugerichiet. Sein 
Kopf wurde auf das Neustädter Thor gesteckt, 
der Leichnanl geviertheilt und ovr jedes der anderen 
Thore wurden die anderen Gliedmaßen aufgehängt. 
Welche Bewandtnis; aber es damals mit den 
Zeugenvernehmungen hatte, mit welcher Grausam 
keit alle Ovalen der Tortur angewandt wurden, 
um die Aussagen der Zeugen zu erpressen, geht 
aus dem aus der Laudesbibliothek noch befind 
lichen Protokolle der Vernehmung des unglück 
lichen Seiltänzers und seiner Ehefrau hervor. 
Ich will das Protokoll dieser Gerichtsverhandlung 
hier wiedergeben, wenn auch aus Mangel an 
Raum abgekürzt. 
Am 28. Juni 1626 ist in loco torturae des Seil 
tänzers Hans Faßhauer Weib Christine in prae- 
sentia praetoris et senatorum Heinrich Stubenrauch, 
Heinrich Rnbenköuig und Reinhard Gesiner in die „Putte" 
gebracht, die Daumschrauben aufgesetzt, die Hände zurück 
gebunden und auf die Leiter gestellt, um die Wahrheit 
zu berichten, und darauf inquiriret worden. 
Befragt, ob sie oder ihr Mann nicht von einem tückischen 
Anschlage auf den gnädigsten Landgrafen Moritz, die 
junge Herrin oder die Stadt Kassel zu verrathen wisse. 
Sagt: Nein! Sie hätte ihr Lebtag nie nichts von solchen 
Dingen vernommen. Wenngleich man sie tvdtete, so könnte 
sie doch solches nicht wissen oder beichten. 
Eodem die Hans Fasihauer ebenso hingestellt und 
inquiriret, sagt aus: 
Er hätte sich die Christine zu Gandersheim in Braunschweig 
durch einen lutherischen Pfarrherrn zur Frau geben lassen. 
Hiernach aber (d. h. nachdem die Daumschrauben an 
gezogen) geständig, dasi er die Christine nicht geehlicht 
gehabt habe u. s. w. 
Befragt, ob er den Hans Haupt von Grifte kenne und 
von einem Anschlage dessen gegen den Herrn Landgrafen 
und die Festung Kassel wisse, berichtet er. er kenne den 
Haupt nicht, wisse auch nichts von einem Anschlage, habe 
mich keinen Umgang mit ihm gehabt, darauf könne er 
leben oder sterben. 
Schärfer inquiriret, d. h. die Daumschrauben schärfer 
angezogen, gesteht er dann, dasi Haupt bei den Tilly'schen 
Reitern gedient, dasi er ihn in Bettenhausen kennen gelernt, 
als Tillh noch vor Münden gelegen, und gesteht weiter, 
nach ziemlich hart ausgestandener Pein. wie es 
heisst, dasi er in Bcttenhauseu in Oppermann's Hause 
mit dem Haupt öfters zusammengetroffen, daß ihn Haupt 
um eine Muskete angesprochen und solche bei ihm bestellt 
habe, u. s. w. u. s. tu. 
Kurz, die beiden armen Zeugen wurden so 
lange gequält und gemartert, bis ihr Zeugniß 
ausreichte, den armen und unglücklichen Reiters 
mann als des Verrathes schuldig zu erkennen, 
den man ihm vorgeworfen hatte und an welchem 
er sicher unschuldig war. Als Beitrag für die 
damalige barbarische und grausame Justiz glaubte 
ich, diese Episode hier nicht unerwähnt lassen zu 
dürfen. Eilige und blutige Hinrichtungen waren 
aber gerade unter Landgraf Moritz sehr häufig. 
Die Stadtthore Kassels sahen manchmal aus, 
daß es ein Grauen war, hier einzutreten. 
Die für Kassel höchst verhängnißvolle Be 
lagerung durch die bairischen Truppen, von der 
ich noch Manches anführen könnte, endete übrigens 
damit, daß Tilly auf die Kunde von der An 
näherung eines dänischen Heeres unter König 
Christian sich entschloß, die Belagerung aufzu 
heben, und daß er dem Landgrafen einen billigen 
Vergleich anbot. Nachdem der Landgraf Moritz 
sich verpflichtet hatte, in des Kaisers und des 
Reiches Gehorsam zu bleiben, des Kaisers Feinden 
keinen Vorschub zu leisten, ihnen auch seine 
Festungen nicht zu öffnen, vor allem aber den, 
dem Kaiser wie dem Reiche höchst nachtheiligen 
Verhandlungen mit den auswärtigen Mächten, 
besonders Frankreich, zu entsagen, zog Tilly mit 
seinen Truppen ab, und die von Leiden und 
Drangsalen aller Art schwer heimgesuchte Stadt 
Kassel konnte wieder aufathmen und, wenn auch 
nur sehr vorübergehend, Tagen der Ruhe und 
Erholung entgegengehen. 
Weit, weit hinter uns liegt diese Leidens 
geschichte unseres Vaterlandes mit allen ihren 
Gräueln, mit allen ihren Schrecken. Wie aber 
den wilden Stürmen, die über die Haide dahin 
brausen, eine heitere Ruhe folgt, wie die finstere 
Nacht der aufflammenden Helle der ewigen Sonne 
weicht, so ist auch für unser Vaterland nach solcher 
stürmischen und finsteren Vergangenheit in der 
Gegenwart, allem Anscheine nach, eine glücklichere 
und friedlichere Zeit hereingebrochen. 
Melsunger Familiennamen bis 1626. 
(Fortsetzung.) 
S o streitbaren Schaaren mußte der Erfolg 
blühen, und von allen Seiten hallt der Ruf: 
Sieg! „Glänzend durch Sieg" erwies sich Sibert 
(1626). Zärtliche Kosenamen wie Seibell 
(1626) und Seitz (1626) erwarten ihn in der 
Heimath. 
Der Sieg hat die Feinde mürbe gemacht, Friede 
kann geschlossen werden. Auch im Volke der Krieger 
gibt es Männer, die „reich an Frieden" sind; 
solch einen Fred er ich (1544) ruft die liebende 
Gattin kurz und freundlich Fr icke (1457) und 
wohl auch Fyge (1490).
	        

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