Full text: Hessenland (14.1900)

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zu haben. Die Sterblichkeit in den Monaten 
Juni und Juli besonders war eine ganz gewaltige, 
und 1910 Todesfälle sind im Jahre 1626 in 
den Kasseler Kirchenbüchern mit Namen ver 
zeichnet, was selbstverständlich lange nicht aus 
reicht, da sich diese Zahl nur auf die von Geist 
lichen begleiteten Leichen bezieht, während doch 
noch unzählige Leichen besonders von Fremden 
ohne Sang und Klang, in stiller Nacht, auf dem 
Glacis der Festung oder in verlassenen Gürten 
einfach beigesetzt oder verscharrt wurden. Viele 
starben auch thatsächlich aus Hunger und so findet 
sich in den Kirchenbüchern mancher Eintrag wie 
z. B.: Claus Umbach Tochter, 17 Jahr alt, so 
vor Hunger verschmachtet. 
Lebensmittel waren aber nicht zu beschaffen. 
Von allen Seiten war jetzt Kassel von den 
Bairischen, wie sie genannt werden, umringt, 
jeder Verkehr, jede Zufuhr von Lebensmitteln 
war abgeschnitten, und es liegt nahe, die Frage 
auszuwerfen, wie Tilly überhaupt auf das linke 
Fuldaufer gelangte. Wir wissen aber genau, daß 
Tilly bei dem Trosse seines Heeres ständig vier 
spännige Wagen mit Pontons bei sich führte. 
So hatte er mittelst Pontons 1621 den Main 
bei Aschassenburg, 1627 die Elbe bei Magdeburg 
überschritten und auch vor Münden hatte er 
durch Pontonbrücken über die drei Strome die 
Verbindung zwischen seinen Batterien und Lagern 
unterhalten. Auch vor Kassel wird er wahr 
scheinlich bei Wolfsanger und Waldau unsere 
Fulda mit Pontons überschritten haben. Jeden 
falls hatte er Kassel völlig umzingelt, von jedem 
Verkehr nach außen abgeschnitten und auch ohne 
eigentliche Belagerung, ohne Batterien zu bauen, 
hoffte er die Stadt mit Hilfe von Hunger, Pest 
und anderen unheimlichen Bundesgenossen zu 
erobern und den trotzigen Sinn des Landgrafen 
zu brechen. 
Während dieser Einschließung fanden zahlreiche 
Ausfälle der Kasseler Besatzung meistens zu 
dem Unternenstädter Thore hinaus statt und hier 
wurde meistens sehr heftig scharmuzirt, wie 
der Ausdruck lautet. So waren am 15. Juni 
hessische Schanzarbeiter beschäftigt, hier in der 
Nähe des Siechenhofes eine Lünette auszuheben, 
als die Bairischen sie überfielen. Hessische Sol 
daten eilten ihnen zu Hilfe, und es wurden bei 
dieser Gelegenheit sehr viele Personen verwundet 
und getödtet. Das Uuterneustädter Kirchenbuch 
erwähnt wenigstens dieses Scharmützels ganz aus 
drücklich und giebt noch Einzelheiten an. Der 
Siecheuhos selbst wurde bei dieser Gelegenheit 
niedergebrannt und verwüstet, nur die alte Kapelle 
blieb stehen. 
Ueberhaupt bleibt es zu bedauern, daß dieser 
Zerstöruugswuth der Feinde so manche schöne 
und herrliche Anlage des Landgrafen Mi)nh in 
unserer nächsten Nähe zum Opfer fiel. So lag zu 
Waldau, damals noch Walda genannt, von einem 
Graben umgeben, ein schönes Jagdschlößchen mit 
Rändeln, zu welchem eine Zugbrücke führte. 
Daneben lag das Jägerhaus, rechts der Rüden 
stall mit dem Rüdengarten, links das Falken 
haus mit dem Falkengarten. Der Falkenmeister 
Johannes Vorbeck, 60 Jahre alt, wurde von den 
Bairischen überfallen, übel zugerichtet, mußte 
flüchten und starb nach wenigen Tagen an seinen 
Wunden in der Unterneustadt. Das Schlößchen 
wie die Anlagen wurden aber gänzlich vernichtet. 
Vor dem Wolfsanger Thor hatte Landgraf Moritz 
einen prächtigen Fasan engarten angelegt. 
Das Hauptgebäude mit dem langen Fasanenstalle 
stand nach der Straße, dahinter waren schattige 
Gehege und Terrassengärten zur Zucht der kost 
baren Fasanen. Die Fasanen wurden als gute 
Beute gefangen, die Anlagen zerstört. Auch das 
Jagdschloß Freienhageu, Bergshausen gegen 
über, hatte ein gleiches Schicksal, obwohl es 
Eigenthum der Landgrüfin Juliane war. Auch 
die schönen Anlagen um das 1606 erbaute Jagd 
schloß W e i ß e n st e i u mit ihren Grotten, Tempeln, 
Felsen und Baumgruppen gingen bei dieser 
Gelegenheit gänzlich zu Grunde. Selbst das 
Herbsthäuschen, ein kleines aus rohem Eichen 
gebälk erbautes Jagdhaus, das Landgraf Moritz 
auf einsam stehenden Felsen gebaut, wurde nieder 
gebrannt. 
In der Stadt selbst hegte man große Besorg- 
niß, daß es dem Feinde vielleicht gelingen könne, 
durch Verrath an einer schwach befestigten Stelle 
in die Stadt einzudringen oder durch Spione in 
einem Fruchtmagazin oder einer Pulverkammer 
Feuer zu legen. Die Besorgnis; schien nicht un 
begründet, als mau einen Tilly'schen Reiter, 
Hans Haupt von Grifte, auf dem Walle beim 
Kasteual erkannte und aufgriff. Vergebens 
betheuerte dieser arme Reiter, er sei ein Hesse, 
habe nur bei einer hessischen Kompagnie eintreten 
wollen und sei lediglich deshalb aus dem Tilly'schen 
Dienste ausgetreten. Auf der Kommandantur 
habe er sich aber nicht gemeldet, da er für einen 
Bürgersohu habe eintreten wollen und somit noch 
ein Handgeld habe verdienen wollen. Man glaubte 
ihm aber nicht und auf Grund der Aussagen 
zweier Zeugen, des Seiltänzers Hans Faßhauer 
und dessen Eheweib, wurde der arme Reiter vom 
Generalaudienzierer vr. Günther als Verräther, 
Ueberläuser und Mordbrenner zum Tode ver- 
urtheilt und auf dem Altmarkte vor dem Rath-
	        

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