Full text: Hessenland (14.1900)

M 21 
XIV. Jahrgang 
Kassel, 1. November 1900. 
Mein Crost. 
Du bist der preis, den ich erstritt 
von meinein Glücke; 
Du bist das Diadem, womit 
Mich selbst ich schmücke. 
Du bist die Sonne, die mir lacht 
Als pimmelsgnade; 
Du leuchtest auch als Stern der Nacht 
Auf meine Pfade. 
vergessen kann ich da die Welt, 
Die mich betrogen, 
Und laß mich aus dem Sternenzelt 
vom Licht umwogen. 
0 wünsche nicht! 
O wünsche nicht in trüben Tagen, 
Daß leidlos fei des Lebens Frist, 
Denn eitler pochmuth würde sagen, 
Daß nie ein Gott gewesen ist. 
M klage nicht, wie sehr dich's quäle, 
Daß Jung und Alt sich sterbend neigt; 
Ist doch das Grab es, das zur Seele 
vom Pimmel spricht, auch wenn es schweigt I 
Drum denke gern all' deiner Todten 
Und trage willig jedes Leid, 
Denn Leid und Tod sind Gottes Boten 
Und wünschen dich empsangbcreit. 
Ein perz, das ihnen sich erschlossen, 
Ist reich auch bei der Thränen Laus, 
Denn Thränen, in ein Grab geflossen, 
Geh'n jenseits ihm als Rosen auf. 
fl. Crabert. 
solstitia. 
Als ich am gestrigen Septembertag 
Bei vollen: Blau des deutschen Pimmels 
Durch meinen Wald lustwandeln ging, 
Sah mehrmals ich, wie auf den Areuzeswegen 
An freien Stellen meines Waldes 
Die Sonne just wie stille stand 
— Mit goldnem Blick durch's dichte Grün 
Bis in die tiefsten Tiefen lugend 
Und nach den lichten Stellen lockend. — 
Mir war's, als ob die bald nun Scheidende 
Sich fest auf die geliebte Erde 
Gestellt, als schmerze sie der Abschied, 
Als sage sie: „Komm' her zu mir, 
Stell' dich noch einmal in den Schimmer 
Des schönen Scheins, bevor ich scheide, 
Und nimm dir für den nahen Winter 
Ein perz voll lauter Sonne mit!" 
wie konnt' ich zögern? Schnellen Fußes 
Lief ich den Hellen Augen zu, 
Die wie aus einer Ewigkeit 
Den Wandrer und den Wald beglänzten — 
Und Sonne sog ich in die Seele 
So viel, daß heut, an trübem Tage, 
Stets Lichter aus der Tiefe steigen, 
Mein tiefes Leid im Liede lösend . . . 
Und Sonne — weiß ich — hab' ich für den Winter! 
Still wird sie stehn ob meinem Pfade, 
wie gestern auf den Waldeswcgen, 
Und auf dein Kreuzweg grad am stärksten! 
Karl €rn$t Knodt.
	        

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