Full text: Hessenland (14.1900)

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als I. wieder irgend einen Schabernack ausgeführt 
hatte, wovon in der ganzen Stadt gesprochen wurde. 
Dabei erzählte mir von Th., I. sei ein sehr guter 
Soldat und habe sich als solcher auch im Kriege 
bewährt, aber vor einigen Jahren, als das Regiment 
in Königsberg lag, habe man ihn dort auch als 
den Urheber aller möglichen Tollheiten gekannt. 
So seien einmal in einer Nacht mehrere Unter 
offiziere von einem benachbarten Dorfe zurückge 
kommen ; I. habe durch einige von ihnen aus der 
einen Seite der Hauptwache einen Streit improvisiren 
lassen, um die Aufmerksamkeit des vor Gewehr- 
stehenden Postens abzulenken, er selbst habe sich an 
der anderen Seite, wo die Trommel stand, an 
geschlichen und an ihr das Ende einer Rolle Bind 
faden befestigt. Nachdem sich die Gesellschaft wieder 
zusammengefunden hatte, rollte nun I. beim Weiter 
gehen immer den Bindfaden ab, bis in einer- 
großen Entfernung er anfing zu laufen. Natürlich 
sprang die Trommel vom Trommelstock ab und 
unter Gepolter aus dem Straßenpflaster weiter. 
Der Posten ließ vor Schrecken sein Gewehr fallen 
und ries „Wache 'raus", und als der Leutnant ihn 
zur Rede stellte, weshalb er die Wache in's Gewehr 
gerufen habe, meldete er blassen Angesichts: „Herr- 
Leutnant, unsere Trommel ist fortgelaufen." Es 
wurden nun einige beherzte Männer der Trommel 
nachgejagt, und als diese die Ausreißerin erreichten 
und hinten festhielten, lies I. vorn los. Die 
Unteroffiziere, die beurlaubt gewesen waren, hatten 
sich dann nach und nach in der Kaserne eingesnnden, 
und trotzdem es offenes Geheimniß war, so war 
doch der Uebelthüter mit Sicherheit nicht zu er 
mitteln. — — 
Eine Aenderung siel auch, wenn ich nicht irre, 
gerade in diese Zeit: die Aufhebung der akade 
mischen Gerichtsbarkeit, und mit ihr hörte auch 
ein gut Theil Gemüthlichkeit aus. Ihre Haupt 
thätigkeit hatte sie Anfangs des Semesters, wenn 
die Zahlungsbefehle ausgestellt wurden. 
Wenn das neue Semester anfing, schwärmten 
alsbald die sogenannten Tretvögel aus. Dabei 
erinnere ich mich noch mit großem Vergnügen 
eines Erlebnisses mit dem alten Mützenmacher H. 
Ich bewohnte mit einem Bekannten von mir zu 
sammen aus der Ketzerbach zwei Studentenwohnungen. 
Tie Wohnzimmer lagen neben einander nach vorn 
und hatten jedes eine Eingangsthür für sich; hinter 
diesen lagen, soweit der Treppenraum es frei ließ, 
beiderseits je eine kleine Kammer. Je nachdem 
die beiden Bewohner mit einander standen oder 
nicht, war die zwischen beiden Wohnstuben befind 
liche Verbindungsthür offen oder geschlossen. Wir 
bewohnten nun hauptsächlich meine Stube, die 
auch im Winter blos geheizt wurde. 
Mein Freund D. nun — er ist schon lange 
nicht mehr unter den Lebenden — hatte einen sehr 
schlechten Wechsel und hatte Anfangs des Semesters 
immer seine Last, sich der Tretvögel zu erwehren. 
Da wir Morgens unsern Kaffee in meiner Stube 
gemeinschaftlich einnahmen, so schloß D. immer 
Morgens seine Stubenthür nach dem Gang zu und 
kam mit der gestopften Pfeife zu mir herüber. 
Nach einiger Zeit hörten wir dann etwas leise 
Schritte, die sich von denen des Geldbriefträgers 
deutlich unterschieden, die Treppe hinauskommen. 
Gleich darauf wurde bei D. leise angeklopft, und 
dieses Klopsen wiederholte sich, an Stärke zu 
nehmend, noch einige Male; dann wurde leicht die 
Thüre aufgeklinkt und nachdem sie sich als ver 
schlossen erwiesen hatte, wurde nach etwas Warten 
leise an meine Thüre geklopft. Dann stand D. 
aus, ging hinüber in sein Zimmer und machte die 
Verbiudungsthür hinter sich zu. Nachdem ich nun 
„Herein" gerufen, entstand folgende sich regelmäßig 
wiederholende Unterhaltung: „Gute Morje, Herr Z., 
nehme ses nit vor iewel, wohnt hier nit der Herr- 
Studiosus D.?" „Ja, der wohnt drüben." „Ei ja, 
da ist die Thür zugeschlossen." „Ja, dann muß 
er wohl schon im Kolleg sein." Hieraus zog der 
Tretvogel ab, D. kam wieder herüber und wir 
nahmen den Faden der Unterhaltung da Wieder 
aus, wo er durch das Klopsen an meiner Thür 
unterbrochen war, bis sich die Sache wiederholte. 
Eines Morgens nun wurde ich dadurch wach, 
daß bei D. laut gesprochen wurde. Neugierig 
springe ich aus dem Bett und sehe von meiner 
Stube durch die Berbindungsthüre, daß der alte H. 
in D.'s Schlafstubenthür steht und fortwährend 
mit einer Verbeugung und immer lauter wieder 
holt: „Gute Morje, Herr D. Gute Morje, Herr D." 
Dazwischen hörte ich nur furchtbar schnarchen, was 
um so ausfälliger war, als D. sonst einen leisen 
Schlaf hatte. Mit einem Male machte der alte H. 
Anstalten, sich rückwärts zu konzentriren, was ich, 
damit er mich nicht merken soll, mit einem großen 
Satz in meine Kammer auch besorge. Der alte H. 
geht dann mit seinem bekannten schlürfenden Tritt 
durch D/s Stube, und ich höre auch, wie er die 
Stubenthür auf- und zugemacht hat. Sofort springe 
ich wieder vor, aber D. aus seiner Kammer auch, 
und zwischen uns Beiden steht der alte H., der 
blos die Thür aus- und zugemacht hatte, aber im 
Zimmer geblieben war und offenbar seine Freude 
daran hatte, daß wir Beide, wie ans Kommando, 
im Hemd erschienen waren. Er sagte aber doch 
weiter nichts wie: „Gute Morje, Herr D.", woraus 
ihn D. sehr erstaunt fragte: „Wer sind Sie denn 
und wie kommen Sie bei nachtschlafender Zeit in 
mein Zimmer?" (es war natürlich helllichter Tag).
	        

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