Full text: Hessenland (14.1900)

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einrücken, eroberte dieses größtentheils und besetzte 
die Hauptstadt München. Kaiser Karl mußte 
fliehen. 
Maria Theresia wies alle seine Friedensanträge 
ihrerseits zurück, und ihre Ansprüche steigerten sich 
noch, als die „pragmatische Armee" unter dem 
Oberbefehle des Königs Georg II. von England 
gegen die am oberen Main stehenden Franzosen 
sich in Bewegung setzte. Diese Armee, welche seit 
her in den österreichischen Niederlanden gestanden 
hatte, war über den Rhein gegangen und nach 
Frankfurt gezogen, um von da mainauswärts 
Aschaffenburg zu gewinnen, in dessen Umgebung 
jenseits des Mainflusses das erwähnte französische 
Heer unter dem Oberbefehle des Herzogs von 
Noailles stand. 
Ueber diesen Zug der „pragmatischen Armee" 
nach Aschaffenburg, die sich daran anschließende 
Schlacht bei Dettingen und die schlimmen 
Folgen ihres mehr als 'lO Wochen dauernden Auf 
enthaltes in der Hanauer Gegend berichtet unser 
Gewährsmann im Kesselstädter Gemeinde-Protokoll. 
Wir lassen hier den Bericht mit seinen eigenen 
Worten folgen: 
„1743 d. 13. meh sind die Cur-Lüneburgischen 
und Hannöverschen drüben in den „lachen" zu 
Dürnigheim eingezogen und haben allda im 
Feld gestanden bis den 3ten Jnny und haben 
(alsdann) ihren marsch under Frankfurt nacher 
Höchst genommen. Da haben sie eine Zeit 
gestanden; von dar (sind sie) wiederum aus 
gebrochen und (ist) die gantze armee, als Englische, 
Hannöversche, Oestreicher nach Aschaffenburg 
marschirt und bey acht Tage allda disseits des 
Meynflus gestanden. Die französische Armee (hat) 
jenseits (des Maines) bis Seligenstatt gestanden." 
König Georg II., der die alliirte Armee persönlich 
befehligte, hatte sein Hauptquartier iu Aschaffen 
burg genommen. Er ließ die Mainbrücke und 
die nächste Umgebung der Stadt befestigen, während 
die Franzosen im heutigen „Schönebusch"*) 
ihre Vertheidigungswerke errichteten und durch 
Streiscorps, die sie bei Seligenstadt über den 
Main setzten, die Engländer im Rücken bedrohten. 
Infolgedessen mußten letztere Aschaffenburg auf 
geben, welches dann sofort von den Franzosen be 
setzt wurde. Dazu berichtet unser Gewährsmann 
weiter: 
„den 27. Juny brach die gantze Englische 
armee aus, ihren marsch nacher Hanau zu nehmen. 
Und wie diselbe nacher Dettingen sind kommen, 
so sind sie von den Franzosen angegriffen worden 
*) Jetzt ein weithin bekannter Ausflugsort der Aschaffen- 
burgcr, der auch von außerhalb viel besucht wird. 
und haben eine Bataille gehalten und eine große 
Schlacht, welche um halb 10 Uhr stark kanonirte, 
daß das Feuer 2 Stunden dauerte, biß sich die 
alliirte armee in stant setzte, das gegenfeuer zu 
halten und hat dise Schlacht gedauert biß nach 
mittag uhm 4 uhr. Von den Englischen ist der 
wahlblatz erhalten. Von den Franzosen wird ge 
rechnet 4000 Mann, von den Englischen 1500 
Mann, sind also die Franzosen in die Flucht ge 
schlagen." 
Die Niederlage der Franzosen hatte der Herzog von 
Grammont, ein Neffe des Höchstkommandirenden, 
verschuldet, der gegen den erhaltenen Befehl in 
hastigem Ungestüm zil früh angegriffen hatte, 
wie sie spottend sagten, weil er sich den Marschall 
stab habe verdienen wollen. 
„den 28. Juny", berichtet das Gemeinde- 
Protokoll weiter, „brach die gantze alliirte armee 
auf und hirher, und haben von Kesselstadt biß 
unter Dürnigheim ein Lager allhir aufgeschlagen 
und haben gestanden in disem Lager biß den 
10. August 1743. Von da sind sie ausgebrochen 
nacher Meintz zu marschireu." 
Die Gemeinden Kesselstadt und Dürnigheim 
hatten durch das „eampement der alliirten Armee" 
ungeheueren Schaden in ihren Gemarknngen er 
litten. Unser Gemeindebuch berichtet darüber: 
„In den Feltern hat das Kesselstädter unterfeld 
gerst gehabt und ist die solcher Gestalt verrungenirt, 
daß man kein Kern sommerfrüchte bekomme. Die 
gemeine waltung ist solcher gestalt rungenirt, daß 
diselbe nicht wieder in stand zu kommen sey. 
Die Früchte im brachfelt alß Kardofsel, Bohne, 
welschkorn, aepfel, kraud, rübe, die Füderung alß 
Heu und Krümmet ist alles verrungenirt, daß 
nichts übrig geblieben." 
„Das Dürnigheimer oberfelt hat Korn gehabt 
und sind ihre drey Fetter von der armee belagert 
gewesen." 
Noch an demselben Tage, den 10. August, an 
dem die Pragmatische Armee nach Mainz hin abzog, 
wurde von höchster Stelle in Hanau Spezialbesehl 
ertheilt, eine Taxation der Flurschäden vorzu 
nehmen, die dem Kesselstädter Feld durch das 
„Campement" zugefügt worden waren. Zu 
Taratoren wurden bestimmt der notariu« pulilchrm 
in Hanau Johannes Jacobus Schehl, wie 
er unterschreibt, juratus in fidem praemissorum 
rogatus et requisitus, sowie Johann Phi 
lippus Böckel, Centgräf zu Gronau, und 
Johann N i c o l a u s Müller, Centgräf zu 
Bockenheim. Ihre am 14. Oktober eingereichte 
. Taxation, welche große Sorgfalt und Genauigkeit 
bei allen Schätzungen erkennen läßt, liegt noch 
| in den Gemeindeakten zu Kesselstadt und zeigt
	        

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