Full text: Hessenland (14.1900)

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war 6 329, darunter 1312 wehrhafte Männer. Die 
Soldaten sind allerdings hier nicht eingerechnet. 
Wenn man allerdings von unserem gegen 
wärtigen Standpunkte aus dem Landgrafen Moritz 
als Politiker kein günstiges Zeugniß aus 
zustellen im Stande ist, so treten doch seine 
militärischen Eigenschaften gerade in jenen 
kritischen Tagen um so glänzender hervor. Aus > 
Entsatz und Hilfe war für Kassel nicht mehr 
zu hoffen. Umsonst hatte Moritz kurz nach dem 
Mündencr Blutbade dringend den König von 
Dänemark und den Herzog Christian von Braun 
schweig um Unterstützung gebeten. Diese Hilfe 
blieb aber aus. 
Moritz war jetzt nur aus sich, auf seinen Muth 
und seine Standhaftigkeit angewiesen. Wie aber 
die uralte Eiche eines hessischen Waldes, des 
Schmuckes der Zweige zum Theil beraubt, dennoch 
dem Unwetter Trotz bietet, so bot der von den 
Freunden verlassene, von allen Hoffnungen herab 
gestürzte Landgraf den Stürmen des Krieges 
und der Belagerung Trotz. Und wo der Unter 
gang der Stadt vor aller Augen stand, Kassel 
dem Schicksale Mündens mit Riesenschritten ent 
gegeneilte, und wo alle Aussicht auf Hilfe und 
Rettung geschwunden schien, verzagte Moritz nicht. 
Sein reicher Geist hielt das Banner der Hoffnung 
in den trübsten Stunden noch hoch; das Feuer 
seiner Rede, seine ungebeugte Haltung flößte 
den durch Hunger und Wachtdienst geschwächten 
Soldaten und Bürgern neuen Muth ein. Seiner 
Tapferkeit und Kaltblütigkeit in der Stunde der 
Gefahr kann man die höchste Anerkennung nicht 
versagen. 
Vor allem verdient auch das organisatorische 
Talent des Landgrafen aus militärischem Ge 
biete in die richtige Beleuchtung gesetzt zu werden. 
Durch die Schöpfung einer kriegstüchtigen Land 
wehr hat er dem hessischen Kriegswesen eine hohe 
Bedeutung gegeben und ihm einen nationalen 
Stempel aufgedrückt, der unser Kriegsheer so 
Vortheilhaft von allen anderen unterschied. 
Die Stadt Kassel stellte zur Vertheidigung 
und Wache vier Kompagnien Ausschuß und zwar j 
jedes Quartier eine Kompagnie. Die Stamm 
rolle einer solchen Kompagnie lasse ich nach 
stehend folgen. 
Stammrolle des Fähnleins der Oberbürgerschaft 
Kassel am 30. Mai 1626. 
Jakob Grimm, Kapitän; Kurt Zülch, Leutnant; 
Asmus Burkind. Fendrich; Paul Eckhardt, Feldwebel; 
Hans Ziegler, Fourier; Klaus Fuhrhans, Gefreiter- 
Korporal; Hans Schröder. Balthasar Brill und Peter Kister, 
Korporale; Paul Hertellund Andreas Rosseloff. Ambassate *); 
*) Offiziersaspiranten. 
Heinrich Stubenrauch. Musterschreiber; George Mohl, 
Capitaine des Armes *); Michael Hase, Heinrich Klaus 
und Alexander Vogeleh. Feldschcerer; Hans Hirsch und 
Michael Hellwig, Trommelschläger. Die I. Korporalschaft 
Hans Schröder bestand aus 4 Rotten Musketiere und 
1 Rotte Pickeniere (15 Pickeniere, 46 Musketiere); die 
II. Korporalschaft aus 40 Musketieren, 14 Pickeniercn; die 
III. Korporalschaft Peter Kister war ebenso stark. Von diesem 
Fähnlein zur Wacht erschienen 190. Außerdem gehörten 
zur oberen Bürgerschaft nachfolgende bestallte Büchsen 
meister , die aber bei der Artillerie befindlich waren: 
1. Hans Kayser, 2. Klaus Ebert, 3. Konrad Schultheis. 
In der Neuftädter Kompagnie war Hans 
Pfalzgraf Kapitän, der schon am 26. Oktober 
desselben Jahres, 60 Jahre alt, starb, Leonhard 
Kraft Leutnant. In der Kompagnie der unteren 
Bürgerschaft war Antonius Burger Kapitän, 
Heinrich Ellenberger und August von Frvmberg 
Leutnants; letztere beiden hatten unter Oberst 
von Uffeln im Felde gestanden. 
Außer den vier Landwehrkvmpagnien bestand 
noch die Kasseler Garnison aus den in Kompagnien 
eingetheilten geworbenen Soldaten, unter welchen 
allerdings viele Kasseler Bürgersöhne waren. 
Regimenter gab es damals noch nicht, sondern 
nur Kompagnien. Ausweislich der Musterrollen 
lagen in Kassel Reiter und Fußsoldaten. Bon 
der Reiterei erwähne ich zuerst die Leibgarde zu 
Pferd als die Stammväter unserer Garde du Corps. 
Diese führte der Rittmeister Wilhelm von Capella 
und sie bestand aus einem Korporal, 3 Trom 
petern und 30 Reitern. Es wird uns darnach 
die Kompagnie des Rittmeisters von Gilsa ge 
nannt, der selbst 6 Pferde besaß, während sein 
Leutnant George Glöckner und sein Körnet 
Philipp von Gilsa jeder 4 Pferde besaßen, einzelne 
seiner Reiter aber auch 2 bis 3 Pferde. Auch 
die Kompagnie des Kapitäns von Stockhausen 
besaß ziemlich viele Pferde, alle in Bürgerquartieren 
untergebracht. Im Ganzen mußte ausweislich 
einer genauen Zählung für 500 Pferde in dem 
belagerten Kassel Fourage beschafft werden. Diese 
wurde natürlich sehr bald äußerst knapp, und es 
liegt ein Schreiben sämmtlicher berittenen Leutnants 
vom 10. Juli 1626 an den Landgrafen vor, 
in dem es heißt: 
„Euerer Fürstlichen Gnaden können wir nicht verhehlen, 
daß seit vier Wochen unsere Pferde kein einziges Korn 
Hafer bekommen haben, obgleich wir doch Zug und Wacht, 
wozu uns unsere Obersten und Rittmeister kommandirt 
baden, stets gebilligt haben. Wir bitten nun Euere 
Fürstliche Gnaden gnädigste Ordonnanz zu ertheilen, 
damit wir besseren Unterhalt für unsere Pferde bekommen, 
sintemal die Bürgerschaft uns selbst mit Essen und Trinken 
)v schlecht versorgt, daß wir es nicht länger aushalten können. 
Ew. Fürstl. Gnaden sämmtliche Leutnants." 
*) Interessant ist. daß die gleiche Charge als Capitaine 
d’armes im preußischen Heere der Gegenwart sich noch findet. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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