Full text: Hessenland (14.1900)

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Melsunger Familiennamen bis 1626?) 
D er Schein trügt, der Name lügt, sagt das 
Sprichwort. Und doch bleibt uns armen, 
fehlbaren Staubschluckern häufig weiter nichts 
übrig, als nach dem Scheine zu urtheilen; denn 
unsere Augen sind zu kurzsichtig, um hinter dem 
Scheine Wirklichkeit und Wesen zu erkennen. 
Nicht selten aber wird die Beurtheilung des 
Scheines das Wesen zugleich treffen, da jener 
nur ein Ausfluß des Wesens ist, da beide 
unserem Begriffsvermögen untrennbar erscheinen, 
wie Gold und Glanz oder Sonne und Licht. 
*) Quellen und Werke die hauptsächlich benutzt sind: 
Melsunger Urkunden im Staatsarchiv zu Marburg. 
Melsunger Stadtbuch von 1598 ab, ebendaselbst. 
Milsunger Saalbuch decopiirt 1737 und errichtet 1575. 
Melsunger Bürgerliste von 1626 im Rathhausezu Melsungen. 
Landau's handschriftlicher Nachlass in der Kasseler Landes 
bibliothek. 
Ad. Stölzel, Hessische Studierende der Jahre 1368 bis 
1600. (Zeitschr. des Ver. f. Hess. Gesch. N. F. V. Suppl. 
Kassel 1875.) 
Lennep, Leihe zu Landsiedelrecht. Cocl. probat. 
Förste m an n, Altdeutsches Namenbuch. I. Bd. Prs.-N. 
Nordh. 1856. 
Pott, Personennamen, insbes. Familiennamen. Leipzig 
1853. Register dazu, Leipzig 1859. 
Hoffmann von Fallersleben, Kasseler Namen 
büchlein. Kassel 1863. 
Aug. Fick, Göttinger Familiennamen. Progr. des 
Göttinger Gymnasiums. 1875. 
Alb. Heintze, Deutsche Familiennamen. Halle 1882. 
K. Gust. An diesen, Konkurrenzen in der Erklärung 
der deutschen Geschlechtsnamen. Heilbronn 1883. 
Vilmar, Deutsches Namenbüchlein. 6. Ausl. Mar 
burg 1898. 
Vilmar, Hessisches Idiotikon. Marburg u. Leipzig 1883. 
Schade, Altdeutsches Wörterbuch. Halle 1872—82. 
E u g. H u h n, Topograph. - statist. - histor. Lexikon von 
Deutschland. Hildburghausen 1848—49. 
Landau, Beschreibung des Hessengaus. Kassel 1857. 
Arnold, Ansiedlungen und Wanderungen deutscher 
Stämme. Marburg 1875. 
Jellinghaus, Westfälische Ortsnamen. Kiel und 
Leipzig 1896. 
Fr. W. Harseim. Regiminal- und Justiz-Verfassung 
des Königreichs Hannover. Hannover 1852. 
Die in runde Klammern gesetzten Zahlen bezeichnen die 
Zeit, in der die betreffenden Namen in Melsunger Schrift 
stücken erwähnt sind. Die Namen und Zahlen in den 
Anmerkungen stellen die ursprünglichen Namensformen und 
das Jahrhundert ihrer Erwähnung dar. Sie find meist 
aus Förstemann, selten aus Dronke's Traditiones 
Fuldenses und anderen Quellen entnommen. 
Nachdruck verboten. 
Auch der Name lügt nicht immer, in vielen 
Fällen sagt er uns die reine Wahrheit, wenn wir 
sie nur zu finden wissen. So steht es besonders 
mit den Familiennamen, in denen man gewöhnlich 
nur starre Willkür oder Zufälligkeit vermuthet. 
Sie erzählen uns ganze Geschichten von der Her 
kunft und ursprünglichen Heimath der Bürger, 
von ihrem eigenen Gewerbe oder dem ihrer Vor 
fahren, ja selbst von persönlichen Eigenthümlich 
keiten und von Charakterzügen des gesammten 
Volkes. Daher gewinnt man durch Betrachtung 
der Geschlechtsnamen ein lebendiges Bild von der 
Menschheit der Vorzeit. 
1. Vornamen. 
Uralt ist die Sitte, den Sohn nach dem Vater 
zu benennen. Anfangs liebte man es beim Namen 
des Kindes wenigstens den ersten Theil vom Vater- 
namen zu wiederholen oder ihn durch die Endung 
ing als Abkömmling zu bezeichnen. Später jedoch 
gebrauchte man für die Nachkommen einfach den 
Vornamen des Vaters. So entstanden die ersten 
Familiennamen. Ihre Wurzeln liegen in grauer 
Vorzeit. Ueber ein Jahrtausend und mehr müssen 
wir zurückschreiten, da steigen die Urahnen der 
Melsunger Bürger aus der dunkelen Vergangenheit 
empor: blondhaarige Chatten ernsten Blickes und 
unzertrennlich von ihrer Waffe. Ein großes 
Kriegervolk waren sie mit allen Germanen der 
Urzeit, darum benannten sie auch mit Vorliebe 
ihre Kinder nach Kampf und Streit und nach 
kriegerischen Werkzeugen und Tugenden. Bis tief 
in die Reihen der waffenlosen Leibeigenen drang 
allmählich diese Gewohnheit, daher ist aus solchen 
altdeutschen Vornamen eine schier unübersehbare 
Zahl späterer Familiennamen hervorgegangen. 
Anfangs dehnen sie sich in behaglicher Breite aus, 
dann aber werden sie durch den täglichen Gebrauch 
abgeschliffen und zugestutzt, so daß sie sich für den 
kurzen Ruf wohl eignen. Liebe und Freundschaft 
erfinden überdies zärtliche Koseformen. — Und 
nun hinein in die Menge altdeutscher Namen, 
die aus Melsungens Vergangenheit überliefert sind. 
Nicht blos in friedlicher Nathsversammlung, 
sondern auch in der Schlacht hatte der Adel den
	        

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