Full text: Hessenland (14.1900)

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Schwäche ist. Ohne Individualismus keine Freiheit, 
keine Entfaltung, überhaupt keine Persönlichkeit; keine 
Entwicklung, kein Fortschritt, kein Flug in die Höhe. 
In seiner mächtigen Persönlichkeit hat Fr. Nietzsche 
das Recht, die Bedeutung des Individualismus 
empfunden.. Mit seiner künstlerischen Sehnsucht, 
seiner künstlerischen Phantasie, dem ganzen hohen 
Flug seines Geistes hat er hier ein Ideal geschaut, 
so schon, wie nur er es schauen konnte. Nicht 
minder aber hat er auch mit seiner, durch die 
geistige Arbeit, das geistige Leben (sagen wir das 
Stück Kulturarbeit, das sich in ihm vollzogen) ge 
steigerten Sensibilität, wie Erschöpfung der Nerven- 
und Geisteskraft, und dem, zum Theil damit zu 
sammenhängenden, unwiderstehlichen Verlangen nach 
ungetrübtem Genuß (hier im höheren Sinn Schönheit 
und Freude) auch die ganze Ohnmacht des 
Individualismus gegenüber seinem Schicksal — 
seinem Ideale empfunden. In der Verzweiflung 
darüber und entzückt, geblendet durch die Fülle 
der Gesichte, hat er sich dann einen Uebermenschen 
geträumt, bis der Traum zum Wahn geworden 
ist, hinter dem von allem, was den Menschen 
bindet, losgelösten Uebermensch die blonde Bestie 
erschien; das Recht des Starken, Edlen, Schönen, 
des geborenen Aristokraten umschlug in die brutale 
Macht, und die sittlichen Werthe tausendjähriger 
Kulturen einer Umwerthung unterlagen. 
Merkwürdig, wie zuweilen die Tinge den 
Träumen und den Theorien mitspielen! Das 
Schicksal des unglücklichen Dichter- und Künstler 
philosophen ist in gewisser Weise für seine letzten 
Schlüsse charakteristisch geworden, und gerade diese 
haben vieles zum Ausdruck gebracht von dem, was 
unsere Zeit an krankhaften Zuständen und zer 
setzenden Elementen in sich begreift: eben eine 
durch die Anstrengungen der Kultur, die ge 
steigerten Leistungen überreizte Sensibilität und 
Erschöpfung der Nerven und geistigen (moralischen) 
Kraft, erzeugt von dem widerstandslosen Ver 
langen nach Genuß, einem rücksichtslosen Egoismus, 
gleichviel ob derselbe unter der hochtönenden Phrase 
von der Nothwendigkeit im Kampfe um das 
Dasein, dem Recht der Individualität oder auch 
nur als ganz gemeine schlaue Klugheit oder bestialische 
Brutalität sein Wesen treibt. Und ich fürchte, 
ja mir scheint, nicht nur was an wirklich Großem 
und Schönem in Geist und Wahrheit in den Werken 
Fr. Nietzsche's lebt, sondern vielmehr das. was sich 
an kranken, zersetzenden Elementen darin findet, hat 
ihn zum Modephilosophen gemacht. Das ist nun 
nicht seine Schuld. Ich bin überzeugt, wenn er 
könnte, er würde manches dabei abstellen, sich für 
manche Auslegung seiner Ideen, für manch' eine 
Gemeinschaft bedanken. 
Es ist eben ein Naturgesetz, daß sich Anlagen 
und Ideen erst einmal einseitig zu einer schnell 
erreichten Höhe entwickeln, um sich dann sich selbst 
überschlagend, so zu sagen auch in negativer Weise 
zu ihrer eigenen Grenze und Bedeutung in der 
Gesammtheit zurück zu finden. 
Fr. Nietzsche hat sein Theil hier gelöst, wie es 
ihm gegeben war. Wir aber haben ihm nur 
dankbar zu sein, daß er uns die Bedeutung, das 
Recht, die Schönheit der Individualität zum Be 
wußtsein gebracht hat; nicht minder auch, daß er, 
einem höheren Gesetz gehorchend, ob auch aus 
negativem Weg, für jeden der sehen will und 
sehen kann, jener die Grenze gesteckt hat, indem sich 
sein Ideal des Uebermenschen selbst zersetzt, und 
der Individualismus als Princip für eine menschliche 
Gesammtentwicklnng als unmöglich erwiesen hat. 
Die meisten aber wollen nur sehen, was ihnen « 
paßt, so kommt es, daß das zersetzende Element 
der obigen Philosophie nur noch zersetzender wirkt. 
Daß dem so ist, das liegt eben in den Schäden 
unserer Zeit, einer Kultur, die ohne Individualismus, 
ja ohne Egoismus nicht ihre eigene Reise und 
Höhe hätte erreichen können; der aber auch gerade 
in dem, was sie ans diese Höhe gebracht, die Gefahr 
der Selbstaufhebung drohte 
Und nun, von der mit aller modernen Eleganz 
erbauten Villa und ihrem kranken Alaun wanderten 
meine Gedanken zu dem kleinen Haus am Waldes 
saum briinten im Thal, zu all' den Erinnerungen 
einer großen und gesunden geistigen Aera, zuletzt 
auch zu den Erinnerungen des Tages, dem Verein 
„Frauenbildung-Franenstudium" und weiter. 
Das Maß der Dinge, das sittliche Ideal, welches 
den Uebermenschen des vergangenen Jahrhunderts 
zu dem harmonischen, dem schön guten Menschen 
gewandelt, das Ideal der Tugend jener Zeit auf 
gestellt; die Moral, die Religion, welche im all 
gemeinen die verfeinerten Verlangen, wie die ge 
meine Brutalität der menschlichen Psyche zügeln, 
sind im großen ganzen unserer Zeit abhanden ge 
kommen —, über alles hinaus hebt der Egoismus 
bedrohlich sein Haupt —, hier vor allem gilt es 
ändernd einzusetzen. 
Einer Zeit jedoch, die unter dem Princip 
der natürlichen Entwicklung, des immer neuen 
Werdens steht, läßt sich nicht länger durch ein 
für ewige Dauer bestimmtes Gebot, auch keine 
angeborenen Ideen beikommen. Dem Menschen, 
der nur noch sich selbst kennt, den eigenen Intellekt 
und seine Erfahrung, das eigene Ich und sein 
Verlangen: dem die Fülle der Gesichte und Be 
gierden den Sinn verwirrt, daß er den klaren 
Einblick, das natürliche Empfinden für die Ge 
meinsamkeit und Solidarität der Dinge verloren
	        

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