Full text: Hessenland (14.1900)

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hessischen Herrn am Salzthore und ritt mit ihnen 
nach Sandershausen, wo sie von den beiden 
kaiserlichen Offizieren Severin und Villehe am 
Eingänge des Dorfes an der Niestebrücke in Em 
pfang genommen wurden. Mit ihnen waren 
50 Kürassiere aufgeritten, die ebenfalls Tilly zu 
ehrendem Geleite gesendet hatte. Auf dem Ritte 
nach Münden sah diese Reiterschaar jetzt Land 
wehrhagen und Lutterberg iu rauchende und noch 
brennende Trümmer gelegt, von Menschen ver 
lassen, den Himmel weithin geröthet durch mächtige 
Feuersäulen, die aus den entfernter liegenden 
Höfen und Dörfern lodernd emporschlugen. In 
den Chausseegräben und aus der Straße lagen 
zahllose unbekleidete und unbegrabeue Leichname, 
während Reiterpatrouillen und Reiterjungen quer 
feldein jagten, um zu Plündern, und während 
seitab der Straße kleinere Soldatentrupps an 
mächtigen Feuern sich erbeutete Ochsen und 
Schweine zum Mahle zubereiteten. 
In Münden wurden die hessischen Herrn zu 
nächst auf das Rathhaus geführt, wo die zu ihrer 
Aufwartung bestimmten Tilly'schen Offiziere sie 
freundlichst auf der Treppe des Rathhauses be 
grüßten und, der Sitte der Zeit gemäß, die 
Gesundheit des Landgrafen Moritz und seines 
Sohnes Wilhelm in mächtigen, mit Wein ge 
füllten Humpen ausbrachten. Nachdem die Ab 
gesandten Bescheid gegeben und gedankt, wurden 
sie zum Schlosse, dem Hauptquartier Tilly's, ge 
führt, um hier mit diesem eine längere Unter 
redung zu führen, welcher außer Tilly nur noch 
der General Graf von Fürstenberg und der 
Generalkommissar Ruppe beiwohnte. 
Als die Gesandten der Bedräugniß Kassels, 
in dessen Umgebung jetzt kein Mensch.mehr sicher 
seines Lebens sei, gedachten, erwiderte Tilly, daß 
der Landgraf Moritz selbst an dem Unglücke 
schuld sei. Wenn derselbe nicht den Herzog 
Christian von Braunschweig in sein Land gerufen 
hätte, würde er selbst nicht in Münden stehen. 
An dem, was seine Soldaten in der Umgebung 
von Kassel verübt hätten, habe er selbst keinen 
Gefallen. General von Fürstenberg, der mit 
Tilly häufig in einer fremden Sprache, wahr 
scheinlich italienisch, redete, glaubte die Tilly'sche 
Soldateska iu Schutz nehmen zu müssen und 
sagte: Man sei selbst in Kassel an allem schuld; 
denn als er mit Tilly auf dem Marsche nach 
Grebenstein still an Kassel vorbeigezogen sei, 
habe man auf seine Soldaten von den Wällen 
mit Kanonen geschossen, worauf Tilly selbst da 
mals zu ihm gesagt habe: „Siehe da, unsere 
Freunde!" Im Uebrigen besitze der Landgraf an 
Dr. Günther einen trefflichen Büchsenmeister, 
welcher Aeußerung Tilly lächelnd beistimmte. 
Tilly fuhr dann in seiner Unterredung fort: 
Die Hauptsache sei, daß der Landgraf seinen 
Ständen und der Ritterschaft folge, nicht aber 
dem übelgesinnten Dr. Günther. Bis jetzt habe 
ihm der Landgraf noch nicht das Geringste 
zu Gute gethan, bei welcher Aeußerung Tilly 
mit dem Daumen an die Zähne fuhr. Den 
Feinden des Kaisers dagegen habe er alles zu 
Gefallen gethan, ja sogar dem Herzog Christian 
erlaubt, Kasseler Bürgersöhne für fein Heer zu 
werben. Zinn Glücke sei aber auf seiner Seite 
die Uebermacht; so lange die Unruhen im Reiche 
dauerten, müsse der Kaiser „Paß und Repaß" 
im Reiche, somit auch in Hessen haben. 
Von dieser Unterredung mit' dem feindlichen 
General wenig befriedigt, kehrten die Gesandten, 
von kaiserlichen Offizieren ebenfalls wieder ehren 
voll geleitet, nach Kassel zurück, dem Landgrafen 
Moritz Bericht zu erstatteu. Tilly aber beschloß 
kurzer Haud, über den Kopf des Landgrafen 
hinweg Ritterschaft und Stände nach Gudens- 
berg zu berufen, und ließ hier durch seine Bevoll 
mächtigten einfach den Antrag stellen, den Land 
grafen Moritz abzusetzen und seinem Sohne, dem 
Landgrafen Wilhelm, die Regierung Hessen-Kassels 
zu übertragen. 
Noch während diese Verhandlungen sich in dem 
nahen Gudensberg abspielten, brach Tilly von 
Münden aus und führte sein Heer über Lutter 
berg iinb Landwehrhagen vor die Festung Kassel. 
Dieses Heer bestand noch immer aus 15 000 Sol 
daten, völlig ausreichend, die ohnedies nicht wohl 
habende Gegend um Kassel völlig auszusaugen. 
Zu diesem Heere aber gehörte leider, der Sitte 
der Zeit gemäß, ein noch einmal so starker Troß 
von fahrenden Weibern, Kindern, Troßbuben und 
Reiterjungen, die zu ihrer Erhaltung ebenfalls 
nur auf Requisitionen und Marodiren angewiesen 
waren. Alle diese Menschenmassen, nur durch 
den eisernen Befehl des strengen und gefürchteten 
Tilly mühsam in Zucht und Ordnung gehalten, 
zogen jetzt vor Kassel und drohten, wie eine 
Rotte gieriger Wölfe aus friedliche Lämmer sich 
stürzt, sich aus Kassel zu werfen und diesem das 
traurige Geschick Mündens zu bereiten. 
In dem stillen Wiesengrunde, den die klaren 
Wellen der Nieste in springendem Laufe durch 
eilen, zwischen den beiden Dörfern Heiligenrode 
und Sandershaufen, hatte Tilly sein Lager auf 
geschlagen. Einen besseren und günstigeren Lager 
platz konnte Tilly allerdings in unserer nächsten 
Nähe nicht finden. Die mitten durch das Lager 
hiudurchfließenden, krystallhellen Fluthen unserer 
Nieste boten gutes Trinkwasser, die grünen Wiesen
	        

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