Full text: Hessenland (14.1900)

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Tapferkeit, aber auch von dem Unglücke ihrer 
einstigen Bewohner Kunde zu geben. Die Ueber- 
gäbe dieses sehr wichtigen Weserpasses, den 800 
dänische Soldaten besetzt hielten, lag dem General 
Tilly zunächst mehr am Herzen als die der 
Festung Kassel. 
Diese Stadt wurde von seinen Schaaren er 
stürmt, ihre Häuser gingen größtentheils in 
Flammen auf und ein furchtbares Blutbad wurde 
angerichtet. 2260 Leichen wurden später ans 
dem Marktplatz in Haufen zusammengelegt, auf 
Wagen geladen und dann von der Werrabrücke 
herab in den Strom geworfen, der sich weithin 
mit dem Blute der Ermordeten färbte. 
Daß die Zahl der Opfer dieses in der Ge 
schichte Mündens so tief schmerzlichen Tages eine 
so große war, lag darin, daß die Landlente der 
umliegenden Dörfer sich vor den Tilly'schen 
Schaaren massenweise nach Münden geflüchtet 
hatten, in dem Glauben, hier vor dem mordenden 
Feinde am meisten gesichert zu seiu. 
Der Eindruck des sofort nach Kassel gemeldeten 
Blutbades zu Münden war ein ganz gewaltiger, 
und man kann sich denken, wie groß die Be 
stürzung und der Schrecken unser Kasseler war, 
als auf einmal vor dem in die Unterneustadt 
führenden Salzthore, wie angeschossene und von 
der blutlechzenden Melite verfolgte Rehe, erschöpft, 
blutend und athemlos immer mehr und mehr 
Opfer der Mündener Katastrophe anlangten, um 
hier Schutz und Rettung vor der ihnen nachsetzen 
den Tilly'schen Reiterei zu suchen. Man öffnete 
rasch die Thore, um aus dem Munde zahlloser 
Flüchtlinge die Kunde voll den erlebten Greueln 
und Schreckensthaten zu hören. Da war es 
Georg Arnold von Sichelnstein, Georg Scheide 
mann und der Schmied Dümer von Nienhagen, 
die, aus vielen Wunden blutend, vor den Thoren 
standen. Hans Fösel von Landwehrhagen, von 
den Bayrischen durch den Hals geschossen, der 
reiche Krämer Friedemann voll Münden mit Weib 
und Kindern jammerten um Allfnahme. Arnold 
Winkellnanu, Hans Schultz und seine Ehefrau 
von Laildwehrhagen, die 17 jährige Tochter des 
Engelhard Fischer voll Nienhagen, der Förster 
Richardus Krick aus dem Reinhardswalde, sie alle, 
zu Tode getroffen, sanken vor der Stadtmauer 
nieder. Mit ihnen trafen nach und nach noch 
Hunderte von ausgeplünderten, mißhandelten und 
schwerverletzten Laudleuten ein, die jetzt mit einem 
Schlage Haus, Hof, Nahrung und Familie verloren 
hatten und ohne Heimath und Hilfsmittel waren 
und ein gastliches Asyl suchten. Nur das nackte 
Leben, und selbst dieses nur unter Wunden und 
Schmerzen, hatte ihnen der schreckliche Krieg gelassen. 
Allen diesen Jammer, dieses Elend verkünden 
uns die Kirchenbücher der Altstädter und der 
Unterneustädter Gemeinde, in welchen treue Seel 
sorger schweren Herzens das Unglück jener Tage 
zur Kenntniß der Nachwelt gebracht haben. Un 
zähligen dieser Unglücklichen nahte bald der Tod 
als willkommener Erlöser ihres namenlosen 
Jammers, und ihren Namen, Alter und Stand, 
meistens auch die Art der Verwundung, haben 
die Geistlichen, soweit es anging, in die Sterbe 
listen ihrer Gemeinde eingetragen. Häufig findet 
man aber unter der Liste der Gestorbenen nur 
einen kurzen Eintrag, z. B. „Eine fremde Frau, 
so von den Tilly'schen erstochen" oder „Ein Kind, 
zugereist und von den Bayrischen geschossen", 
oder „Ein fremdes Kind (mit blutigen Wunden), 
so auf dem Friedhof todt umgefallen und hier 
sofort ohne Sarg begraben". Mitunter findet 
sich auch eine dürftige Notiz über das Herkommen, 
wie z. B. „Ein fremder Knabe, so des Zeug 
leutnants, welcher zu Witzenhausen erschossen wurde, 
ehelicher Sohn gewesen sein soll" u. s. w. 
Noch schlugen die Flammen lodernd aus den 
Häusern Mündens empor, noch lagerten plündernd 
und in wüsten Excessen die Tilly'schen Soldaten 
auf dem blutdurchtränkteu Bodeu der einst blühen 
den Handelsstadt, da gedachte schon Tilly der 
nahegelegenen Festung Kassel und des Landgrafen 
Moritz, der, durch den Fall von Münden tief 
erschüttert und gewarnt, wie Tilly annahm, auf 
jeden bewaffneten Widerstand verzichten würde. 
Aus seinem Hauptquartiere, welches er in den 
herrlichen, jetzt prächtig wiederhergestellten Räumen 
des alten Schlosses der Herzöge von Braunschweig 
und Lüneburg aufgeschlagen hatte, schickte er 
einen Trompeter nach Kassel mit einem bedroh 
lichen Schreiben, worin er die Aufnahme von 
3—4 Kompagnien kaiserlicher Truppen in der 
Festung Kassel, wie die Uebergabe von Ziegen- 
hain und anderen festen Plätzen verlangte. Am 
Salzthore der Unterneustadt stieg der Tilly'sche 
Trompeter vom Pferde und wurde dann mit 
verbundenen Augen über die Fuldabrücke nach 
dem alten Schlosse geführt, wo er dem Land 
grafen Moritz den Tilly'schen Brief persönlich 
überreichte. 
Der Landgraf war von dem Inhalte des 
Schreibens sichtlich betroffen, hielt es aber für 
das Beste, durch Abgesandte mit dem gefährlichen 
Gegner verhandeln zu lassen. Den schmierigen 
Auftrag, mit dem gegen den Landgrafen heftig 
erbitterten General in Verhandlungen zu treten, 
übernahmen der Vizekanzler Helfrich Deinhardt 
und der Oberstleutnant Franz von Dalwigk. 
Der Tilly'sche Trompeter erwartete die beiden
	        

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