Full text: Hessenland (14.1900)

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Unwillkürlich, da ich den Verhandlungen folgte, 
fiel es mir plötzlich ein, daß wir uns hier in dem 
schönen, lustigen, neuangebauten Gartensaal des 
„Erbprinzen", in nächster Nähe, vielleicht durch ein 
paar Wände nur getrennt, von den alten, ge 
dunkelten Zimmern befanden, in denen Goethe 
und Karl August, alle erlauchten oder erleuchteten 
Geister, die einst zu dieser Tafelrunde gehörten, 
manch' fröhlichen Abend mit genialer Laune und 
genialem Uebermuth, aber auch mit genialem Geistes 
sprühen gefeiert hatten. — Wieder standen sie 
vor meiner Seele, die lustigen, die genialen und 
auch die großen Tage des alten Weimar. Wieder 
auch unwillkürlich plötzlich kam mir der Gedanke, 
was unser Altmeister sagen würde, wenn er 
plötzlich hier unter uns träte. So schaute ich 
mich selber prüfend um. — — 
Es mochten an fünfzig Frauen in dem hohen 
lustigen Saal versammelt sein. Die meisten 
darunter gehörten den mittleren, den schaffungs 
tüchtigen Jahren des Weibes an; alle waren wohl 
über die erste Blüthe hinaus. Die wenigsten 
mochten, was man so nennt, schön gewesen sein; 
einige sahen aber noch, oder doch überhaupt gut 
aus. Aus allen Gesichtern, gleichviel, ob sie 
mehr oder weniger anmuthig von Mutter Natur 
ausgestattet erschienen, sprachen Intelligenz und 
Energie, die sich oft zu einer ungemein edlen 
Vergeistigung der Züge vereinigten, die mir mehr 
gilt als Jugend und äußerer Reiz. 1 
Und dennoch — ja, ich glaube es selbst, unser 
Altmeister, wie sein großer Dichterbruder — sie 
würden im ersten Augenblick staunend den Kopf 
geschüttelt und gelächelt haben über die, so da 
eben, weit ab von dem, was der eine für der 
„Frauen Krone" erklärt, was wohl auch der audere, 
vor allem, bei dem Weibe gesucht , — schneidig, 
energisch, ganz bei der Sache, zielbewußt eintraten 
für eine unabhängige, in sich selbst gefestigte, sich 
selbst genügende Existenz ihres Geschlechtes, sozu 
sagen einen neuen Typ desselben. 
Und wieder dennoch, wenn unsere Dichterfürsten 
in der That den Kops geschüttelt und gelächelt 
hätten, so würde das nur geschehen sein aus den 
ersten Blick, wie eben eine rein lächerliche Be 
urtheilung oder nur spöttische Mißachtung der 
heutigen Frauenbewegung auch nur aus einer 
oberflächlichen Kenntniß oder einer totalen Un- 
kenntniß aller Verhältnisse beruhen kann. Darum, 
deß bin ich gewiß, würden auch unsere Dichter 
fürsten, wenn sie mit dem Heute sähen, denen, die 
in jener arbeiten, sofern sie es nur mit dem 
reinen Geist der Sache thun, ihre Achtung nicht 
versagen. Denn, was jauch sie als des Weibes 
innerstes Wesen erfaßt, das gerade treibt die Frau 
in die Bewegung hinein. Der neue Typ, der sich 
hier zu entwickeln beginnt, bedeutet keine neue Art, 
sondern nur eine Modifikation, wie sie in unserer 
Zeit einem Bedürfniß des weiblichen Wesens ent 
spricht, dessen ganzer Essenz und Eutwickelungs- 
fähigkeit wohl keiner unserer Dichter so wahr und 
so schön gerecht geworden ist, als unser Altmeister, 
der große Kenner und Dichter der Frauen, selbst. 
Es ist merkwürdig, daß die meisten Menschen, 
wenn man hier Goethe nennt, stets nur oder in 
erster Linie an die Klärchen, Gretchen u. s. w. 
denken. Es ist noch merkwürdiger, wie man so 
lange das Gretchen als ein Ideal des Weibes, 
ein Ideal der deutschen Frau, des deutschen 
Mädchens verherrlicht und was man damit alles 
in das allerdings sehr reizende, doch ganz natürlich 
realistische, einfache Kind aus dem Volk hinein- 
geschwärmt hat. Und doch mit welch' entzückendem 
Reiz der Dichter diese Figur auszustatten liebte: 
wie das Ahnen dem Denken und Erkennen, das 
Sehnen und Meinen dem Wissen und Wollen, 
steht sie dem Geliebten gegenüber, ohne Ahnung, 
ohne Verständniß dessen, was sich in seiner Seele 
regt. Warum auch das Verhältniß des Faust 
zu Gretchen nur ein Stadium in seinem Ent 
wickelungsprozeß bedeutet. 
Ob Goethe hier bewußt vorgegangen, ob das 
Genie dem Dichter unbewußt die Wege gewiesen: 
trotz all' ihrer natürlichen Hingebung und Liebe 
wird Gretchen, unter dem Druck der Verhältnisse, 
zur Mutter- und Kindesmörderin, findet sie ihre 
sittliche Erlösung erst in der Aushebilng ihrer 
individuellen, hier natürlichen Beschränkung. 
Sehen wir uns im Anschluß daran, was ja im 
negativen Sinn auch seine Sprache redet, einmal 
Goethe's „Iphigenie" an. 
Die „Iphigenie" ist so bekannt, daß es gar 
keine Angabe der Einzelheiten des Werkes bedarf. 
Ich kann mich darum auch nur kilrz auf die hier 
hin gehörigen Züge beschränken. — „Ein unnütz / 
Leben ist ein früher Tod" — dies Wort hat 
mich in frühester Jugend, ein Kind noch, im 
Innersten sympathisch berührt und erfaßt; nicht 
minder entzückt das Verschmähen der Lüge, auch 
um den Preis des eigenen Lebens und was noch 
mehr bedeutet des Lebens derjenigen, die mail liebt, 
der Muth zur Wahrheit und die Treue hier. — 
Iphigenie ist Weib, ganz Weib. Sie fühlt sich 
elend in der Fremde, sehnt sich nach der Heimath, 
der Familie. Sie empfindet ihr Leben als unnütz, 
trotz dem Priesteramt, darinnen sie doch schon 
manch' Gutes geleistet, weil es dem Leben, dem 
Glück, wie es dem Weib zunächst liegt, nicht ent 
spricht. In ihrem scharfen Empfinden aber des 
Unnützen, gleich dem frühen Tod, ist bereits, gleich
	        

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