Full text: Hessenland (14.1900)

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wie er außerdem die Frauen nicht ernst zu nehmen 
pflegte, auch nicht viel von Ideen und Ideologen 
hielt, die Tragweite des geistigen Lebens, das 
damals in Weimar entstand, nicht geahnt oder 
begriffen. 
Gleich einem unverrückbaren Leuchtthurm geistiger 
Entwicklung erscheint uns das Weimar jener Tage 
inmitten der Stürme, die die damalige Welt und 
unser Vaterland dnrchtobten. Ein Sanktuarium 
ist es heute noch, darinnen man mit Liebe und 
Stolz der großen Todten gedenkt, und angesichts 
seiner Erinnerungen, die wie Reliquien wirken, 
sich ans sich selbst besinnt, inmitten des täglichen 
Kampfs um das Leben; sich kräftigt für ein Weiter 
schreiten in allem, was gerecht ist, gut und schön. 
Denn unaufhaltsam vorwärts treibt die Zeit; neue, 
andere Lebenserscheinungen lösen die alten, die 
bestehenden ab; nur iin Wechsel behauptet, bethätigt 
sich das Sein. 
Das kann man täglich bemerken. Man bemerkt 
es auch; aber man bemerkt es schärfer, man fühlt 
sich veranlaßt seine Gedanken darüber zu sichten, 
wenn einem dieser Wechsel in der Erscheinungen 
Flucht vor die Seele tritt da, wo die Erinnerungen 
vernehmlicher als gewöhnlich reden; wo, was 
einst war, in Pietät erhalten ist, mit Pietät 
gefeiert wird von jedem, der den geweihten Stätten 
naht. 
Dem alten Weimar hat sich beitii auch im Lauf 
der Zeit ein neues angeschlossen mit anmuthigen 
Billen in Gürten gelegen, an breiten Straßen, 
darinnen Bäume grünen und der Rothdorn blüht. 
Dank dem treu gewahrten Princip ihres Fürsten 
hauses und dem Sinn der Residenz, haben, wie 
bekannt, Dichtung und Kunst eine weitere hoch 
herzige Pflege hier gesunden, nur daß dabei, der 
Zeit entsprechend, Musik und Malerei den Vorrang 
bekamen. Wenn hier Liszt und Preller bereits 
auch schon wieder zu den großen Todten gehören, 
so wirken doch auch deren Erinnerungen fort. 
Ein reges geistiges Interesse eignet der Residenz, 
deren Fürsten stets mit hochsinnigem Beispiel 
vorangestanden haben und heute noch stehen, wohl 
für jegliche Art geistiger Arbeit und Genüsse. 
Jenes Interesse hat sich dann abermals, der Zeit 
gemäß, auch für deren Probleme erweitert. 
So ist es denn gekommen, daß der Verein 
„Fraüenbildung-Frauenstudium" hier seine General 
versammlung zu halten beschlossen hatte, und der 
„Erbprinz", der seiner Zeit jeweilig einen Goethe 
und Schiller beherbergte, in dem alle Größen der 
damaligen Zeit aus- und eingegangen sind, Heuer 
eine mächtige Zahl Frauen aufnahm, die man in 
sofern als modern bezeichnen darf, als sie sich 
mit einem erst in unserer Zeit entstandenen 
Problem beschäftigend innerhalb der gleichfalls erst 
unserer Zeit gehörenden Frauenbewegung stehen. 
Der Verein „Frauenbildung-Franenstndium" ist 
eine der jüngsten Schöpfungen, welche die Frauen 
bewegung als solche in das Leben gerufen hat. 
Er verfolgt als seinen besonderen Zweck, gewisser 
maßen sein Einzeltheil in der Gesammt-Arbeit 
oder -Bewegung für Hebung und Entwicklung des 
weiblichen Geschlechtes zu einem innerlich und 
äußerlich freien, selbständigen Menschenthum, die 
Förderung der intellektuellen, wissenschaftlichen 
Bildung der Frau; wirkt u. a. für die Erlaubniß 
ihres Studiums auf den Universitäten, demgemäß 
auch für die Erlangung ihrer Befähigung hierzu, 
für die Unterstützung der solchem Zweck ent 
sprechenden Vorbildung, die Gründung von Gym 
nasien für Mädchen. 
Indem ich mich mit meiner Betrachtung von 
dem Wechsel der Zeit an ein größeres Publikum 
wende, will ich mich nicht mit den Einzelheiten 
der Tagung dieses Vereines befassen, sondern nur, 
um sein Wirken etwas mehr zu erläutern, kurz, 
was hierhin gehört zusammenfassen; zuerst einer 
sehr lebhaften Debatte gedenken, innerhalb welcher 
man sich selbst noch einmal darüber klar wurde 
und einigte, daß sich der Verein nur aus die 
intellektuelle Ausbildung der Frau beschränken müsse 
und wolle (es war nämlich u. a. noch ein Antrag 
auf soziale Arbeit eingegangen): indem, wie seine 
Vorsitzende Fräulein Ä. von Dänning betonte, 
man sich bemühen müsse, geistig durchgeschulte 
führende Frauen zu schaffen, und anderweitig mit 
Stimmenmehrheit festgestellt wurde, daß das Wirken 
für obige intellektuelle und wissenschaftliche Bildung 
vollauf einen Verein in Anspruch nähme. An 
diese Debatte schloß sich als eine der lebhaftesten 
die Debatte an, ob schon bestehende oder noch zu 
errichtende gymnasiale Einrichtungen ein gleiches 
Recht aus Unterstützung haben sollten. Entschieden 
wurde, daß Baden-Baden 900 Mark, Königsberg 
2 800 Mark und Frankfurt a. M. für ein noch 
zu gründendes Gymnasium, das nach Frl. Dr. Winter 
halter's (Aerztin in Frankfurt a. M.) Auseinander 
setzung, eine Mnsteranstalt zu werden verspricht, 
2 000 Mark erhalten sollten. Eine nicht minder 
lebhafte Debatte, eine, der ich speziell das größte 
Interesse entgegenbrachte, erhob sich über Frl. Schlodt- 
mann's Antrag, die Reform der Mädchenschule. 
Leider konnte dieser Antrag aus Mangel an Zeit 
nicht mehr erledigt werden. Man einigte sich 
dahin, Frl. Schlodtmann zu beauftragen, eine 
von dem Vorstand zu genehmigende Kommission 
zu wählen, die sich mit der Abfassung eines 
Lehrplanes für die Mädchenschule beschäftigen 
wird.
	        

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