Full text: Hessenland (14.1900)

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Jahren hat die Entwickelung Karlshasens einen 
gleichmäßigen Gang angenommen, doch der Traum, 
daß hier einst eine große Handelsstadt sich aus 
breiten würde, hat sich als trügerisch erwiesen. 
Wohl aber mag, dank der Fülle von landschaft 
lichen Schönheiten, mit welchen die gütige Mutter- 
Natur das alte Sieburg begabt, dank der segen 
spendenden Quelle, welcher das von Jahr zu Jahr 
mehr ausblühende Soolbad sein Dasein verdankt, 
die Stadt innerhalb bescheidener Grenzen es zu 
einer gewissen Blüthe bringen und zu Ehren des 
hochherzigen Landgrafen, dessen Denkmal vor Jahres 
frist am Hafen enthüllt wurde. das prophetische 
Wort des begeisterten Lobredners sich erfüllen: 
Hier wird noch werden eine Stadt, 
Die nirgends ihres Gleichen hat. 
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Im Wechsel der Zeit 
Von M. von Eschen.*) 
s war im Spätsrühling, daß ich, um einer 
Generalversammlung des Vereins „Frauen 
bildung-Frauenstudium" beizuwohnen, in dem „Erb 
prinzen" zu Weimar eintraf. 
Gar seltsam mutheten mich die lieben alten 
Häuser an, die hier noch den Marktplatz umstehen, 
unter denen das Rathhaus, obwohl ein neues 
Gebäude, doch, dank seinem glücklich gewählten 
sreigothischen Stil, nicht aus dem Rahmen seiner 
Umgebung fällt, oder deren Stimmung stört. 
Zahllose kleine Buden mit bescheidenem Kram 
deckten dicht aneinander gereiht, zur Messe, den 
Platz; dazwischen trieben Käufer, meist kleine Leute 
so schien es, emsig, doch still, säst geräuschlos hin 
und her, sodaß mir immer mehr zu Sinn ward, 
als sähe ich weit, weit zurück, wie auf ein 
Märchenbild. 
Und etwas von dieser Märchenstimmung ist 
mir während all meines Aufenthaltes hier ge 
blieben, obwohl ich es selbst mit einer ganz 
modernen Erscheinung einer starken, lebenskräftigen 
Realität unter den Bewegungen des heutigen 
Lebens zu thun hatte. 
Wonnige Ruhe, wonniger Frieden liegen über 
der kleinen Residenz und den so überaus anmuthigen 
Gefilden, die sie umgeben. Eine köstlich reine Lust 
weht von den nahen Hügeln über Feld und Au, 
kühlt die.arbeitheiße Stirn, macht den Athem frei 
von allem Staub und Schmutz, dem aufreibenden 
Hasten und Drängen des Großstadtlebens, das ja 
in mehr denn einer Weise der Widerschein des 
*) Vor einiger Zeit (Jahrgang 1898, Nr. 19, 21) 
brachten wir eine. ihre literarische Thätigkeit eingehend 
würdigende Abhandlung über die heimische Schriftstellerin. 
Wir freuen uns heute unsern Lesern obigen Aufsah aus 
ihrer Feder unterbreiten zu können. Wir haben demselben, 
wenn er auch seinem Inhalt nach sich nicht ganz dem 
Rahmen unserer Zeitschrift anpaßt, besonders auch deshalb 
Raum gegeben, weil sich gerade darin so Manches be 
stätigt findet, was damals als für M. von Eschen charak 
teristisch angeführt war. 
modernen Lebens überhaupt geworden ist. Leicht, 
wie von einem bestrickendem Traume befangen, 
regen sich die Gedanken, wandern, alles, was be 
engen oder bedrücken kann, vergessend, zurück in 
eine selig schöne, große Vergangenheit. 
Ja diese Vergangenheit, die Erinnerung an 
jene harmonisch vollendete, in sich abgeschlossene, 
nie wieder mögliche Zeit, das ist es, was in erster 
Linie diesem Ort seinen bestrickenden, poetischen, 
märchenhaften Zauber leiht. Als ginge es durch 
eine Vineta, wanderte ich vorüber an den Stätten, 
wo die deutschen Dichterfürsten geschaffen und ge 
wirkt. unser aller Heros den größten Theil seines 
Lebens verbrachte — die geistvolle Herzogin Anna 
Amalia und ihr Sohn, der prächtig tüchtige 
Karl August, sich als die hochgemuthesten Fürsten 
ihrer Tage erwiesen, indem sie den dichterischen 
Genius zu ehren verstanden, wie es bislang nur 
einmal und abermals im Thüringerland auf der 
Wartburg geschah. Und wie sich damit jene 
Fürsten ein unvergängliches Blatt in dem Ruhmes 
kranz der deutschen Geschichte erworben haben, so 
sind jene Weimarer Tage, das Schaffen und 
Wirken der erlauchtesten Geister hier, zu einer 
unvergänglichen, leuchtenden Periode in der deutschen 
Geistesentwicklung geworden. 
Diese geistige Höhe blieb unangetastet, auch 
dann, als mit der nur wenige Meilen von hier 
entfernt gelieferten Schlacht bei Jena eine Zeit tiesster 
Niederlage für unser Vaterland begann. Der 
stolze Korse, der im Uebermuth die Welt zu seinen 
Füßen sah — er beugte sich im stillen vor dem, 
was er in Weimar fand. ,Voi1ü, un homme“, 
dies Wort hat Goethe dem Menschenverächter ab- 
genöthigt. Ueber die Herzogin Luise aber, die 
für ihr Land von ähnlicher Bedeutung wie die 
Königin Luise für Preußen ward, gestand Napoleon 
seinen Generalen, „das ist eine Frau, die auch 
unsere zweihundert Kanonen nicht in Furcht haben 
setzen können". Und doch hat dieser Mann, der.
	        

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