Full text: Hessenland (14.1900)

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Heimath zuerst nach Aarau in der Schweiz und 
von da der Einladung des Landgrafen folgend 
nach Helmarshausen gezogen, wo sie vorläufig 
ihren Wohnsitz nahmen, denn Karlshafen war noch 
nicht vorhanden. Die Gründung dieser Stadt er 
folgte übrigens in einer ganz bestimmten Absicht, 
die darin bestand, daß man den Ort zu einem 
Stapelplatz gestalten und aus diese Weise den 
Weserhandel Mündens wieder mehr nach Hessen 
ziehen wollte. Unter der Leitung des Majors 
Conradi wurden die umfangreichen Trockenlegungs 
arbeiten ausgeführt und zugleich mit der Errichtung 
der Gebäude nach einem sehr regelmäßigen Grund 
riß der Anfang gemacht. Wie diese Anlage ur 
sprünglich gedacht war, zeigt der in der Vereins 
bibliothek befindliche Grundriß: in der Mitte der 
Hafen, rechts und links zwei volle und zwei halbe 
Häuserviertel, am Berge amphitheatrnlisch aufsteigend 
drei weitere Häuserreihen und darüber als Krönung 
das Gotteshaus. Die Häuserreihe au der Weser 
fehlt und sollte der Blick also direkt vom Fluß aus 
die schön verzierten Giebel der Nordseite der Weser 
straße fallen. 
Nachdem am 29. September 1699 der Grund 
stein zu dem ersten Hause der Stadt (Gasthaus 
Peters am Hasen, Hotel Brandes-Müller gegenüber) 
gelegt war, entstanden in rascher Folge außer den 
Privatgebäuden auch eine Anzahl öffentlicher Bauten, 
so das mit einer Kapelle ausgestattete Jnvalidenhaus, 
das Packhaus am Hasen, die herrschaftliche Mühle 
u. a. Im Jahre 1722 waren schon ganze Häuser 
reihen vorhanden, zu deren Erbauung Beihilfen 
aus Staatsmitteln angewiesen wurden. Nach dieser 
neuen im Bau begriffenen Stadt, die im Jahre 1715 
den alten Namen Sieburg mit Karlshafen vertauscht 
hatte, waren auch die Flüchtlinge aus Helmars 
hansen übergesiedelt; sie wohnten zuerst der Tradition 
nach in Baracken, die sich am Berge hinzogen. 
Neben den zahlreichen Vergünstigungen, Freiheits 
und Begnadigungsbriefen (von 1704, 1710, 1719), 
welche in der Absicht erlassen waren, Kolonisten 
nach Sieburg zu ziehen, trugen auch noch andere 
Einrichtungen zur Hebung des neuen Gemeinwesens 
bei, wie denn die Anlage einer Tuch- und Blau- 
sarbensabrik die Entwicklung von Handel und 
Industrie günstig beeinflußte. Der Mehrzahl nach 
waren übrigens die Ansiedler deutschen Blutes 
(der erste war Johann. Jakob Sandmann) und der 
Zuzug derselben dauerte auch weiter au, so daß in 
der Folge neben der französischen sowohl eine 
evangelisch-resormirte wie lutherische Gemeinde sich 
bildete, die sämmtlich ihren Gottesdienst in der 
Kapelle des Jnvalidenhauses hielten; eine eigne 
Kirche hat die Stadt bis heute noch nicht. Ab 
gesehen von den erwähnten Maßregeln und Ein 
richtungen versprach man sich jedoch das meiste für 
die Hebung des Platzes von einem in Wahrheit 
großartigen Projekte, welches theils dem Land 
grafen, theils dem späteren russischen Feldmarschatt 
Münnich seine Entstehung verdankte. Man beab 
sichtigte nämlich nichts Geringeres, als die Stadt 
durch eine Kanalverbindnng an das Hinterland an 
zuschließen. indem man den Hasen mit der Haupt 
stadt durch eine direkte Wasserstraße verbinden und 
diese dann unter Benutzung der verschiedenen Fluß 
läuse bis zur Lahn fortsetzen wollte. Behufs Aus 
führung dieses Planes nahm man zunächst die 
Schiffbarmachung der Diemel in Angriff; ein 
Durchstich wurde von dem südlichen Ende des 
Hafens nach dem Flusse augelegt, dessen Bett selbst 
vertieft und dann im Jahre 1722 begonnen, den 
Kanal von der Diemel bei Stammen in der Richtung 
auf Hümme bis in die Gegend, von Hofgeismar 
auszuführen. Leider unterblieb der weitere Ausbau 
iu Folge des Todes des Laudgrafen, aber noch 
heutigen Tages stößt der Wanderer auf Reste von 
Schleusenbauten und die Spuren dieses Kanals, 
der sich vom Schöneberg bei Hofgeismar her, längs 
der Esse an Hümme vorbei bis zum Dorf Stammen 
an einer flachen Terrainmulde verfolgen läßt. 
Einer etwa beabsichtigten Wiederaufnahme des 
Projekts waren die nachfolgenden Jahre an sich 
allein schon wenig günstig, denn der siebenjährige 
Krieg machte Hessen zum Tummelplatz feindlicher und 
freundlicher Heere und schädigte den Wohlstand 
Karlshafens in empfindlicher Weise. Langsam be 
gann sich nach dem Frieden die Stadt zu erholen, 
und zu Anfang des 19. Jahrhunderts zeigte der 
Handel bereits eine recht erfreuliche Blüthe, als 
wiederum das Schicksal hemmend eingriff und der 
Verlust der Privilegien während der westfälischen 
Zeit der Stadt schweren Schaden zufügte. 
Einen wichtigen Faktor in der Entwickelung der 
Stadt bildete außerdem die Saline. Bereits im 
Jahre 1730 hatte Conradi den Auftrag erhalten, 
die vor Kurzem entdeckte Soolquelle zu untersuchen, 
aber es dauerte noch bis zum Jahre 1762, bis die 
Quellen auf Veranlassung des Herrn von Waitz 
nutzbar gemacht und die entsprechenden Anlagen wie 
Gradir- und Siedehänser geschaffen wurden. Die 
Saline lieferte gegen 3000 Malter gutes Kochsalz, 
wurde jedoch in den 30er Jahren zu Gunsten 
des älteren Werkes in Sooden a. Werra auf 
gegeben, weil der Zollvertrag mit Preußen Hessen 
nur eine Produktion für das eigene Land ge 
stattete. 
So haben denn mancherlei Einflüsse dahin ge 
wirkt, daß die großen Hoffnungen, welche man 
einst aus die neue Gründung gesetzt, nicht in Er 
füllung gegangen sind. Erst in den letzten dreißig
	        

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