Full text: Hessenland (14.1900)

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lichsten Ausläufer des ausgedehnten Reinhards 
waldes zwischen Weser und Diemel liegt. Da 
wo diese beiden Flüsse vor ihrer Vereinigung am 
meisten sich nähern und einen nur schmalen Berg 
rücken zwischen sich fassen, ziehen sich quer zu diesem 
Rücken die Hüuengrüben und sperren den nördlich 
gelegenen Theil ab, der so eine große nach dem 
Wasser zu sturmfreie Bolksburg darstellt. Die 
Schanze auf den Eberschützer Klippen, welche diemel- 
uufwärts das nächste Glied der Kette bildet, besteht 
aus einem Mittelviereck mit östlich und westlich 
sich anschließenden Abtheilungen, deren westliche 
dicht an die Klippen gerückte die Hauptburg ge 
wesen ist. Eine methodische Berücksichtigung eines 
Ortsnamens führte zur Entdeckung der nächsten 
Befestigung, welche auf dem Plateau des Kalen 
berges, wo jetzt das Schloß steht, zu suchen ist. 
In der Nähe dieser altsächsischen Volksburgen findet 
sich nämlich öfter der Name Herlingsburg, Herling 
hausen, Oerlinghausen u. s. w. Da nun in dem 
Worte Herling vielleicht die alte Bezeichnung einer 
offiziellen Persönlichkeit, etwa des Gaugrafen, er 
halten ist, scheint wirklich ein Zusammenhang 
zwischen dem Amtssitze dieser Grafen und den 
Bolksburgen vorzuliegen. Bei dem nach drei Seiten 
steil abfallenden Kalenberg — nur die vierte 
brauchte durch Wall und Graben geschützt zu 
werden — kommt der Ortsname Herlinghausen 
gleichfalls vor, und dieser Umstand ist wohl geeignet, 
die Ansicht zu stützen, daß in dem Kalenberg das 
hier fehlende Glied der Kette wieder zu erkennen 
ist. Die vierte Anlage, auf dein Ouast bei Scher 
fede, ist als sächsische Volksburg aufzufassen, weil 
der Wall dicht an die Bergkante gerückt ist; auch 
das fünfte Glied dieser Tiemellinie, die alte Eres- 
burg (Obermarsberg), ist sächsischen Ursprungs und 
als Bolksburg ersten Ranges ihrer natürlichen 
Lage nach öfters benutzt worden, wie die Geschichts 
quellen zur Genüge beweisen. 
Natürlich ist diese Linie nicht etwa nach einem 
einheitlichen Plane angelegt, denn die Burgen 
entstammen verschiedenen Perioden, der altgerma 
nischen und der sächsischen, wohl aber darf man 
annehmen, daß sie zn Karl's des Großen Zeit 
alle bestanden und zeitweise von den Sachsen besetzt 
wurden, um die aus dem fränkischen Gebiete in's 
Sachsenland führenden Straßen zu sperren. Daß 
alle diese Werke auf dem Südufer der Diemel 
liegen, darf nicht ausfallen, weil die Strategie der 
damaligen Zeit, im Gegensatz zur heutigen, nach 
dem Grundsatz verfuhr, die feindliche Seite eines 
Flusses zu besetzen und dem Feind schon die An 
näherung an den Fuißlaus zu wehren. Ein Bei 
spiel für diese Methode der Kriegführung bietet 
der Zug KarUs des Großen von der Eresburg 
durch den Nethegau nach der Weser bei Höxter: 
die Sachsen besetzen in diesem Falle den Bruns 
berg aus dem linken Weseruser, um die Franken 
am Uebergang zu hindern. 
Die besprochenen Befestigungen, welche in Ab 
stünden von 12 — 15 Kilometer von einander liegen, 
waren höchstwahrscheinlich alle mit kleinen Vor 
werken versehen, welche dazu dienten, Seitenthäler 
zu überwachen, in die man von dem Hauptwerk 
nicht hineinsehen konnte. Ihre Spuren dürsten 
auch heute noch zu finden sein, und ergeht an die 
Ortskundigen die Bitte, bei dem Aufsuchen dieser 
kleineren Werke behilflich zu sein. 
Der zweite Bortrag des Morgens behandelte die 
Geschichte des Versammlungsortes Karls Hafen, 
welche Pfarrer Francke in höchst fesselnder Weise 
vortrug. Nachdem der Redner die undurchdring 
liche Wildniß von Wald und Wasser geschildert, 
die in der Urzeit die Gegend von Karlshasen be 
deckte, sprach er über die schon oben erwähnte 
Sieburg, welche den in einzelnen Rodungen zer 
streuteil Bewohnern einer späteren Periode als 
Zufluchtsort diente. Welche Kämpfe sich um diese 
Burg abgespielt haben, darüber fehlen alle Nach 
richten, und die Vermuthung, daß diese Befestigllug 
die Burg des Segest gewesen, in der er von 
Arminins belagert wurde, bedarf der Bestätigung; 
Römergräber, die von dem zum Entsatz heran 
eilenden Heere des Germanicus herrühren könnten, 
fanden sich allerdings in den Kieslagern der Stadt, 
wie Stefan Winterberg (1722) berichtet. Urkund 
lich erwähnt wird der Name Sieburg einmal im 
Jahre 1013, wo der Wald, „die Syburg genannt", 
der neu errichteten Abtei Helmarshausen überwiesen 
wird. 
Dann kommt die Sieburg erst im Jahre 1699 
in Aller Mund. Eine fanatische Regierung ver-' 
folgte damals in Frankreich ihre protestantischen 
Unterthanen, welche nicht die Blesse hören wollten, 
in arger Weise und viele der letzteren flohen lieber 
aus dem Lande, als daß sie ihre religiöse Ueber 
zeugung. opferten. Schon vor der Aufhebung des 
Ediktes von Nantes (22. Oktober 1685) hatte nun 
Landgraf Karl durch eine Bekanntmachung vom 
18. April die ihres Glaubens wegen Vertriebenen 
eingeladen, in seinem Lande sich anzusiedeln.*) Sv 
erfolgte denn von diesem Jahre an die Einwanderung 
zahlreicher Hugenotten in Hessen und es entstanden 
französische Gemeinden in Kassel, Karlsdorf, Hof 
geismar und viele andere, darunter auch die zu 
Karlshafen. Diejenigen Franzosen (38 Familien), 
welche sich hier niederließen, waren aus ihrer 
*) Brandenburg folgte seinem Beispiel erst am 29. Ok 
tober des gleichen Jahres.
	        

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